Schnellauswahl

Manchester-Terror: Briten wütend über Infolecks der USA

Mit einer Schweigeminute gedachten die Einwohner von Manchester der Opfer des Anschlags auf ein Popkonzert.
Mit einer Schweigeminute gedachten die Einwohner von Manchester der Opfer des Anschlags auf ein Popkonzert.(c) APA/AFP/JON SUPER (JON SUPER)
  • Drucken

Während die Fahndung nach den Drahtziehern des Attentats auf Hochtouren läuft, beschwert sich May bei Trump über Lecks: US-Medien hatten Ermittlungsinfos veröffentlicht.

Erbost über wiederholte Nachrichtenlecks an US-Medien haben die britischen Ermittler den Informationsaustausch mit den US-Behörden rund um den Terroranschlag von Manchester eingestellt. „Wir sind wütend“, zitierte Donnerstag die BBC eine Polizeiquelle zu der Veröffentlichung von Ermittlungsfotos in US-Medien, die unter anderem den mutmaßlichen Zünder der Bombe zeigten. Premierministerin Theresa May brachte das Thema am Donnerstag beim Nato-Gipfel in Brüssel gegenüber US-Präsident Donald Trump aufs Tapet - der prompt ankündigte, gegen undichte Stellen mit voller Härte vorzugehen.

Der Ärger der britischen Behörden war umso größer, als die Veröffentlichung der Fotos in ihren Augen bereits der zweite Vertrauensbruch war. Zuvor hatten US-Medien den Namen und die Identität des Attentäters von Montag veröffentlicht, ehe sich May über den Erkenntnisstand zu dem 22-jährigen Salman Abedi informieren hatte können. Der Mann mit libyschen Wurzeln hatte sich bei einem Konzert der Popsängerin Ariana Grande in die Luft gesprengt und 22 Personen ermordet – viele davon Kinder.

Batterie und Rucksack

Die britische Innenministerin, Amber Rudd, hatte nach der Veröffentlichung seines Namens von „Irritation“ gesprochen und gewarnt: „Das sollte nicht noch einmal vorkommen.“ Trotzdem publizierte die „New York Times“ Ermittlerfotos, die Untersuchungsdetails wie die verwendete Batterie und den Rucksack des Selbstmordattentäters zeigten. Der Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham, zeigte sich „enorm“ beunruhigt, nachdem Experten wie der Ex-Chef von Scotland Yard, Ian Blair, von ernsten Beeinträchtigungen der Untersuchungen sprachen. Von britischer Seite wurde betont, dass man das Leck nicht im Weißen Haus vermutete. Unterdessen weiteten die britischen Behörden ihre Ermittlungen erheblich aus. Nach Hausdurchsuchungen im Großraum Manchester, in dem rund 2,6 Millionen Menschen leben, wurden seit Dienstag acht Personen – teilweise vorübergehend – festgenommen. An zwei Orten führten Militärexperten gesicherte Explosionen von verdächtigen Gegenständen durch.

In Tripolis wurden der Vater und der jüngere Bruder des Selbstmordattentäters von lokalen Milizen festgenommen. Ramadan Abedi, der Vater, war in den 1990er-Jahren vor dem Gaddafi-Regime nach Großbritannien geflüchtet und zog hier gemeinsam mit seiner Frau vier Söhne auf. Als die Diktatur ins Wanken geriet, kehrte er nach Libyen zurück und nahm den bewaffneten Kampf auf: „Er hat nie vergessen und verziehen, was seinen Angehörigen geschehen ist“, berichtete ein Bekannter dem „Guardian“.

Aus der Moschee verbannt

Der zweitjüngste Sohn, Salman, wuchs in Manchester auf und soll sich dem radikalen Islam zugewendet haben, nachdem er an der Uni gescheitert und sozial ins Abseits gedriftet war. „Der lokale Imam verbannte ihn von unserer Moschee, weil er Hassreden führte“, sagte ein Augenzeuge. Abedi sei „intelligent“ gewesen, habe aber „ein Problem im Umgang mit Ärger“ gehabt. Während Bekannte das Motiv für den Anschlag in persönlicher Erfahrung suchten – so sei Abedi besonders über den Tod eines Bekannten durch einen Verkehrsunfall verbittert gewesen, den er als einen Anschlag auf einen Muslim sah –, vermuteten Experten hinter der Tat ein Netzwerk. Die komplexe Bauart der Bombe legte den Verdacht nahe, dass es sich bei Abedi um ein „Lasttier“ gehandelt habe. Als „mule“ bezeichnen Geheimdienstler einen Selbstmordattentäter, der sich für die Terrortat, die andere Drahtzieher hat, zur Verfügung stellt. In einer Mietunterkunft sei die Bombenwerkstatt gefunden worden: Es sei davon auszugehen, dass Abedi nicht allein in der Lage gewesen war, die Bombe zu bauen. Zudem wurde Material für „zahlreiche“ weitere Sprengsätze sichergestellt.

Rache als möglicher Antrieb

Am Donnerstagabend veröffentlichten Zeitungen Stellungnahmen aus dem Umfeld Abedis. Adebis Antrieb sei "Rache" gewesen. Das Motiv gehe auf die Ermordung eines ebenfalls libyschstämmigen Freundes durch britische Jugendliche im vergangenen Jahr in Manchester zurück, hieß es am Donnerstag aus dem Umfeld der Familie Abedis. Abdul Wahab Hafidah, ein Freund des 22-jährigen Attentäters, war britischen Medienberichten zufolge im Mai 2016 in Manchester von britischen Jugendlichen verfolgt und schließlich erstochen worden. Die mutmaßlichen Mörder stehen derzeit vor Gericht. Wie aus dem Umfeld Abedis verlautete, löste die Tat Wut unter jungen Libyern in Manchester und insbesondere bei Salman Abedi aus.

Abedis Schwester Jomana sagte dem "Wall Street Journal" dagegen, ihr Bruder habe den Tod muslimischer Kinder in der Welt, etwa "durch amerikanische Bomben", rächen wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2017)