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Hoch, höher, Hügelbeet

Hochbeete: heute in Holz, früher einmal auch ohne.
Hochbeete: heute in Holz, früher einmal auch ohne.Ernst Weingartner / picturedesk.com
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Das heute so beliebte Hochbeet ist letztlich das Abbild einer uralten Kulturtechnik, wobei das Fragwürdigste daran die hölzerne Konstruktion selbst ist.

Nach gut sechs Jahren haben die braven hölzernen Einfassungen der Gemüsebeete ihren Geist wie zu erwarten aufgegeben. Zuletzt waren sie Heimstatt von Pilzen, Mikroorganismen und anderen Winzlingen gewesen, kurzum, sie waren komplett vermorscht. Nunmehr fielen sie einem lustigen Lagerfeuer anheim. Danach blieben nur noch Asche und vom Feuer blank geleckte Winkeleisen übrig. Beides kann wiederverwendet werden, denn, wie schon die Urgroßmutter befriedigt sprach, als sie den nach dem Saustechen vermissten ledernen Fingerling später in der Blutwurst wiederfand: „Bei einer guten Hausfrau geht eben nichts verloren.“

Das gilt auch für uns Gärtner. Die Holzasche kommt als Dünger auf die Beete, für die Winkeleisen wird sich ebenfalls wieder Verwendung finden. Ob sie jedoch abermals Hölzer als Bordüre für Gemüsebeete in den rechten Winkel rücken werden, bezweifle ich.

Chinesen haben es erfunden. Das nur vermeintlich in den vergangenen Jahren erfundene, um sündige Summen in Bau- und anderen Märkten feilgebotene Hochbeet aus zwar weniger schnell, doch irgendwann doch verrottendem Lärchenholz ist letztlich das modische Abbild einer uralten Kulturtechnik. Tatsächlich hat man in China bereits vor gut 4000 Jahren in erhöhten Beeten Gemüse gezogen. Die Ränder wurden festgeklopft und sonst nicht befestigt. Die Dinger hielten trotzdem und bewährten sich.

Auch die Römer und Griechen befleißigten sich erhöhter Beete, und bis ins Mittelalter hinein war es in Europa üblich, die Außenkanten mit in die Erde gesteckten Kieferknochen größerer Tiere zu befestigen, deren knubbelige Gelenksenden als Ornament angesehen wurden. Auch in Amerika arbeiteten praktisch alle sesshaften indigenen Völker – sowohl Nord- als auch Lateinamerikas – mit erhöhten Beeten, und das schon Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende bevor der spanische Zerstörer Hernán Cortés ab dem Jahr 1519 das blühende mexikanische Aztekenreich dem Erdboden gleichmachte. In der damals sumpfigen Ebene des heutigen Mexico City hatten die Azteken ein raffiniertes Hochbeetsystem ersonnen: Sie türmten die Erde in dem sumpfigen Areal zu erhöhten Beeten auf. Diese waren mit einem Geflecht aus Wacholderholz und Teichbinsen rundum befestigt.

Als weitere Befestigungsmaterialien für erhöhte Beete dienten im Lauf der Geschichte je nach Region gesinterte Ziegel und andere nicht poröse Keramiken, Steine, ja sogar fragwürdigerweise Blei, wie im England des 17. Jahrhunderts. In Gegenden mit aktiven Vulkanen wie Hawaii, Neuseeland und auf den Kanaren bot sich als Beeteinfassung logischerweise Lavagestein an, und dieses wurde auch verwendet. Da fällt mir ein, dass die Gegend hier das Steinfeld genannt wird, und möglicherweise werde ich diese Idee aufgreifen und auf das hier reichlich in jedweder Größe und Form vorhandene namensgebende Material zurückgreifen. Mal sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2016)