„Selbstreflexion hilft gegen Eitelkeit“

Porträt. Wolfgang Niessner ist seit 2005 Vorstandsvorsitzender bei Gebrüder Weiss. Erfolg sei eine Teamleistung, sagt er. Denn: „Je besser die Mitarbeiter, desto einfacher ist mein Job.“

Mit der Logistik sei es so eine Sache, sagt Wolfgang Niessner: „Jeder braucht sie, aber keiner möchte Nebenwirkungen wie etwa Stau oder Verkehrslärm haben.“ Der 62-jährige Wiener ist CEO des internationalen Transport- und Logistikunternehmens Gebrüder Weiss. Dabei, sagt er, passiere Transport viel stärker auf der Schiene, als man gemeinhin denke. Insofern freue es ihn, dass Österreichs Schienennetz ausgebaut und der Schienengüterverkehr jährlich mit substanziellen Beträgen gefördert werde.

Noch mehr würde es ihn freuen, wenn Servicequalität und Wettbewerbsfähigkeit der Schiene steigen würden.
Denn ihm gehe es um ökologische Modelle. Niessners Faible für Nachhaltigkeit hat auch mit seinem Arbeitgeber seit 1999 zu tun, der im Eigentum zweier Familien, Senger-Weiss und Jerie, steht. Niessner, der erste Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, der keiner der beiden Familien angehört, sagt: „Familienunternehmen zeichnen einige Tugenden aus: in Generationen statt Quartalen zu denken, kurze Entscheidungswege zu gewährleisten und Werte zu leben, statt sie nur niederzuschreiben.“ Dennoch sieht er es als wesentliche Aufgabe, diese Tugenden mit den Strukturen eines Konzerns zu verbinden. Wobei ihm die Differenzierung zwischen börsenotierten und anderen Konzernen wichtig ist.

Erfolgreich, auch in Asien

Apropos börsenotiert: Aus der Unternehmensstruktur ergebe sich, dass es keine Stock Options gebe, sagt Niessner. Das störe ihn nicht. Im Gegenteil. Denn „diese führen zu kurzfristigen Überlegungen“, würden Manager ablenken und CEOs zwingen, jedes Quartal „Stories zu erzählen“. Weil er langfristig planen könne, sehe er sich „nicht als Sprinter, sondern als Marathonläufer“. Unter die angesprochene Langfristigkeit fällt etwa das Thema Seidenstraße. China auf dem Landweg mit Europa zu verbinden und entlang der Route Standorte zu errichten, hatte Niessner schon 2005 als Ziel ausgegeben. Damals hätten das viele als unrealistisch abgetan und sich an das ehemalige Unternehmensmotto „von Basel bis Bukarest“ gehalten. Heute verfügt das Unternehmen über ein die Nordhalbkugel umspannendes Netz von 150 Standorten – in Europa sowie Japan, China, Vietnam, Thailand, den Emiraten, Kasachstan, dem Kaukasus, Russland, den USA und Kanada.

Bei diesem Erfolg – zuletzt stieg der Umsatz um 6,4 Prozent auf 1,36 Milliarden Euro – helfe Selbstreflexion gegen Eitelkeit und dagegen, Leistungen des Teams als eigene darzustellen. Letztlich sei immer das Team entscheidend, sagt Niessner. Insofern sollten sich gute Führungskräfte ihrer Möglichkeiten, aber auch ihrer Einschränkungen bewusst sein, respektvollen Umgang pflegen und anderen helfen, sich im Gesamtinteresse des Unternehmens zu entfalten. Und doch stehe man als Manager in der Auslage: Gelinge es, die Ziele zu erreichen, werde man „berühmt“, verfehle man sie, sei man als Führungskraft in der Branche stigmatisiert. Trotzdem: „Je besser die Mitarbeiter, desto einfacher ist mein Job“, sagt Niessner. Er wolle nicht von einem schwachen Team ertragen, sondern von einem starken Team getragen werden. Ein starkes Team – vor allem in Person seiner Frau – habe ihm auch zu Hause Rückhalt gegeben, sagt er.

Anstrengend, anspruchsvoll

Zurück zu den Mitarbeitern: Sprach- und IT-Kompetenz werden weiter eine große Rolle spielen, neben der Internationalisierung sei die Digitalisierung seit Jahren ein Thema. Daneben würden Bürokratisierung und Protektionismus die Arbeit verkomplizieren. „Logistik ist anstrengend und anspruchsvoll – aber äußerst spannend“, sagt Niessner. Es brauche Mitarbeiter, die engagiert, loyal, kompetent, integer und flexibel seien, Fantasie hätten und konstruktive Kritik einbringen könnten. Nur dank guter Personalarbeit seien sie zu finden.
Was er bis heute nicht ausreichend geschafft habe, gesteht Niessner, sei, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Zwar würden in Südosteuropa einige Ländervertretungen von Frauen geleitet, doch „die Logistik ist immer noch eine Männerdomäne.“