Ökologie und Erotik in der Provence

Ökounterkünfte, Bauernrundgänge und Landbistros: Die Haute-Provence lockt Naturtouristen an. Umweltexkursionen enthüllen die Geheimnisse der Region: Orchideen als Sexpuppen, Liebesäpfel und das „Viagra der Provence“.

Wolfgang Dubbert legt eine Hand auf die raue, lehmfarbene Wand. „2001 habe ich mit meiner Frau das heruntergekommene Sandsteinhaus gekauft. Dann kamen vier Jahre Arbeit“, stöhnt er, „wir haben 176 Mischmaschinen Kalk-Hanf-Putz mit den Händen aufgetragen, um Wände und Boden zu dämmen. Und das war erst der Anfang!“

Heute lebt das deutsche Paar auf seinem kleinen Anwesen in der Hochprovence und empfängt Urlauber in zwei charmanten, individuell eingerichteten Zimmern. Solarkollektoren auf dem Dach sorgen für Heißwasser, geheizt wird mit Holz. Mülltrennung, Kompost und Regenwassernutzung sind selbstverständlich. „Dafür wurden wir als „Ecogîte“ ausgezeichnet, mit einem Label für Ökoferienunterkünfte“, sagt Wolfgang beim 100-Prozent-Biofrühstück mit selbst gebackenem Brot. Dann schickt er seine Gäste auf Erkundung in die Umgebung, zum Beispiel auf die Radwege des Biosphärenreservates Lubéron. Sie führen durch fruchtbare Flusstäler und Felsschluchten, Olivenplantagen und Hochebenen mit Lavendelfeldern. Auf den Anhöhen thronen trutzige Dörfer mit Wehrmauer, Kathedrale, engen Gassen und ockerfarbenen Häusern.

Das Departement Alpes de Haute-Provence zwischen Alpen und Provence ist spröde, archaisch und gehört zu den am dünnsten besiedelten Gegenden Frankreichs. Selbst im Hochsommer ist es hier nie überfüllt. Ideal für einen Fremdenverkehr, der an Natur und Nachhaltigkeit orientiert ist. Bauernrundgänge, Umweltexkursionen und Ökounterkünfte sollen Erholungssuchende anlocken. Zum Beispiel die „Gîtes Panda“, eine weitere Umweltmarke der Vereinigung französischer Privatherbergen, „Gîtes de France“. Aus alten Höfen entstanden bisher 25 Ferienhäuser, die vom WWF mit dem Logo des Pandabären zertifiziert wurden. Mit Naturmaterialien eingerichtet und in Regional- oder Nationalparks gelegen, sollen sie zur Beobachtung der Tier- und Pflanzenwelt anregen. Die Betreiber stellen Ferngläser und Bestimmungsbücher zur Verfügung.

Innovativ auch die Gastronomie. Die „Bistrots de Pays“ beleben Weiler, in denen es keine Geschäfte mehr gibt. Neben Menüs aus lokalen Produkten bieten sie je nach Bedarf Zusatzfunktionen wie Brotdepot, Fahrradverleih oder Kiosk. In Limans speisen Einheimische und Touristen unter einer lauschigen Pergola auf dem Dorfplatz. Die junge Pächterin serviert frische Pflücksalate, Dinkel-Zucchini-Gratin und Lammgerichte. Dazu einen fruchtigen Landwein.

 

Knollen gegen Männerleiden

In die Geheimnisse des Lubéron führen die Wanderungen des Zentrums für Umweltinitiativen. Zwischen bizarren Kalkfelsen und jahrhundertealten Wacholderbüschen streckt eine Ragwurz ihre lila getupften Blütenkerzen hervor. „Orchideen sind für Insekten wie Sexpuppen“, sagt Exkursionsleiter Remi Amoycornille, „ihre Blüten ahmen Insektenweibchen nach und die Männchen lassen sich davon irreführen!“ Die Pollen, die an ihnen haften bleiben, tragen sie dann zur nächsten Blüte. Das ist nicht die einzige erotische Anspielung, die Remi parat hat. „Würden wir diese Ragwurz ausgraben, dann fänden wir zwei behaarte Knollen, eine kleinere und eine größere.“ Remi ist Ende 20 und ein echter Naturbursche. Er wiegt die imaginären Knollen in beiden Händen und grinst. „Im Mittelalter glaubte man wegen ihrer Form, sie wären gut gegen Männerleiden“, schmunzelt er, „wer sexbesessen war, bekam die kleine Knolle, wem es an Libido fehlte, die größere.“

So gewinnt Remi die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer und kann auf diffizilere Zusammenhänge eingehen, wie die Folgen des Klimawandels: Hitze und Trockenheit machen Flora und Fauna zunehmend zu schaffen, schon wandern die ersten afrikanischen Arten ein. Zuletzt präsentiert Remi anerkannte Aphrodisiaka. Bergbohnenkraut preist er als „Viagra der Provence“ und Weißdornbeeren als „Liebesäpfel“ für Frauen.

Einige Kilometer weiter westlich, im 100-Seelen-Örtchen Aubenas-les-Alpes aus dem zwölften Jahrhundert, führt Florian Pascal durch Macchia und Felder. Er ist leidenschaftlicher Biobauer und bietet Agrorundgänge an. Ebenso wie rund 20 weitere Landwirte, darunter Hersteller von Ziegenkäse und Lavendelessenzen, Eselzüchter und Olivenölproduzenten.

Florian lebt von Melonen, Weizen und Dinkel. „Nachhaltig wirtschaften heißt anbauen, was zu Klima und Boden passt“, sagt er, „hier wachsen Melonen gut, denn sie brauchen viel Wasser.“ Seine ungespritzten Getreideäcker sind wie in alten Zeiten mit Kornblumen, Klee und wildem Kardamom gesprenkelt. Die Führung endet beim Wohnsitz des Jungbauern, einer früheren Mühle mit drei WWF-Wohnungen.

Bei provenzalischen Spezialitäten im gemütlichen Gewölbekeller klingt der Tag aus. Nach Spargelsalat und Lammragout kommt der Banon de Banon auf den rustikalen Holztisch, ein in Kastanienblättern gereifter Ziegenkäse. Zur Verdauung folgen Fruchtweine und Pastis, der berühmte Anisschnaps. Aus der Unterhaltung klingt die Sorge um die Umwelt und das Erbe der Region. Draußen zirpt das Symphonieorchester der Grillen, in der Zypresse hat eine Nachtigall ihre Arie angestimmt.

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