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Der Reis, der aus dem Burgenland kam

Seinen roten und schwarzen Seewinkler Reis verkauft Erwin Unger in selbst designten Packungen auf seinem Hof in Wallern.
Seinen roten und schwarzen Seewinkler Reis verkauft Erwin Unger in selbst designten Packungen auf seinem Hof in Wallern.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Im Neusiedler Seewinkel probieren sich zwei Biobauern seit geraumer Zeit im Reisanbau. Ambitionen und Methoden trennen die Nachbarhöfe Unger und Leyrer wie Tag und Nacht. Der Kampf gegen Klima und Unkraut vereint.

Die Katze miaut. Wieder und wieder. Sechs-, siebenmal miaut der Katzen-Klingelton während des Gesprächs mit Biobauern Erwin Unger. Irgendwann hört man als Gesprächspartner auf, die Anrufe mitzuzählen. Der Burgenländer mit den Radfahrerwaden und dem Gesicht, bei dem man an der überstrapazierten Bezeichnung sonnengegerbt nicht vorbeikommt, ist ein zäher Typ. Einer, von dem einem die Mitarbeiterinnen ehrfurchtsvoll zuraunen, er schlafe nur vier Stunden pro Tag, arbeite zwanzig.

„Starke Phase?“, ist man versucht zu fragen. „Das ist die Erholungsphase“, sagt Unger mit einer leichten Andeutung von Ironie in der Stimme, während er schon das nächste Telefonat entgegennimmt, um seinen ungarischen Arbeitern ungarische Anweisungen zu geben. Zähe Ausdauer ist wohl ein notwendiger Charakterzug, wenn man es sich als Biobauer in der pannonischen Klimazone im Neusiedler Seewinkel in den Kopf gesetzt hat, Reis anzubauen. Wohlgemerkt, nachdem die letzten Versuche vor mehr als einem halben Jahrhundert fruchtlos im ausgetrockneten Ufersand verliefen.

Ungers ursprünglich aus China und Indien stammende schwarze und rote Vollkornreissorten sind alles andere als zäh. Diven gleich zieren sie sich mit dem Wachsen, brauchen viel Wasser und Schutz vor Unkraut jeglicher Art. „Diese Woche habe ich zehn Stunden geschlafen“, sagt Unger wie um die zugeraunten Berichte seiner Mitarbeiter zu bestätigen. „Das Gießen vom Reis ist ein Wahnsinn. Der muss sofort gegossen werden, damit er wurzelt, meistens ist man trotzdem schon einen Tag zu spät dran“, sagt er. Ende vergangener Woche war die Auspflanzung der Setzlinge fertig. 25 seiner zu Spitzenzeiten 40 Saisonarbeiter waren zehn Tage lang nur mit den Reispflänzchen beschäftigt.

Gar nicht so sehr die klimatischen Bedingungen würden den Anbau im Burgenland so schwierig gestalten. Die erforderlichen sechs Monate mit durchschnittlich 18 Grad bekomme man hier in der Nationalparkregion an der ungarischen Grenze recht gut zusammen, so Unger. Erleichtert wird die Situation, wenn man wie er seit 1970 eine Großgärtnerei führt und die nötigen Reihen an Folienhäusern besitzt, in denen die Pflänzchen die ersten Monate im Warmen verbringen können.

Die Leyrers warten auf ihrem Reisfeld auf den Antrieb der eben ausgesäten Samen.
Die Leyrers warten auf ihrem Reisfeld auf den Antrieb der eben ausgesäten Samen.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der größte Feind der Diven ist aber das Unkraut. Dagegen kann man sich in der trockenen Nationalparkregion nicht wie auf den chinesischen Terrassenfeldern oder in der italienischen Poebene mit einer Schwemmtechnik behelfen, bei der das Unkraut vom Wasser fortgespült wird. Statt der ursprünglichen Methode setzt Unger auf modernste Technik – seine Pflanzen werden mittels kameragesteuerter Harke vom Beikraut befreit, per Knopfdruck am Handy vom Gießwagen bewässert.

Im Trockenanbau kann der Biobauer nach vier Jahren des Ausprobierens eine beträchtliche Ernte vorweisen. Insgesamt rund sechs Tonnen roten und schwarzen Reis konnte er im vergangenen Herbst einfahren. Der Teil der Ausbeute, der von der Biomarke Ja! Natürlich vertrieben wurde, war nach drei Tagen vergriffen. Den Rest verkauft der Biobauer peu à peu ab Hof, beliefert damit Gourmetköche, Gastrofachschulen und die boomenden Food-Gesellschaften Österreichs. „Nur eben nicht zu Preisen wie in China, wo ein Durchschnittsarbeiter 1,50 Euro am Tag bekommt“, fügt er hinzu. Sein Reis sei eben kein Uncle Ben's um drei Euro, der hochgezüchtet, vielleicht sogar genmanipuliert sei. Im Herbst wird die nächste Ladung seines Korns reif – dann schon auf sieben statt zwei Hektar Pachtgrund und in den Sorten Weiß, Rot und Schwarz. Eine violette Art ist bereits im Testlauf.

Vier Kilometer südlich von Erwin Ungers Hof, fast schon an der ungarischen Grenze, liegt der Biobetrieb der Leyrers. Erich Leyrer junior und senior bringen mit ihrem Reisanbau seit vier Jahren asiatische Exotik in den Grenzort Pamhagen. Wobei der Reis, den sie dieses Jahr ausgesät haben, streng genommen aus Anbauregionen in Italien und Ungarn zugekauft ist. Lotto, Ducatto und Venice heißen die klingenden Sorten, bei denen man Sehnsucht nach venezianischen Lagunen oder dem nächsten Wettbüro bekommt.

Gemächlicher Versuchsballon. Viel gemächlicher und ruhiger als in Ungers Betrieb geht es bei den Pamhagener Nachbarn zu. Nachdem die weißen, roten und schwarzen Vollkornreissorten vergangenen Herbst bei ihnen auf vier Hektar nur schwache 600 Kilo Ernte brachten, verlegten sich die beiden Reisbauern kurzerhand auf italienischen Risottoreis. Erich Leyrer senior betont mit burgenländischer Lässigkeit: „In unserem Betrieb liegt das Hauptaugenmerk auf dem Gemüse.“ 20 verschiedene Kulturen habe man, stark vertreten sind Gurken, Holler, Paprika, Süßkartoffeln. Der Reis bleibe vorerst Versuchsballon, bis man ein Rezept finde, um am Ende ordentliche Ertragsmengen zusammenzubringen. „6,5 Hektar bepflanzen wir heuer mit Reis, weil es passieren kann, dass der Großteil wieder durch Unkrautbewuchs abhandenkommt. Zwei Tage haben wir vergangenes Jahr versucht zu jäten, da verzweifeln dir die Mitarbeiter, wenn sie den ganzen Tag stehen und in der Stunde zehn Meter weiterbringen.“ Wie zum eigenen Trost erzählt er die Geschichte vom Reisbauern aus dem Schweizer Kanton Tessin. Der habe ihm am Telefon gesagt, dass er sich seit 17 Jahren im Reisanbau probiere, nach sieben Jahren die erste Ernte einfuhr. „Da sind wir eh nicht so schlecht“, befindet er zufrieden lachend.

Vater und Sohn Leyrer haben anders als Unger keine großen Folienhäuser für die Aufzucht der Pflanzen zur Hand, auch keine kameragesteuerte Harke. Wenn sie die Setzlinge bei einem Lohnunternehmer wie ihrem Nachbarn in Auftrag gäben, kostete sie das zwei Cent pro Pflanze. „Und du brauchst 3000 Pflanzen pro Hektar. Das Geld haben wir nicht.“ Also säen sie die Samen direkt auf dem Feld aus, spielen sich mit Vorkeimzeiten und Sorten und hoffen, im Wettlauf mit dem pannonischen Herbst jedes Jahr ein paar Tage früher und mehr ernten zu können. Dieses Jahr sollte sich der Reifezyklus bis Ende September ausgehen, sind sie optimistisch. Zwei Tonnen Ertrag auf den Hektar malt sich Leyrer senior im besten Fall aus.

Das grenzt fast schon an die Unger'schen Produktionsmengen. Wobei ihrem Nachbarn mehr als der Ertrag anderes am Herzen zu liegen scheint. Mit seinen 65 Jahren steht er der Pension geistig sehr fern. Davor gelte es, einiges zu regeln. Nicht nur der Bioreis, auch das heuer ins Repertoire aufgenommene Seewinkler Raritätengemüse will auf dem Markt etabliert werden. Bevor die Katze ein weiteres Mal miaut und Unger abhebt, sagt er mit Nachdruck: „Ich schau, dass alles erhalten bleibt, was erhalten werden muss.“

Adressen

Gartenbau Erwin Unger
Nachdem der Reis im Supermarkt vergriffen ist, hat man noch die Chance, ihn ab Hof zu kaufen (Adresse: Hutweide NB. 1–7, 7151 Wallern im Burgenland) oder über unger-blumen.at zu bestellen.


Biohof Leyrer
Der Reis der Leyrers ist zwar bereits ausverkauft. Wer dem Hof dennoch einen Besuch abstatten möchte: Hauptstraße 19, 7152 Pamhagen.

Buchtipp

Mundvoll, Florentina Klampferer
Maudrich Verlag, 176 Seiten, 19,90 Euro

Florentina Klampferer geht in ihrem Buch „Mundvoll“ den Grundnahrungsmitteln Kartoffeln, Reis, Nudeln und Getreide nach. Neben der Geschichte der einzelnen Lebensmittel gibt sie Rezepte aus aller Welt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2016)