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Wissenschaftler des Jahres: Ein Archäologe, der nicht gräbt

Auf dem Gerät, mit dem er das Terrain sondiert: Wolfgang Neubauer, hier in Langenzersdorf.
Auf dem Gerät, mit dem er das Terrain sondiert: Wolfgang Neubauer, hier in Langenzersdorf.(c) APA/HERBERT PFARRHOFER
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Ob im Kamptal oder bei Stonehenge, in Carnuntum oder Skandinavien: Wolfgang Neubauer blickt in den Boden, ohne irgendetwas zu zerstören.

„Wir graben nicht in der Wirklichkeit, wir graben in der Virtualität“, sagt Wolfgang Neubauer, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie: Mit Radar und Magnetometern blicken er und sein Team in den Boden. Was sie dort finden, bringt er engagiert an die Öffentlichkeit: Vor allem dafür hat ihn der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten mit dem Titel „Wissenschafter des Jahres“ ausgezeichnet. (Der Klub hält trotzig an der unüblichen Form „Wissenschafter“ fest.)

Neubauer ist als Sohn österreichischer Eltern in der Schweiz aufgewachsen, was man ihm immer noch anhört. Schon mit elf deklarierte er in einem Schulaufsatz seinen Berufswunsch: Archäologe. In Wien studierte er eine außergewöhnliche Fächerkombination: Ur- und Frühgeschichte, Archäometrie und Mathematik. Bei einem Proseminar befasste er sich mit geophysikalischer Prospektion, war schnell begeistert und fragte seinen Professor, Falko Daim, wer diese Techniken in Österreich verwende. Die Antwort: „Niemand.“ Also tat er's.

Zunächst an einer Kreisgrabenanlage im Kamptal, die deutlich älter ist als Stonehenge, das jungsteinzeitliche Monument in Mittelengland, das auch aus einem ganz trivialen Grund zur Ikone der Archäologie geworden ist: weil es sichtbar ist. Neubauer hat viel dazu beigetragen, das Unsichtbare in der Landschaft um Stonehenge zu erforschen, als Kooperationspartner im britischen Hidden Landscapes Project, das seit 2010 läuft. Es fing gleich erfolgreich an: Kaum hatten er und seine Mitarbeiter begonnen, ihre Messgeräte über den Boden zu ziehen, entdeckte Neubauer schon ein nur 900 Meter entferntes Monument aus Holz, ein Woodhenge mit ehemals 24 Pfosten, umgeben von einem Graben. Heuer fand sein Team ein riesiges Steinmonument unter dem Wall der drei Kilometer von Stonehenge entfernten Anlage von Durrington Walls.

 

„Große rituelle Landschaft“

Das Gebiet um Stonehenge erscheint immer mehr als „große rituelle Landschaft“, wie Neubauer es nennt. Welche Riten dort geübt wurden, darauf will und kann er sich nicht festlegen. „Nur eines ist sicher: Für die Druiden hatte es keine Bedeutung.“ Als 500 v. Chr. die Kelten kamen, waren die letzten großen Bauten in Stonehenge auch schon 500 Jahre alt. Doch Neubauer betont die „sehr große zeitliche Tiefe“ von Stonehenge: Fast 3000 Jahre lang wurde dort gebaut, die Intention, die Bedeutung der Anlage hätten sich sicher im Lauf der Zeit geändert, meint Neubauer, das sei ja auch beim Stephansdom so gewesen. Und Stonehenge hat bis heute kulturelle Bedeutung: So erwiesen sich Tausende Metallstücke, die sich in einem Teil des Geländes fanden, als rezente Hinterlassenschaften: Dort war der Campingplatz des Stonehenge Free Festival, das zwischen 1972 und 1984 stattfand.

 

Gladiatorenschule in Carnuntum

Derzeit arbeitet Neubauer intensiv an der Auswertung – „42 Quadratkilometer Daten wollen auch interpretiert werden“ –, die wissenschaftlichen Publikationen sollen bis Ende 2016 erscheinen.
Daneben forschen Neubauer und sein Team auch in Carnuntum – dort fanden sie u. a. ein sechs Fußballfelder großes Militärlager und eine Gladiatorenschule, die einzige außerhalb Roms, die bisher bekannt ist – und in Skandinavien: In Dänemark, Schweden und Island suchen sie nach Spuren der Wikinger. Mit einem neu entwickelten schneetauglichen Bodenradarsystem fanden sie in Borre (Norwegen) einen eisenzeitlichen Häuptlingssitz mit Ritualplätzen und Hafenanlage neben den bekannten Grabhügeln. Den Wikingern würde Neubauer auch gern über den Atlantik folgen, nach Neufundland, wo sie um 1000 n. Chr. gelandet waren und Siedlungen anlegten.

Wichtig ist Neubauer die Vermittlungsarbeit: Die Forschung sei nur durch öffentliche Finanzierung möglich, also sei es eine „absolute Bringschuld“ der Wissenschaft, die breite Öffentlichkeit zu informieren. Diese Schuld begleicht Neubauer derzeit auch in einem Museum: Sein Boltzmann-Institut konzipiert im Urgeschichtemuseum in Mistelbach eine große Ausstellung über Stonehenge, die ab 20. März zu sehen ist.

Der PREIS

Seit 1994 vergibt der österreichische Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten den Titel „Wissenschafter des Jahres“, verbunden mit einer Einladung des Office of Science and Technology an der österreichischen Botschaft in Washington zu einem Vortrag ebendort. Preisträger der vergangenen Jahre: Weltraumforscher Wolfgang Baumjohann (2014), Umwelthistorikerin Verena Winiwarter (2013), Ökologe Georg Grabherr (2012), Archäologin Sabine Ladstätter (2011), Kurt Kotrschal (2010).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2016)