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Hans Orsolics: Der schwer geprügelte Schläger

Im Ring hatte Hans Orsolics (r.) zumeist die Kontrolle, die Schläge des Rechtsauslegers verfehlten aber auch außerhalb des Rings selten ihre Wirkung.
Im Ring hatte Hans Orsolics (r.) zumeist die Kontrolle, die Schläge des Rechtsauslegers verfehlten aber auch außerhalb des Rings selten ihre Wirkung.(c) Bundespolizei Wien
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Er war Österreichs populärster Boxer, doch seine Lebensgeschichte bewegt mehr denn jeder seiner Siege: Hans Orsolics wird 70. Er wähnt sich als „Glückskind“, Zorn ist ihm fremd.

„Servas Oida, wie geht's da?“ Hans Orsolics ist immer ein Wiener Unikat geblieben, in guten, in all den schlechten Zeiten, und auch jetzt, als der 70. Geburtstag von Österreichs bestem, bekanntestem Boxer beim Marchfelderhof gefeiert wurde. Der Jubilar strahlte, wie zu seinen großen Kämpfen in der Stadthalle waren Größen aus Sport, Politik und Society gekommen. Sie drängten sich um ihn, feierten ihren „Hansee“, der anstatt einer millionenschweren Boxkarriere Schulden angehäuft und bis auf wenige Bezugspersonen alles verloren hatte, was ihm heilig war, selbst schwere Krankheiten überwunden hatte.

Es ist eine so traurige Lebensgeschichte und letztlich doch eine Heldensaga, die gerade Typen wie Orsolics in Österreich so populär machen. Ehrlich, authentisch, vielleicht simpel – so oft zu Boden geschlagen, und doch immer wieder aufgestanden, was anderes kennt der Rauchfangkehrer aus Kaisermühlen nicht. Er war ganz oben, Nummer eins der Boxliste. Er war ganz unten, Alkoholkrank, allein, verschuldet, mit 14 Haftstrafen bedacht. Aber, er hat alle Probleme bewältigt. „Bei oi dem Pech, was i g'habt hab, bin i do a Glückskind. Es is a Wunder, dass i no leb. Man hätt' mi daschlagen, umbringen können in Beisln oda am Westbahnhof, wo i so oft g'rauft hab. Sie san mi ang'flogen wie die Geier, i hab g'soffen. Oba i leb no immer. Danke.“


Rocky von Kaisermühlen. Orsolics, der Ministrant war, in Mariazell betete oder beim FC Donau mit Willi Kreuz und Robert Sara als Außendecker reüssierte, fand im Ring seine Verwirklichung. Dazu gekommen war er über einen „Haberer“, Jolly Lang, der ihn zu Trainer Karl Marchart führte. Der schliff das Juwel mit der Rechtsauslage, Fights im „Märzring“ nahe der Stadthalle schufen Popularität. Mit 16 war er Jugendmeister, mit 20 Jahren gewann er vor 10.000 Zuschauern durch einen Punktsieg gegen den Deutschen Conny Rudhoff als jüngster Athlet den EM-Gürtel im Superleichtgewicht.

Zwischen 1965 und 1974 bestritt er 53 Kämpfe, 42 Siege (die ersten sieben waren K.-o.-Siege) stehen drei Remis und acht schwere, im heutigen Boxen kaum noch zu sehende Niederlagen gegenüber. Orsolics ist immer wieder aufgestanden. Aufgeben, das war dem „Rocky aus Kaisermühlen“ immer fremd. Freunde wie Gegner, sie kamen und gingen. Frauen, Millionen, Ruhm und Schulterklopfer, es waren ebenso nur Begleiterscheinungen, die er nach der Karriere als gescheiterter Wirt und Sänger („Mei potschertes Leben“; Nummer eins auf Ö3 1986) erlebte.

Erinnerungen an diese Zeit schildern am besten Zeitzeugen. Das ist die einzige Chance zu verstehen, was damals wirklich passiert ist, so wie es Orsolics auch will. Sigi Bergmann, Boxexperte im ORF und enger Freund, erzählt stets davon, dass er „Qualtinger, Hörbiger, Heller und Kammersänger Edelmann oft in der ersten Reihe sah“. Auch der Tod des Burgschauspielers Robert Lindner bei einem EM-Fight bleibt unvergessen. „Hans war ein großer Boxer, ihn wollten alle sehen. Er zog aber stets falsche Schlüsse, saß zu oft im Gefängnis.“ Sein größter Sieg? „Ehefrau Roswitha! Sie war immer da, half durch alle Krisen. Sie versteckte sogar Medikamente in Wurstsemmeln, weil er sie nicht nehmen wollte.“

Der Doyen der Boxreporter strahlt, erzählt vom „G'riss“ um die Karten, es war eine in Österreich selten so intensiv erlebte Massenhysterie. Es fühle sich an, als wäre es erst gestern passiert. Dabei ist es über 50 Jahre her.


36 Quadratmeter. Ob Perkins, Ascari, Charles, der Niederlagen gibt es sonder Zahl. Aber ebenso Mythen, mit 17.000 Fans in der Stadthalle, die ihn beim Einmarsch mit zwölf Rauchfangkehrern anfeuerten oder nach Knock-outs wie 1969 gegen den Franzosen Jean Josselin feierten. Darüber, dass er mit 28 seine Karriere beendete, das ganze Geld ausgegeben hatte und eine neue Existenzgrundlage finden musste, kann der zweifache EM-Champion und die ehemalige Nummer eins der Welt heute lächeln.

Orsolics hat alle Probleme gemeistert, selbst schwere Krankheiten knocken ihn nicht aus. Der Rechtsausleger hat es allen Zweiflern so richtig gezeigt. Dass er in einer 36 Quadratmeter großen Wohnung in Meidling lebt, passt zu ihm – so groß ist ein Boxring.

LEBEN IM RING

Literatur
„Orsolics Hansi K. o. – Triumphe und Leiden eines Boxers“, Autor Sigi Bergmann schildert Erlebnisse, Siege und Niederlagen – aus der Sicht eines Freundes. Seifert Verlag, 216 Seiten, 22,90 €

TV-Tipp:
Dreistündiges Geburtstagsspezial am 14. Mai in ORF Sport plus, 20.15 Uhr.

Steckbrief

Hans Orsolics
(*14. Mai 1947 in Neuberg, Burgenland) war Profiboxer, zweifacher Europameister und
Nummer eins der Boxwelt.

Rechtsausleger
Der Rauchfangkehrer bestritt zwischen 1965 und 1974 52 Kämpfe, in die Stadthalle strömten 1968 sogar 17.000 Zuschauer.

2017
Vergessen sind all die Schlägereien, sein Gasthaus Zum Rauchfangkehrer, Gefängnisstrafen, die Schulden. Er lebt mit seiner Frau Roswitha glücklich – aber von seiner Lebensgeschichte gezeichnet – in Wien Meidling.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2017)