Das liebliche Fest und die Klänge des Geistes

Das Pfingstwunder in der Kunst: „Ausgießung des Heiligen Geistes“ von El Greco.
Das Pfingstwunder in der Kunst: „Ausgießung des Heiligen Geistes“ von El Greco.Prado, Madrid

Das Pfingstwunder ist nicht annähernd so oft vertont worden wie die österlichen Geschehnisse. Doch ist der Heilige Geist in unseren Konzert- und Opernhäusern auf sanfte Weise stets präsent.

Geliebte Tante! Ostern, das liebliche Fest ist gekommen, Du freust Dich jetzt, dass ich sie mit Pfingsten verwechsle, aber das geschah ja nur, damit Du Dich freust“ – Alfred Polgar bohrte mit seiner spitzen Feder unbewusst in der tiefsten pfingstlichen Wunde. Zwar gehört, was wir dieser Tage feiern, zu den herrlichsten Mysterien. Doch ist Ostern offenbar viel populärer. Musikalisch betrachtet, jedenfalls.

Bewegende Passionsvertonungen kommen dem abendländisch sozialisierten Kulturmenschen sogleich in den Sinn. Dicht gefolgt in der Beliebtheitsskala vom „Weihnachtsoratorium“ und vielleicht dem allumfassenden „Messias“. Sogar die Apokalypse genießt in unseren Breiten dank Franz Schmidts „Buch mit sieben Siegeln“ Heimatrecht.

Christi Leiden, Tod und Auferstehung! Aber der Heilige Geist? In Hans Pfitzners „Palestrina“ wird er vom Konzil angerufen – wird aber auch zum Subjekt zynischer Betrachtungen angesichts der päpstlichen Gesandten, von denen Graf Luna singt: „Sie bringen den Heiligen Geist. Der gibt ihnen dann die Beschlüsse ein . . .“


Der Geist siegt über Umwege. Immerhin: Pfitzners Antipode Gustav Mahler droht mit dem überwältigenden Pfingsthymnus „Veni Creator Spiritus“ am Beginn der Achten Symphonie, die Wände aller Konzertsäle zu sprengen. Im Übrigen muss der Musikfreund Einschlägiges beim katholischen Fundamentalisten unter den Komponisten, Olivier Messiaen, aufspüren: In der „Messe de Pentecôte“ züngeln die „langues de feu“, und der „vent de l'Esprit“ weht in gewaltigen Stößen.

Sind musikalische Pfingstwunder auch rar, siegt der Geist doch über Umwege, weil er in jedem Credo unter uns ist – oder besser über den Dingen schwebt. Anders als bei Mahler und Messiaen offenbart er sich gern in jenem „sanften Säuseln“, dessen immanente Kraft schon Mendelssohns „Elias“ über jede Meeresbrandung, jedes Erdbeben, jede Feuersbrunst stellt.

Die Klassiker und Romantiker hat er zu einem Kult der überwältigenden Sanftheit inspiriert. Es ist wohl kein Zufall, dass ausgerechnet dort, wo der Heilige Geist wirkend eingreift – im „et incarnatus est“ –, bei nahezu jeder Vertonung eine merkliche Zäsur eintritt und eine besondere, eine besonders innige Musik erklingt.


Die tiefsten Geheimnisse. Oft – denken wir nur an Schuberts Es-Dur-Messe, wo diese Passage auf singuläre Weise mit dem „Crucifixus“ zu einer wahrhaft spirituellen Hörerfahrung verwoben wird – sind das die eindrucksvollsten Momente in einer Vertonung des Ordinariums. In solch schwebender, von ätherischen Violinklängen in höchsten Lagen getragener Manier hält der Geist schließlich auch Einzug auf die Opernbühne – und macht Regisseursköpfe wirr. Wie mag man nur darstellen, dass es die Taube ist, die Ritter Lohengrin gen Montsalvat zieht?

Ein verwandtes Problem ließ schon Wieland Wagner auf eine List verfallen, als der Bayreuther Kapellmeister Hans Knappertsbusch darauf bestand, am Ende des „Parsifal“, wie vorgeschrieben, die Taube einherschweben zu sehen. Man ließ das Tier (Bewohnerin einer früheren Produktion) nur so weit vom Schnürboden herab, dass es vom Dirigentenpult aus sichtbar wurde. Das Festspielpublikum bekam den Geist dank der von Knappertsbusch angefachten orchestralen Klangwunder lediglich zu hören, nicht zu sehen.

Wie der Geist klingt, hatte Wagner ja schon im „Lohengrin“-Vorspiel demonstriert. Allein, drei Jahre später bewies Giuseppe Verdi, dass uns das Ohr diesbezüglich auch täuschen kann: Im ersten Moment scheinen die vierfach geteilten Geigenstimmen am Beginn seiner „Traviata“ denen des „Lohengrin“ zum Verwechseln ähnlich.

Gralsritter gegen Kurtisane?

Der Geist weht, das ist nie zu leugnen, wo er will.