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Umeå: Weltgewandt und naturverbunden

Das Wasser ist in Västerbotten nie fern.
Das Wasser ist in Västerbotten nie fern.Magdalena Mayer
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Bei der nordschwedischen Stadt Umeå kann man wie ein Vogel im Nest oder Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel weilen.

„Wir haben den besten Ausblick“, sagt die Kunstvermittlerin Elsa Bjelkedal, als sie aus dem großen Fenster des Bildmuseet zeigt, in dem sie Besuchern zeitgenössische Bildende Kunst näherbringt. Vermutlich hat sie recht. Die Augen schweifen über Gebäude aus Holz und Backstein, die die Optik Umeås prägen. Mit etwa 125.000 Einwohnern ist sie die größte Stadt Norrlands, des nördlichsten Landesteils Schwedens. Fast ein Drittel davon sind Studenten, die das Treiben auf den gepflegten Straßen (im Winter werden sie beheizt) lebendig machen. Oft kommen sie vom Ausland in die Region Västerbotten, um auf dem Kunstcampus zu studieren, in den das Bildmuseet eingebettet ist. Besonders die Designhochschule hat internationalen Rang.

Nah an Wasser und Wald

Links schiebt sich der Umeälven ins Sichtfeld. Der gemächliche Strom entspringt dem schwedisch-norwegischen Gebirge und fließt reguliert durchs Land, ehe er sich mit dem wilden, unter Naturschutz stehenden Vindeläven vereint, dessen Stromschnellen für Raftingabenteuer bekannt sind. Zu einem einzigen Gewässer vereint, bahnen sie sich schließlich quer durch Umeå den Weg zum nahen Bottnischen Meerbusen. „Ort des rauschenden Flusses“ soll der Stadtname in der Ursprache der indigenen Samen bedeuten, die als Rentierzüchter hier im Norden Schwedens leben. Umeå wird gemeinhin auch Tor zu deren Gebiet Sápmi, dem Lappland, genannt. Wasser und dessen Nutzung hat hier seit jeher einen hohen Stellenwert – doch auch eine andere natürliche Ressource: das Holz.

Lässt man den Blick aus dem Fenster weiterwandern, taucht der Wald auf, der die gesamte Gegend in ein grünes Kleid hüllt. Dass Umeå heute noch besteht, hat es wohl einem bestimmten Baum zu verdanken: der Birke. 1888 zerstörte ein Feuer fast alle Häuser. Um fortan die Ausbreitung von Flammen zu erschweren, pflanzte man Birkenalleen, da man um deren Qualität als Wasserspeicher wusste. Seitdem trägt Umeå auch den Beinamen Die Stadt der Birken. Sie sind heute überall, ob am Wegesrand oder im Glas als Saft. Als Umeå 2014 zur Kulturhauptstadt erkoren wurde, baute das Architekturbüro Snøhetta das Kulturzentrum Väven mit einer strahlendweißen Fassade als Reminiszenz an die Birkenrinde.

Auch neue Ausstellungsräume sind in dem Jahr entstanden, als die Welt auf das Kulturleben der nordischen Unbekannten geblickt hat, die viele erst auf der Landkarte suchen müssen. Ein Frauenmuseum bereichert die Stadt nun ebenso wie das Gitarrenmuseum der frenetischen Sammlerbrüder Samuel und Michael Ahden. Die Kulturinstitutionen Umeås – dazu gehören auch die nördlichste Oper der Welt und ein Skulpturenpark internationalen Ranges im Stadtteil Umedalen – können sich sehen lassen.

Trotz ihres modernen Kunststrebens ist die Stadt nach wie vor eng mit der Natur verbunden. „Die Fotografien Jochen Lemperts kommunizieren mit der Umgebung, ,Ecovisionaire‘ präsentiert Ideen über die Beziehung zwischen Mensch und Ökologie“, veranschaulicht Bjelkedal mit Beispielen, dass auch im Bildmuseet sämtliche aktuellen Ausstellungen Naturbezug aufweisen.

Acht Kilometer vom Zentrum flussaufwärts findet man eine Sammlung, in der die Natur selbst Künstlerin ist: Im Arboretum Nord bei Baggböle wurden etwa 2000 exotische Gewächse gepflanzt, um zu erforschen, wie sie im borealen Klima überleben. Die boreale Zone bestimmt im Sommer auch das faszinierende Naturphänomen der schier endlosen Tage. „Nacht“, das heißt momentan: fünf Stunden lang weiße Dämmerstimmung. Weiter den Umeälven aufwärts liegt beim kleinen Ort Granö ein Refugium, an dem man diese langen Tage in abgeschiedener Ruhe verbringt: In den „Vogelnestern“ von Granö Beckasin stören nur wenige Äste die freie Aussicht.

Vogelfrei auf Baum und Insel

Die Baumhäuser thronen hoch in den Kronen, wie das Nest eines Adlers oder einer Schnepfe. Letztere habe dem Unternehmen ihren Namen geliehen, erzählt der Ökologe und Pädagoge Christopher Storm, der es mit weiteren Beteiligten leitet. Als, wie so oft im Norden, immer mehr Menschen gen Süden abwanderten, die nicht mehr von Forstwirtschaft oder Flößen leben konnten oder wollten, sollte die Schule zusperren, zu wenig Nachwuchs gab es. Ansässige überlegten: Wie zum Bleiben bewegen? Sie fanden die Lösung in der Sammlung 1500 ausgestopfter Vögel des Bauern Jan-Erik Sjöblom, der die Tiere so liebte – und besagte Schnepfe am meisten –, dass er sie konservierte. Die Vision eines Museums für Vögel war geboren, zu der mit kleinen Schritten hingebaut wird: Ein Ökohotel und die von der Designhochschule Umeå gestalteten Nester haben Arbeitsplätze und einen Naturtourismus gebracht, der auf „Endorphine statt Adrenalin“ setzt, so Storm. Dazu gehören Floßfahrten ebenso wie Wanderungen mit Klimaforschern. Kürzlich erwarb man eine historische Farm und verwandelte sie in ein Kulturzentrum. Die Verbindung von Kunst mit der Natur funktioniert auch hier bestens.

Auch andernorts engagieren sich Einheimische gegen die Landflucht. Die Inselgruppe Holmöarna im Kvarken, der Meerenge zwischen Finnland und Schweden (nur 20 Kilometer trennen die Länder), ist dünn besiedelt, 70 Menschen leben hier. Eine Schule gibt es nicht mehr, Kinder müssen mit der Fähre auf das Festland. Auch die Tochter von Karin Lundmark ist längst nach Göteborg gezogen. Die Eltern weilen indes ganzjährig auf Holmön, der größten Insel. „Ein bescheidenes Leben mit großer Essenz“, meint Lundmark, die hier Abende mit Lesungen und Theater mitorganisiert. Ende Juli steigt auch ein Songfestival. Im Winter, wenn der Archipel unbelebt ist (die meisten kommen im Sommer zu Ferienhäusern oder zum Segeln, Holmöarna gilt als sonnigster Platz Schwedens), hilft sie im Supermarkt, den die Gemeinschaft dann in Freiwilligenarbeit betreibt. Gerade wegen der Bescheidenheit und Ruhe verschlägt es mittlerweile auch Junge in die Schären vor Umeå. Einer ist Joar Sandström. Der 30-Jährige mit langen Haaren und Seemannskappe führt durch Holmöns Bootsmuseum und erzählt vom Fischfang der ersten samischen Siedler um 1300 und der früher üblichen Robbenjagd, aber auch vom heutigen Inselleben: „In den letzten Jahren kamen zehn Leute in meinem Alter.“

Woanders könnte sich Sandström kein Leben mehr vorstellen. Besonders dann, wenn er die Segel der hölzernen Schaluppe hisst, mit der er Gäste über das glitzernde Meer zur kleinen Insel Stora Fjäderägg bringt: „Man sollte nicht nur Hauptattraktionen anschauen, sondern die Natur spüren“, sagt er, während die sanft bewaldete steinerne Insel am Horizont auftaucht und Seeadler kreisen; hier nisten 283 Vogelarten. Stora Fjäderägg ist flach, doch wird bald höher sein: Die Inseln sind durch Landhebung entstanden und steigen jedes Jahr weiter um einen Zentimeter. „Kauft man ein Inselhaus, hat man bald ein Grundstück dazu“, scherzt Sandström. Auf der Insel, die die Schaluppe ansteuert, findet man allerdings wenige Häuser. Sie ist Teil des großen Naturschutzgebiets Holmöarnas. Nur die ornithologische Station und die Jugendherberge beim Leuchtturm sind belebt. Auf dem Wanderweg, der um die Insel führt, hält man dennoch besser die Augen offen: Zu Füßen findet man Moore und Moltebeeren, an der Küste sonnen sich Robben, zwischen den Bäumen könnte man Elche oder wenige zurückgebliebene Rentiere erspähen, die im Winter von den Samen über die zugefrorene See in Herden auf die Inseln getrieben werden.

Auf dem weiß gestrichenen Tisch vor den roten Holzhäusern wartet spätabends die nächste „fika“ auf die Wanderer: Jausnen gehört in Schweden rund um die Uhr zum Alltag. Und spätestens, wenn man die helle Nacht über dem Inselidyll bewundert, während man Pie aus lokalem Västerbottenkäse und Kuchen verspeist, dazu gemächlich Kaffee trinkt, versteht man die Betulichkeit und Naturverbundenheit in Västerbotten.

DRINNEN UND DOCH DRAUSSEN

Unterkünfte: In Umeå kann man im birkenweißen Väven am Ufer des Umeälv übernachten. umehotel.se

Granö Beckasin bietet Vogelnester, Camping, ein Ökohotel, Hütten und Outdoor-Aktivitäten. granobeckasin.com

Eine Jugendherberge gibt es in ehemaligen Gebäuden der Leuchtturmstation auf Stora Fjäderägg. www.storafjaderagg.se

Weitere Information: www.visitumea.se

Compliance-Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung von Visit Sweden. www.visitsweden.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2018)