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Island: Die Einwürfe des Wikingers

FBL-EURO-2016-ISL-TRAINING
Kapitän Aron Gunnarsson und seine Ruhe vor dem nächsten weiten Einwurf bei der Fußball-EM.APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ
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Der Einzug in das EM-Viertelfinale ist nicht genug, Frankreich soll am Sonntag besiegt werden. Aron Gunnarsson glaubt an den großen Wurf.

Annecy. Der Ober-Wikinger will auch Frankreich das Fürchten lehren. Auf seiner Brust umrahmen Tattoos zweier Götter aus der nordischen Mythologie bedrohlich ein Kriegsschiff. Als vollbärtiger Vorklatscher beeindruckt er nach Siegen bei der Jubelchoreografie. Er wirft sich sogar auf die Tribünen, lässt Selfies zu und brüllt seine Freude laut hinaus. Und: Mit seinen langen Einwürfen jagt er den Gegnern europaweit Angst ein: Kapitän Aron Gunnarsson.

Er gibt dem isländischen Team ohne Stars ein Gesicht, und lebt den Glauben an das Unmögliche beim EM-Märchen vor. „Mit der isländischen Mentalität haben wir eine Chance“, sagt der 27-Jährige vor dem Viertelfinale gegen Gastgeber Frankreich am Sonntag, 21 Uhr, im Stade de France in Saint-Denis. „Wir glauben immer dran, das ist unsere Einstellung.“

Abseits des Platzes zeigt sich Gunnarsson hingegen gar nicht kampflustig. Mit sanfter Stimme spricht er eher leise, nach dem Achtelfinal-Coup gegen England fiel „der Wikinger mit zartem Herz“, nannte ihn „L'Equipe“, seiner Mutter, seiner Frau und Bruder Arnór um den Hals. Dieser spielt beim Bergischen HC in der deutschen Bundesliga Handball – eine Profession, die beinahe auch Aron gewählt hätte. Erst als Jugendlicher entschied er sich für den Fußball, profitierte bei Einwürfen unübersehbar von der Handball-Schule.

Gleich zwei Tore erzielte Island bei diesem EM-Turnier nach dem gleichen Schema. Gunnarsson wirft den Ball mit Wucht bis weit in den Strafraum, dort verlängert Kari Arnason per Kopf. Gegen Österreich verwertet Jon Bödvarsson, die englische Defensive wird von Ragnar Sigurdsson übertölpelt. „Wir müssen das gar nicht mehr groß trainieren“, erklärt Arnason. „Wir wissen genau, wie weit er wirft und was wir tun müssen.“

 

Genetik des Siegertypen

So übt Gunnarsson auch wenige Tage vor dem Viertelfinalduell keine Einwürfe. Stattdessen schleicht er neben zwei Betreuern nur um den Platz, den Knöchel nach einer Operation dick bandagiert, zudem plagen ihn Leistenprobleme. Es wäre aber überraschend, sollte sich der Anführer deshalb von einem Einsatz gegen Frankreich abhalten lassen – zu wichtig ist er nicht nur wegen seiner Einwürfe. Dass Gunnarsson dabei während der EM mindestens einmal deutlich im Feld gestanden ist und die linke Hand gemäß der neuen Fußballregeln illegal nur als Stütze benutzt, interessiert im isländischen EM-Quartier von Annecy niemand. „Das habe ich gar nicht mitbekommen“, sagt Trainer Heimir Hallgrímsson. Das müsse in seinen Genen liegen, diese Wurftechnik sei also quasi vererbt.

Explizit mit dieser Fähigkeit zum langen Einwurf wurde Gunnarsson von seinen Agenten angepriesen. Inzwischen spielt der Familienvater bei Cardiff City in der zweiten englischen Liga, setzt aber weiterhin auf seine Technik. „Es geht nur darum, wie du wirfst und nicht, wie hart du wirfst“, erklärt Gunnarsson. „Leute können doppelt so lange Arme haben wie ich, aber das zählt nichts.“ Es kommt ja nicht immer auf die Größe an.

Die Wikinger sind mit ihrem Feldzug weder fertig noch mit der Ausbeute zufrieden. Berauscht von sich und ihrer Fankultur scheint selbst die Équipe Tricolore plötzlich kein übermächtiger Gegner mehr. Ein Sieg und Island steht im EM-Halbfinale – es wäre eine Sensation. Zur Erinnerung: Dänemark gewann 1992 die EM, kam dazu aus dem Urlaub für das wegen des Bürgerkrieges ausgeschlossene Jugoslawien. 2004 siegte Underdog Griechenland – es lagen zwölf Jahre dazwischen. Nun, 2016, rockt eine Atlantikinsel Europa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2016)