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Durch die Linse der Vergangenheit

Redl verkauft gebrauchte wie neue Kameras verschiedenster Marken und Baujahre.
Redl verkauft gebrauchte wie neue Kameras verschiedenster Marken und Baujahre.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Kamerareparateur Helmut Redl stammt wie die analogen Modelle, die bei ihm überholt werden, aus einer anderen Fotografen-Ära. Solange er Lust hat, will der 60-Jährige die Werkstatt in der Josefstadt weiterführen – dann wird das Licht gelöscht.

„Ich habe einen Lehrbub gehabt. Was der repariert hat, hat immer funktioniert. Aber er wusste nicht, warum oder wofür“, erzählt Helmut Redl. In der Stimme des Kamerareparateurs schwingt eine Mischung aus Bedauern und Unverständnis mit. Das sture, fehlerfreie Abspulen eingelernter Handgriffe – das ist nicht die Art, wie Redl an die Reparatur der bei ihm abgelieferten altehrwürdigen Leicas, Hasselblads und Nikons herangeht. Er bezeichnet sich selbst als „extrem perfektionistisch, zu perfektionistisch vielleicht“.

Der Anspruch, das Zusammenspiel der filigranen Einzelteilchen in den lädierten Fotoapparaten nachzuvollziehen, garantiert seiner Kundschaft aus Profi- und Hobbyfotografen gewissenhafte Handarbeit. Und die sehr hohe Wahrscheinlichkeit, ihre Kamera wieder einwandfrei zurückzuerhalten. Der hohe Anspruch des 60-Jährigen an sein Metier wird aber wohl auch das Ende seines Geschäfts in absehbarer Zukunft besiegeln. Denn Redl hat keinen Nachfolger, will, wie es scheint, nach seiner Erfahrung mit Lehrbuben auch keinen. „Ich habe mir lange genug Sorgen gemacht.“

„Hinter mir die Sintflut“. Zu seinem 60. Geburtstag machte er – wie er das selbst bezeichnet – seinen Beruf zum Hobby. Was nicht bedeutet, dass Redl heute nicht mehr in dem Lokal im Alsergrund anzutreffen wäre. Aber eben mit einer kleineren, aus freien Mitarbeitern bestehenden Mannschaft und an weniger Stunden pro Tag. Solange es ihn noch freue und er gesund sei. Dann werde das Licht abgedreht. „Hinter mir die Sintflut“, sagt Redl nur. Hier merkt man wieder Bedauern, aber auch eine gewisse Resignation in seiner Stimme. Der Wiener ist angesichts der Veränderungen, die das Fotografiegewerbe in den letzten Jahrzehnten durchlebt hat, sichtlich müde geworden. Wie heute fotografiert und entwickelt wird, das entspricht nicht mehr seiner Welt. „Die Zeit ist leider nicht stehengeblieben“, bemerkt er und blättert mit einiger Abscheu durch die Hochglanzzeitschriften mit den neuesten Digitalgeräten zum Preis eines Kleinwagens. „Hässlich“, befindet Redl und blättert weiter.

Sollte ihn eines Tages die Lust am Arbeiten verlassen, ist eine der letzten drei unabhängigen Werkstätten für Kamerareparaturen in Österreich Geschichte. Natürlich gebe es neben ihm und seinen ebenfalls schon betagteren Kollegen in Salzburg und Wien noch die Vertragswerkstätten der internationalen Kameraproduzenten wie Nikon und Canon. Von ihnen hat Redl aber eine ähnlich durchwachsene Meinung wie von den heutigen Lehrbuben oder Digitalkameras. Und im Unterschied zu seiner Werkstatt dürfen sie nur Kameras ihrer Vertragspartner reparieren. Sollte man also in Zukunft das Pech haben, seine Hasselblad überholen lassen zu müssen und keinen Helmut Redl in der Nähe zu haben, wäre wohl ein Kleinkredit nötig, um das Modell zur Reparatur ins schwedische Werk einzuschicken.

Noch aber hält der Redl'sche Betrieb ein Stück österreichischer Optikergeschichte hoch. Der Altbau, in dessen Hinterhoftrakt sich heute seine Verkaufs- und Werkstatträume befinden, war die Geburtsstätte der Optischen Werke C. Reichert. Der 1876 gegründete Betrieb war in seinen besten Tagen der weltweite Exporteur für Mikroskope und Projektionsapparate.

Als Redl vor 35 Jahren in der Werkstatt des Kamera-Service Steinkellner anfing, waren die Optischen Werke zwar längst fortgezogen. Aber das Unternehmen, zu dessen Chef er selbst vor 18 Jahren aufstieg, habe noch ganz andere Maßstäbe gehabt. Hunderte von Generalvertretungen hätten hier residiert. Sie hielten die exklusiven Vertriebsrechte an den internationalen Kameramarken. Das gesamte Haus – Vorder- wie Hinterhoftrakt – gehörte zum Betrieb. Allein die Räume, in denen die Fotoapparate repariert wurden, nahmen drei Stockwerke ein.

Heute spielt sich alles im Mezzanin ab. Umgeben von Postern mit leicht bekleideten Pin-up-Girls, Schwarz-Weiß-Bildern von Kameraklassikern und unzähligen neuen wie gebrauchten Apparaten und Objektiven werkt Redl in seinen ausgewaschenen Bluejeans. Trotz Semipensionierung oft abseits der eingeschränkten Öffnungszeiten. „Ein Fotograf kann auch nicht auf die Uhr schauen“, merkt er an. Rufe ein Kunde um sechs Uhr abends wegen eines dringenden Auftrags an, fahre er selbstverständlich hin.

Wie sein Laden ist der Mann mit dem herben Wiener Humor ein Unikat, dem man eine solche Liebe zur feinmotorischen Detailarbeit auf den ersten Blick nicht ansehen würde. Nach einer Lehre zum optischen Feinmechaniker in der Schweiz ging er Mitte der Siebzigerjahre zum Wiener Unternehmen Eumig. Auch dieses ein längst versunkener österreichischer Leitbetrieb und ehemals weltgrößter Produzent für Super-8-Filme.

Der Ersatzteilmonopolist. Noch vor der Pleite des Eumig-Imperiums in den Achtzigern verschlug es Redl in die Josefstadt. Hier wacht er heute über tausende über die Jahrzehnte zusammengetragene Ersatzteile für Kameras verschiedenster Marken und Baujahre. Schrauben, Rädchen und Klemmen füllen Regale mit fein säuberlich kategorisierten und beschrifteten Fächern. Die ältesten datieren zurück in die Vierzigerjahre. „Es haben schon Werke angerufen und gefragt, ob ich ihnen Teile verkaufen könne.“ Mit dem Fundus könne er 70 Prozent der von den Studios, Händlern, Presse- und Hobbyfotografen zu ihm getragenen Geräte wieder auf Vordermann bringen. Den Rest bestelle er. „Ich repariere alles mit einem Wert von 200 Euro aufwärts.“ Digital wie analog sind die Kameras, die auf seinem Tisch landen. Wobei man merkt: Der Schwerpunkt liegt auf den alten, mechanischen Modellen. Der digitalen Jahrgänge nimmt sich Redl zwar auch an. Aber erstens sichtlich nicht so gern. Und zweitens gebe es heutzutage zu viele, die ihre Kamera nach zwei Jahren bereits durch eine neue ersetzen, anstatt kleine Fehler reparieren zu lassen. Die Kundschaft, die gewillt ist, die von ihm veranschlagten Honorare zwischen 100 und 3000 Euro zu zahlen, fällt dementsprechend in die Liebhaber- oder Profikategorie und fotografiert naturgemäß oft mit den älteren Klassikern.

Den Durchschnittsfotografen mit seiner Digitalkamera, der die Räume mit den Pin-up-Girls und dem Ersatzteilfundus in der Josefstadt wohl nie zu Gesicht bekommen wird, bedauert Redl. „Schade, schade“, denke er immer, „in zwanzig Jahren wird einmal niemand Bilder von euch sehen.“

Die Werkstatt

Helmut Redls Kamera Service in der Bennogasse in der Wiener Josefstadt bietet eine . . .

. . . Spezialwerkstatt für Foto-, Optik-, Film- und Feinmechanik . . .

. . . sowie den Handel mit neuen wie gebrauchten Kameras, Objektiven und Zubehör diverser Marken.

Kunden sollten vor einem Besuch allerdings auf die eingeschränkten Öffnungszeiten achten, die sich der Chef seit seiner selbst verschriebenen Pensionierung gönnt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2016)