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„400.000 Syrer sitzen in belagerten Gebieten fest“

SYRIA-CONFLICT-AID
(c) APA/AFP/MAHMOUD TAHA
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Robert Mardini, Nahost-Chef des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, über die brüchige Waffenruhe in Syrien, Attacken auf Spitäler und die Versuche, mit dem IS einen Zugang zur Zivilbevölkerung auszuhandeln.

Wien. Monatelang gelangte keine Hilfe in die umzingelte syrische Stadt. Nun hat es das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) gemeinsam mit anderen Organisationen geschafft, zu den Eingeschlossenen vorzudringen. Ein Konvoi aus 65 Lkw des IKRK, der UNO und des Syrisch Arabischen Roten Halbmondes brachten Nahrung, Medikamente und medizinisches Gerät nach al-Rastan in der Provinz Homs. Rund um die eingeschlossene Stadt wohnen etwa 120.000 Menschen.

„Wir versuchen jetzt erneut, nach al-Rastan zu gelangen“, berichtet der Regionaldirektor des IKRK für den Nahen Osten, Robert Mardini, im Gespräch mit der „Presse“. Insgesamt würden in Syrien circa 400.000 Personen in Gebieten festsitzen, die von bewaffneten Einheiten belagert werden. „Wir versuchen in Verhandlungen mit allen Kriegsparteien, Zugang zu diesen Gegenden zu bekommen“, schildert Mardini. „Wir konnten zuletzt auch immer wieder die Front bei Aleppo überqueren.“

Vor einigen Wochen erreichte ein Konvoi die monatelang eingeschlossene Stadt Madaja nördlich von Damaskus. Dem Team des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz bot sich dabei ein erschütternder Anblick. „Krankenhäuser wurden notdürftig in Kellern eingerichtet. Menschen sind gestorben, weil ihnen jeglicher medizinische Nachschub fehlte“, erzählt Mardini. So verloren Frauen bei der Geburt ihrer Kinder das Leben, oder Patienten, die aufwendigere Behandlungen wie etwa eine Dialyse benötigten.

 

Waffenruhe droht zu scheitern

Die Waffenruhe, die im Februar ausgerufen worden ist, habe die Lage der syrischen Zivilisten deutlich verbessert. Sogar in belagerten Gebieten würden nun wieder Kinder in die Schule gehen, berichtet Mardini. Das IKRK, das sich um humanitäre Hilfe in bewaffneten Konflikten kümmert, ist auch aktiv, wenn geschossen wird. Die Waffenruhe in Syrien erleichtert es aber der Organisation natürlich, ihre Aufgaben wahrzunehmen.

Der IKRK-Regionaldirektor für den Nahen Osten warnt jedoch vor einer – wie er es nennt – „beunruhigenden Entwicklung“: „Der Konflikt eskaliert wieder. Die Waffenruhe in Syrien ist nahe daran, zusammenzubrechen. Das würde auch unsere Arbeit wieder schwieriger machen.“

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz verhält sich in Kriegen streng neutral und verhandelt mit allen Parteien. „Wir können in Syrien deshalb auch regelmäßig die Fronten überqueren, um den Menschen zu helfen“, berichtet Mardini.

Nur zum Territorium, das der sogenannte Islamische Staat (IS) kontrolliert, hat das IKRK keinen direkten Zugang. „Wir entsenden unsere Delegierten nicht dorthin, weil wir bisher vom IS keine ausreichenden Sicherheitsgarantien erhalten haben.“ Trotzdem bleibe es Ziel des IKRK, einen Dialog mit allen Konfliktparteien zu führen – auch mit dem IS, sagt Mardini.

Vereinzelt sei es aber gelungen, etwa Medikamente ins Spital der nordirakischen Stadt Mossul zu bringen, die sich in der Hand des IS befindet. Nach Falluja westlich von Bagdad konnte das IKRK aber bisher nicht vordringen. In Falluja herrscht der IS, rund um die Stadt stehen irakische Regierungstruppen und verbündete Milizen. Zuletzt waren Berichte aus Falluja gedrungen, wonach der Bevölkerung dort eine Hungersnot drohe.

 

„Angriffe müssen aufhören“

Es sei an der Zeit, dass endlich die Konflikte in Syrien, im Irak, im Jemen und Palästina politisch gelöst werden, fordert Mardini. Solange das nicht möglich sei, müssten zumindest die jeweiligen Streitparteien die internationalen Regeln für das Verhalten im Krieg einhalten. „Gezielte Angriffe auf Krankenhäuser müssen unter allen Umständen aufhören. Das ist genauso wichtig wie das Entsenden von Hilfskonvois.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2016)