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Staatsspitze gedachte mit Zeitzeugen der Shoa

(v.l.) Zeitzeugen Herbert Löwy, Alfred Schreier, die Direktorin des Jüdischen Museums Wien, Danielle Spera, Victor Klein, Fritz Rubin-Bittmann und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP)
(v.l.) Zeitzeugen Herbert Löwy, Alfred Schreier, die Direktorin des Jüdischen Museums Wien, Danielle Spera, Victor Klein, Fritz Rubin-Bittmann und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP)APA/GEORG HOCHMUTH
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Nationalratspräsident Sobotka lud zu einem Zeitzeugengespräch. Die Israelitische Kultusgemeinde nahm wegen ihres FPÖ-Boykotts nicht teil. Die Veranstaltung wurde am Schluss von einer kurzen Protestaktion begleitet.

Die Spitzen des Staates haben am Donnerstagabend in Wien anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages auf Einladung von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) den Opfer der Shoa gedacht. Neben der Regierungsspitze mit Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) wohnten u.a. auch die Klubleute von SPÖ und NEOS den Gesprächen mit Zeitzeugen bei.

Sobotka würdigte zu Beginn der Veranstaltung im Palais Epstein mit "großem Respekt und Ehrfucht" die vier Überlebenden des Holocaust, die sich an diesem Abend für die Zeitzeugengespräche Zeit nahmen. Bedauern äußerte der Nationalratspräsident über das Fernbleiben der Israelitischen Kultusgemeinde, die im heurigen Gedenkjahr Gedenkveranstaltungen mit FPÖ-Beteiligung boykottiert. "Wenn IKG-Präsident Oskar Deutsch heute bedauerlicherweise diese Veranstaltung nicht besucht, dann zeigt das, dass die Wunden noch immer tief sind", sagte Sobotka. "Sein Fehlen schmerzt." Man werde die Plätze für die Vertreter der Kultusgemeinde bei den weiteren Gedenkveranstaltungen stets freihalten.

Die vier Zeitzeugen, die sich seit einigen Jahren in Wien regelmäßig in einem Cafe zum Gedankenaustausch treffen, berichteten in teils berührenden Worten über die erlebten Gräuel während der NS-Herrschaft. Einer der Herren, von dessen Familie nur der Vater und sein Bruder das Konzentrationslager Auschwitz überlebt haben, erklärte, es sei ihm die "Kunst, das zu überleben", zu Teil geworden. "Das israelische Volk lebt und hat die Hitlerzeit überlebt. Das ist mein persönlicher Sieg, dass ich die Faschisten, den Kommunismus und jeden -ismus überlebt habe und überleben werde", so Victor Klein in der von der Direktorin des jüdischen Museums, Danielle Spera, moderierten Gesprächsrunde.

"Österreich hat sich schuldig gemacht"

Sobotka versuchte zu Beginn seiner Rede den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht zu geben: Er verwies auf sechs konkrete Opfer aus seiner Heimatgemeinde Waidhofen an der Ybbs. Diesen Namen begegne man heute in den Archiven. Nicht aber könne man deren Kindern und Enkelkindern begegnen, "die nie geboren wurden". Und er erinnerte auch an Ernst Lohsing, der als Nachbar des Palais Epstein am 27. Juli 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und ermordet wurde.

Die Vernichtung habe "nicht irgendwo stattgefunden", sagte Sobotka, sondern "in unserer unmittelbaren Nachbarschaft" und habe "bis in die Kapillaren unserer Gesellschaft" gewirkt. "Österreich war nicht nur Opfer, Österreich war Täter, Österreich hat sich schuldig gemacht, in Untat und Untätigkeit", so der Nationalratspräsident.

Die Bundesregierung war bei der Veranstaltung überraschend zahlreich vertreten. Neben der ursprünglich fix angekündigten ÖVP-Staatssekretärin Karoline Edtstadler (ÖVP) nahmen neben der Regierungsspitze mit Kurz und Strache auf FPÖ-Seite u.a. auch Sozialministerin Beate Hartinger-Klein und Staatssekretär Hubert Fuchs teil. Auch der neue ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer wohnte der Veranstaltung bei. Neben den Klubobleuten von SPÖ und NEOS, Andreas Schieder und Matthias Strolz, waren auch FPÖ-Klubobmann Walter Rosenkranz sowie die Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) und die Dritte Präsidentin Anneliese Kitzmüller unter den Zuhörern.

Kurze Protestaktion am Rande

Die Veranstaltung wurde am Schluss von einer kurzen Protestaktion von Jugendlichen begleitet. Sie hielten - in Anspielung auf die Causa des niederösterreichischen FPÖ-Spitzenkandidaten Udo Landbauer und das NS-Liederbuch aus dessen Burschenschaft "Germania" - Plakate hoch. "Wenn sie jetzt ganz unverhohlen wieder Nazi-Lieder johlen - Sage Nein!", war dort zu lesen. Die Protestaktion wurde von den Grünen Bundesräten organisiert.

Die Aktivisten - darunter David Stögmüller und Ewa Dziedzic - hissten die Plakate mit der Song-Zeile des Liedermachers Konstantin Wecker nach Ende der Veranstaltung. Kritisiert wurde damit die Mitgliedschaft Landbauers in der Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt, bei der jüngst ein 1997 neu aufgelegtes Liederbuch für Empörung und auch behördliche Ermittlungen sorgte. Neben rassistischen Liedern und Wehrmachts-Nostalgie enthält es einen Liedtext, in dem sich die Burschenschaft über den Holocaust und die Ermordung von Millionen Juden lustig macht ("Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million").

FP-Chef Strache verneinte die Frage, ob sein Erscheinen bei der Gedenkveranstaltung eine Reaktion auf die Causa Landbauer sein könnte. "Sie wissen, dass ich all die Jahre, ich bin seit 13 Jahren, bevor ich in die Regierung eingetreten bin, im Parlament tätig, als Klubobmann der freiheitlichen Partei - und ich habe jedes Jahr die entsprechenden Gedenkveranstaltungen besucht. Warum soll ich das jetzt ändern?"

(APA)