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Fall Kampusch: Die Videos aus dem Verlies

(c) APA/ROLAND SCHLAGER
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Ein neues Buch enthüllt, dass Kampusch-Entführer Priklopil sein Opfer gefilmt haben soll. Das soll auch Gerüchte widerlegen. Über die Existenz solcher Videos war bisher nichts bekannt.

Wien. Der Fall der Entführung der Natascha Kampusch ist in der jüngeren Kriminalgeschichte so besonders, dass auch über neun Jahre nach ihrer Flucht aus dem Verlies ihres Entführers Veröffentlichungen für Aufsehen sorgen. Eine dieser Veröffentlichungen ist das heute, Montag, erscheinende Buch des deutschen Autors Peter Reichard.

Reichard, vor fünf Jahren drehte er den Fernsehfilm „Natascha Kampusch: 3096 Tage Gefangenschaft“, behauptet nun, dass Entführer Wolfgang Priklopil sein Opfer während der mehr als acht Jahre dauernden Gefangenschaft auf zahlreichen Videobändern festgehalten, sein gemeinsames Leben mit Kampusch dokumentiert hat.

Über die Existenz solcher Videos war bisher nichts bekannt. Im Gegenteil. In den Tagen unmittelbar nach Natascha Kampuschs Flucht erklärten Führungskräfte des Bundeskriminalamts zwar, zahlreiche Videobänder im Haus des Entführers in Strasshof an der Nordbahn (Niederösterreich) entdeckt zu haben, allerdings sei auf keinem der Filme das Opfer selbst zu sehen gewesen. Vielmehr soll es sich um TV-Aufzeichnungen, Spielfilme, Nachrichtensendungen etc. gehandelt haben. Nach der Durchsicht der Bänder seien sie allesamt Kampusch zur Verfügung gestellt worden.

Buchautor Reichard behauptet nun, dass die wirklich wichtigen Bänder, also jene, auf denen eben doch Kampusch und Entführer Priklopil zu sehen seien, bis heute unter behördlichem Verschluss stünden. Mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Opfers könnten nun zumindest die Abschriften dieser Videos veröffentlicht und damit überhaupt die Existenz der Bänder bekannt gemacht werden.

 

„Stell' den Teller ordentlich ab“

Manche Szenen aus den Abschriften erscheinen fast erschreckend banal. „Stell' den Teller ordentlich ab. Abspülen! Die Eier!“, soll er ihr beim Essen befohlen haben. Andere Dialoge, glaubt Reichard, würden hingegen klar und eindeutig belegen, dass an der Unzahl von öffentlich kolportierten Verschwörungstheorien über den Entführungsfall nichts dran sei.

Die Rede war von Mittätern, von einem Pädophilenring, von einschlägigen Filmen und Fotos, die Österreichs Mächtige mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln geheim halten wollten. Priklopils Suizid, er warf sich noch in der Nacht von Kampuschs Flucht vor eine Schnellbahn, und die Art und Weise, in der seine Leiche aufgefunden wurde, befeuerten entsprechende Mutmaßungen weiter.

Unabhängig vom Wahrheitsgehalt von Reichards Buch kann man heute ohne viel Risiko feststellen, dass es in Österreich keinen zweiten Kriminalfall gibt, der derart oft und von unterschiedlichsten Experten untersucht wurde. Die Akten wurden gesichtet von: zwei Evaluierungskommissionen, parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, einer internationalen Expertenkommission, in der u. a. Vertreter des amerikanischen FBI und des deutschen Bundeskriminalamts saßen. Auch private Ermittlungen wurden angestellt.

Im Zuge all dieser Berichte wurden zwar immer wieder diverse Mängel bei Polizei und Staatsanwaltschaft festgestellt, aber echte Ermittlungsansätze, die auf mögliche Mittäter hinwiesen, fand man nicht. Und auch von Videos, die Priklopil von seinem Opfer aufgezeichnet haben soll, war in all diesen Berichten bisher nicht die Rede. (awe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2016)