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Im Island-Modus: Nicht sitzen oder ruhen – laut schreien!

FUSSBALL-EM 2016: FANS
Island-FansAPA/GEORG HOCHMUTH
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Die Insel im Nordatlantik ist im Fußballfieber: Styrmir Gíslason, Chef der Fangruppe Tolfan, erklärt das Phänomen der Trommler und Tänzer der Wikinger.

Reykjavík. Natürlich, Island hat bei dieser Fußball-EM nun Lust auf mehr bekommen. Die Insel ist in Euphorie, die Fußballer werden wie Superstars angehimmelt – und auch Styrmir Gíslason hält das Kribbeln nicht mehr aus. In der Nacht vor seinem Flug nach Paris zum EM-Viertelfinale gegen Frankreich bekam der Isländer kein Auge zu. „Ich kann es nicht erwarten zurückzukommen“, sagt er. Bei allen Spielen bis auf das Achtelfinale gegen England hat der Gründer der Fangruppe Tolfan seine Mannschaft im Stadion angefeuert. Jetzt will er Island mit den anderen Fans ins Halbfinale brüllen. Schafft der Zwerg heute, 21 Uhr, im Stade de France die nächste Sensation?

Allerdings, wenn es nach Gíslason geht: „Frankreich hat auf dem Papier die großen Namen und all das. Aber ich denke, es kommt auf das Herz und den Willen an. Und der ist auf der Seite der Isländer.“ Um ihre Spieler live zu sehen, hoffen etliche seiner Landsleute, noch ein Flugticket nach Frankreich zu ergattern. Dafür nehmen manche nicht nur horrende Ticketpreise in Kauf, sondern auch Odysseen quer durch Europa mit stundenlangen Wartezeiten auf diversen Flughäfen. Andere hatten Glück: Koch Sveinn Saevar Frimansson aus Akureyri ergatterte 2015 Tickets für genau dieses Viertelfinale. Der Fußball sollte nur Nebensache sein. „Mein Hauptanliegen war, den Ursprung der Bearnaise-Sauce zu finden und in dem Restaurant in Paris zu essen, wo sie zuerst serviert wurde...“ Die Sauce ist jetzt nicht mehr von Belang.


"Hu! Hu! Hu!" Auch Gíslason, 37, ist ein Platz im Stadion sicher. Islands Fluglinien spendieren ihm und 21 anderen Tolfans nicht nur die Flüge, sondern auch Hotels – ohne die wilden Trommler wäre in der Island-Kurve ja nichts los. 8000 Isländer werden im Stadion sein, Lärm machen werden sie wie 80.000. „Das Motto von Tolfan ist: Wir sitzen nie, wir ruhen nie“, sagt Gíslason. „Wir schreien 90 Minuten lang. Da steckt der Wikinger in uns. Nachdem wir damit angefangen haben, hat das Team fantastisch gespielt.“

Der Mann, der mit seinem strubbeligen Vollbart und den Tätowierungen bei dem Wikinger-Siegesritual („Hu! Hu! Hu!“) den Ton angibt, ist einer von vielen Gründen, weshalb die Isländer die Herzen der EM-Zuschauer in den vergangenen Wochen im Sturm erobert haben. Zwei andere sind der sensationelle Kampfgeist und das Selbstvertrauen der Fußballzwerge. „Das ist das Verrückte an uns“, sagt Gíslason. „Wir denken nie, dass wir die kleine Nation sind, die verlieren wird. Wir denken immer, dass wir gewinnen.“

Nach dem Achtelfinalsieg gegen England hat das EM-Fieber jeden auf der Nordatlantikinsel gepackt. Den Laden in Reykjavík, in dem Gíslason in diesen Tagen ausschließlich im blauen Island-Trikot arbeitet, betritt kein Kunde ohne ein Lächeln auf dem Gesicht.

Egal, wie die Partie heute ausgeht, einen Gewinner gibt es schon: den Tourismusverband. Das EM-Märchen der unbesiegbaren Wikinger hat eine Reisewelle in Gang gesetzt. Vergessen sind Vulkane, Wirtschaftskrise und Kälte – der EM-Titel scheint zum Greifen nah und da will eben jeder, um jeden Preis, dabei sein.

Am Montag aufzuwachen und ausgeschieden zu sein, wäre deshalb für jeden Tolfan besonders bitter. Dass ihr Märchen damit aber zu Ende wäre, das glaubt keiner. „Das ist wieder der isländische Wahnsinn: Wir gehen davon aus, dass wir, jetzt, da wir es einmal geschafft haben, immer wieder schaffen können“, sagt Gíslason. „Die Leute fangen schon an zu überlegen: Wo werden wir bei der Fußball-WM in Russland spielen?“

ISLAND

75 Profis
standen dem Teamchef zur Auswahl für den EM-Kader.

330.000 Einwohner
hat Island. In Österreich gibt es so viele Spieler.

Acht Prozent
aller Isländer sind aktuellen Schätzungen zufolge derzeit in Frankreich.

13 Millionen Euro
Gylfi Sigurdsson, Profi in der englischen Premier League, hat laut der Plattform transfermarkt.at den höchsten Marktwert aller Isländer.

25 Fußballklubs
listet Wikipedia bei der Suche nach Vereinen in Island auf. Man trainiert im Winter in Hallen – Fußball ist ein Ganzjahressport.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2016)