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„Balthazar“: Metaphern für das Leben

(c) Christine Pichler

„Jeder ist ein Esel“, sagt Choreograf Nikolaus Adler und zeigt „Balthazar“ nach Bressons Film.

Am Ende des Films ist der Esel tot, und der Tanz beginnt. In Robert Bressons berühmtem Film „Au hasard Balthazar“ („Zum Beispiel Balthazar“, 1966) sieht man, wie Mensch und Kreatur gleichermaßen geschunden werden. „Der Film ist das ganze Leben in eineinhalb Stunden“, lobte ihn Kollege Jean-Luc Godard. Choreograf Nikolaus Adler zeigt, von Bressons Film inspiriert, mit drei Tänzerinnen und zwei Tänzern „Balthazar“. Der Esel bleibt unsichtbar. Aber: „Jeder ist der Esel“, sagt Adler, Tänzer, Choreograf und Filmliebhaber: „Wie der geschundene Esel inmitten der Schafherde stirbt, das hat mich nicht mehr losgelassen. Er behält seine Würde. Das wollte ich in Tanzbewegungen umsetzen.“ Damit ist er ganz nahe bei der filmischen Arbeit des 1999 verstorbenen Meisters. Bresson hat weitgehend auf professionelle Schauspieler verzichtet und lieber mit Laien, sogenannten Modellen, gearbeitet. Niemand sollte spielen, etwas darstellen. Bresson wollte durch Gesten, Bewegungen und Mimik Emotionen in den Zuschauern erzeugen. Zwanzigmal ließ er seine Akteure die Bewegungen ausführen. Adler grübelte: „Welche Mechanismen prägen den Film? Was ist das Wesentliche an Bressons Arbeit?“ Fünf Wochen Probenzeit erlaubt sich nicht jeder Choreograf. Die Einleitung der Aufführung ist eine Art Making-of als Erklärung des Films und als Erinnerung. „Man muss den Film nicht kennen, um das Stück zu verstehen, dennoch will ich das Thema vorstellen“, erläutert Adler. Bressons Arbeitsweise ist der Arbeit des Choreografen verwandt: Die Zuschauer sollen durch Bewegung und Gestik berührt werden. Im Gegenzug arbeitet auch der Cineast Adler wie im Film, geprobt wird in kleinen Takes, erst am Ende der Probenzeit werden die Teile zusammengesetzt. So können die Tänzer wie Bressons Modelle nie in ihre eigenen Emotionen rutschen. Dennoch steckt in diesem Tanz vom Leben, mit Geburt und Hochzeit, Liebe und Leid, auch viel von den Tänzerinnen und Tänzern selbst.

„Wir haben, bevor wir in den Probenraum gegangen sind, den Film analysiert, gemeinsam und jeder für sich über die Schlüsselszene, das Sterben des Esels, reflektiert, Gefühle und Erfahrungen ausgetauscht. Das war sehr anstrengend.“ Jetzt sind Erinnerungen und Gefühle in die Choreografie eingeflossen. „Doch niemand tanzt sich selbst, die Emotionen sind quasi an Stellvertreter weitergegeben. Es gibt ja auch keine festgeschriebenen Rollen, auch keine geordnet erzählte Geschichte, die bildet sich dann aber doch in den Köpfen des Publikums. So hoffe ich.“ Adler will aber nicht den Film „vertanzen“: Dieser sei lediglich ein Leitmotiv, speziell die traurige letzte Szene. Trotzdem wird die Performance immer wieder an den Film erinnern, etwa mit der im Film verwendeten Klaviermusik. Martin Klein, Komponist des Sounds der Aufführung, wird Schuberts Klaviersonate Nr. 20 A-Dur live einspielen. Ferner werden Szenenausschnitte aus dem Film zitiert. Ein Kameramann wandert über die Bühne, beobachtet das Geschehen, die Verliebten umarmen einander, der Geliebte entpuppt sich als Verbrecher, der Esel, geht seinen Leidensweg und so weiter.

Nasse Augen. Adler ist längst kein Frischling mehr in der Szene. Begonnen hat er seine Laufbahn als Tänzer: Ausbildung in der heute Ballettakademie genannten Ballettschule der Wiener Staatsoper, Engagement im Ensemble unter den Ballettchefinnen und -chefs Elena Tschernischova, Anne Woolliams und Renato Zanella. Früh begann Adler zu choreografieren. Die griechische Tragödie beeindruckte ihn: Antigone oder Ödipus ließ er in modernem Design tanzen, mit der „Ballade von High Noon“ hat er auch seine Liebe zum Film gezeigt. Die Einberufung zum Bundesheer hat die Karriere unterbrochen. Das Wiederanknüpfen war nicht einfach. Bei Adler dauert es lang, bis ein Projekt aus dem Kopf in die Realität umgesetzt wird. Warum dreht er keine Filme? „Das ist nicht meine Art, mich auszudrücken. Ich kenne die Filmsprache nicht. Meine Sprache ist die Tanzsprache. Doch ich finde es faszinierend, dass man 90 Minuten auf eine weiße Wand schaut.“ Und dabei etwas erlebt.

Als freier Choreograf sucht sich Adler die Tänzerinnen jeweils passend für sein Stück aus. „Sie müssen meine Intentionen verstehen und umsetzen können und auch selbst etwas beitragen. Aber ich bleibe der Choreograf.“ Von der gern geübten Methode, die Tänzer ihre eigenen Choreografen sein zu lassen, sie einfach machen zu lassen, hält Adler wenig. „Ich habe ein Konzept, und ich möchte auch, dass das Team gut zusammenpasst, sich gut versteht und kommunizieren kann.“ Das ist ihm mit den jungen Absolventinnen des MUK (Privatuniversität der Stadt Wien) Laura Fischer, Katharina Illnar und Pauline Stöhr bestens gelungen. Die beiden Männer, Ardee Dionisio und ­Etienne Aweh, sind bereits erfahrene Tänzer. Dionisio hat sowohl beim Cirque du Soleil getanzt als auch in der Compagnie des Opernhauses Graz. Aweh, in Kassel geboren, zuletzt am Theater Osnabrück engagiert, arbeitet als freier Tänzer und ist in der vergangenen Saison als Gast am Tanztheater Münster in der Choreografie „Gefangen“ von Hans Henning Paar aufgetreten. Mit seinem „wunderbaren Team“ ist Adler überaus zufrieden. „Sie haben verstanden, worum es geht. Sie hausieren nicht mit ihren persönlichen Gefühlen, führen dem Publikum nichts vor, sondern sind eine Projektionsfläche, die von Zuschauern mit ihren eigenen Emotionen und Gedanken gefüllt wird.“ Obwohl Adler, wie er sagt, „viel zu wenig Realist ist, um nicht melancholisch zu sein“, zeigt er kein trauriges Stück, wenn es doch nasse Augen gibt, dann ist das Rezept Bressons aufgegangen: „Der Tod kann einen bewegen, wenn man ihn nicht zeigt. Das Gleiche gilt für die Liebe.“

Tipp

Theater Nestroyhof Hamakom. Nikolaus Adler: „Balthazar – ein Tanzstück über uns und das Leben“, 28.–30. 4., weitere Vorstellungen: 4., 6., 7. 5. www.hamakom.at