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Missbrauch: "Kirche muss ernsthaft aufräumen"

Missbrauch Kirche muss ernsthaft
(c) REUTERS (ALESSIA PIERDOMENICO)
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Papst Benedikt XVI. fährt einen schärferen Kurs gegen Kindesmissbrauch. Das Oberhaupt der katholischen Kirche will bis Ostern die kirchliche Position darlegen.

Rom. „Basta. Es reicht. Die Kirche muss jetzt ernsthaft aufräumen.“ Aus dem Vatikan hat sich zumindest einer zu den Missbrauchsaffären gemeldet, die in der katholischen Kirche Deutschlands immer größere Kreise ziehen: Walter Kasper. Dem deutschen Kardinal, zuständig für die Ökumene und die Beziehungen zum Judentum, platzte angesichts solch „unverzeihlicher Verbrechen“ am Wochenende der Kragen: „Ich verspüre große Traurigkeit, tiefe Enttäuschung, Schmerz und sehr, sehr viel Wut.“

Kaspers einsame Wortmeldung heißt nicht, dass der Vatikan ansonsten schweigen würde. Die Berichte aus Deutschland treffen die Kirchenleitung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Der Papst hat bereits drastische Worte der Verurteilung gesprochen; noch weiter kann er kaum gehen.

Erst vor drei Wochen, beim Krisentreffen mit den irischen Bischöfen zum gleichen Thema, hat Benedikt XVI. das „abscheuliche Verbrechen“ gegeißelt, das da an Minderjährigen geschehen sei. Er hat die Bischöfe gedrängt, den Satz zu unterschreiben, „die kirchlichen Autoritäten Irlands“, also sie selbst, hätten „versagt“. Und noch vor Ostern will Benedikt XVI. die kirchliche Position darlegen, wahrscheinlich sogar verschärfen. Die deutschen Skandale fallen genau ins Zeitloch dazwischen. Das erweckt den fatalen Eindruck, „der“ Vatikan wolle diese Sache nun mit Schweigen übergehen.

Diese alte Politik aber will Benedikt nicht weiterführen. Schon 2001, unter dem Druck des gewaltigen Missbrauchsskandals in den USA, betrieb Kardinal Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation eine Verfahrensreform: Diözesen dürfen seither die einschlägigen Affären nicht mehr intern regeln und vertuschen. „Bei auch nur vager Kenntnis einer solchen Straftat“ muss jeder Ortsbischof die Glaubenskongregation einschalten.

Ratzingers Dekret „De delictis gravioribus“ hat jedoch einen viel kritisierten Mangel, diesen will der Vatikan heute offenbar beheben: Innerkirchliche Strafverfahren zu Missbrauchsfällen unterliegen immer noch „der päpstlichen Geheimhaltung“. Dies hat dazu geführt, dass – zum Schutz der „Institution Kirche“ vor Imageschäden – die weltliche Justiz genauso draußen zu bleiben hatte, wie das all die Jahrhunderte zuvor der Fall war.

 

„Päpstliche Geheimhaltung“

Heute hingegen verlangen Kardinal Kasper sowie Claudio Hummes als „Klerusminister“ des Vatikan sogar ausdrücklich die Einschaltung der weltlichen Justiz, „um die Verantwortlichkeiten resolut, bis ins letzte Detail aufzuklären“. Und aus der Tatsache, dass die irischen Bischöfe sich offiziell verpflichten mussten, „mit den staatlichen Autoritäten zusammenzuarbeiten“, lässt sich vermuten, dass der Papst diese Wende in seinem angekündigten Brief als Norm festschreiben wird. Damit hätte der Vatikan seinerseits die Deutsche Bischofskonferenz überholt, die seit 2002 den Verdächtigen „in erwiesenen Fällen“ – angesichts der „päpstlichen Geheimhaltung“ – nur zur Selbstanzeige „rät“ oder „gegebenenfalls“ das Gespräch mit der Staatsanwaltschaft sucht.

Andererseits billigt der „Osservatore Romano“ die deutschen Leitlinien ausdrücklich. In einer Fußnote zum Bericht über die Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen schreibt die offizielle Vatikanzeitung, der Heilige Stuhl unterstütze die Diözese „in ihrer Bereitschaft, die schmerzliche Sache entschlossen und in offener Weise aufzuklären“. Hauptziel der Kirche sei es, „den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“.

Dann geht das Vatikanblatt einen Schritt weiter: „Dankbar für die Klarheit innerhalb der Kirche wünscht sich der Heilige Stuhl ebensolche Anstrengungen bei anderen Institutionen, öffentlichen wie privaten, wenn das Wohl der Kinder tatsächlich allen am Herzen liegt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2010)