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Leitartikel

Sprengmeister des Westens

Donald Trump in Kanada
Donald Trump in KanadaAPA/AFP/POOL/SAUL LOEB
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Donald Trump reißt die alte Ordnung nieder, ohne auch nur zu ahnen, wie die neue aussieht. Der G7-Gipfel ist Sinnbild einer Zeitenwende, in der sich westliche Demokratien selbst schwächen.

Der Klub der G7 (USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada) ist 43 Jahre nach der Gründung obsolet. Angesichts ihrer Wirtschaftskraft müssten längst China, Indien oder Brasilien Mitglieder sein. Für sie rief man die G20 ins Leben; die G7 könnten genauso gut aufgelöst werden. Ihre einzige Daseinsberechtigung besteht darin, dass sich der Westen abstimmt. Doch auch dieser Zweck zerbricht.

Als Sprengmeister sind ausgerechnet die USA am Werk, bisher Garanten der liberalen Weltordnung. Präsident Donald Trump hat keine Lust mehr, Ordnungshüter für den Rest des Planeten zu spielen. Er ist überzeugt, dass Amerika sich in den vergangenen Jahrzehnten über den Tisch ziehen ließen.

In seiner „America first“-Manie glaubt der Nullsummenspieler, bessere Konditionen herausholen zu können. Wer die Welt so sieht, kennt keine Verbündeten mehr, nur noch Gegenspieler. Die Europäer haben es seit der Angelobung des 45. US-Präsidenten mit gutem Zureden und Schmeicheleien versucht. Vergeblich. Hoffnungen, der Irrwisch werde sich im Amt mäßigen, erfüllten sich nicht. Je näher die Kongresswahlen am 6. November rücken, desto entschlossener geht er daran, Versprechen umzusetzen. Der Flurschaden ist beachtlich: Trump hat den Klimapakt gekündigt, ist aus dem Atomabkommen mit dem Iran ausgestiegen und zettelt nun einen Handelskrieg gegen Europa an. Hoffnung gibt jedoch sein grundvernünftiger Vorschlag einer zollfreien G7-Zone. Warum nicht gleich ein transatlantischer Raum ohne Handelsschranken?

Trauerspiel

Den Westen, wie man ihn gekannt hat, gibt es nicht mehr. Das war greifbar beim G7-Gipfeltrauerspiel, bei dem man die Spannungen in Watte packte. Zuvor hatte Frankreichs Präsident Macron in einer absurden Spiegelung Trumps per Twitter gedroht, die USA zu isolieren. Das war keine gute Idee. Denn im Gegenzug regte das US-Staatsoberhaupt aus heiterem Himmel an, das nach der Krim-Annexion ausgeschlossene Russland wieder zu den G8 zu holen, was wiederum die Europäer spaltete. Italiens Premier unterstützte den Vorstoß, die anderen EU-Klubmitglieder lehnten ab. Wer mag dieses Theater ernst nehmen? Zieht man das aufgeregte Gerede ab, lag das Ergebnis des G7-Gipfels bei null. Ein Kreml-Sprecher reagierte kühl auf Trumps Einladung in die G8: Andere Formate seien bedeutsamer.

Zur selben Zeit ließ sich Putin in Peking eine Freundschaftsmedaille von Chinas Staatschef, Xi Jinping, umhängen und vereinbarte eine Verdopplung des Handelsvolumens bis 2020, um dann zum Gipfeltreffen der Shanghai-Gruppe (China, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan, Indien, Pakistan) weiterzureisen. Während sich Europa und die USA entzweien, rücken unter autokratischer Führung andere Staaten zusammen. In dieser Zeit des Umbruchs wäre es wichtiger denn je, dass westliche Demokratien zusammenhielten. Doch da kommt Trump und reißt die alte, westlich geprägte Ordnung nieder, ohne auch nur eine Vorstellung zu haben, wie die neue aussieht. Er verdient eine chinesische Medaille mindestens ebenso wie Putin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2018)