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Walzer mit Beethoven: Die Neunte als Originalklang-Happening

Teodor Currentzis
Teodor Currentzis(c) Clemens Fabry
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Kritik Teodor Currentzis und sein Ensemble MusicAeterna aus Perm eröffneten den Zyklus sämtlicher Beethoven-Symphonien mit einer Aufführung der Neunten. Die Sänger übertrumpften das stehend musizierende, für die riesige Felsenreitschule allzu zart tönende Orchester mühelos.

Wenn ein medial hochgeputschter Künstler wie Teodor Currentzis bei den Festspielen einen Beethoven-Zyklus anbieten darf – und diesen notabene mit der Neunten beginnt –, kommt man mit allerlei Vorgefühlen in die Felsenreitschule. Und, das muss auch gleich angeführt werden, man hört einige Dinge, die dank der trockenen Artikulation der Musiker des Opernorchesters aus Perm bemerkenswert durchsichtig klingen, etwa das Fugato des „militärischen“ Abschnitts im Finale, in dem es sonst gern allzu turbulent, ja beinah chaotisch zugeht.

Da hört man bei den Gästen jeden Ton. Auch bieten sie etwa im Trio des Scherzosatzes ein luftig-zartes Gewebe aus Legatobögen, das einen willkommenen Kontrast bilden könnte zum wild bewegten Umfeld.

Allein, dieses wildbewegte Umfeld ist von Currentzis' Gnaden über weite Strecken ein Staccatogehopse, ein Geratter und Gerassel, in unbarmherzig rasanten Tempo vorangetrieben; ohne jede Rücksichtnahme auf die Notwendigkeit distinkter Tonproduktion, die Verläufe, Linienführungen erst nachvollziehbar machen würde.

Auch wenn er dem Sportsgeist alles unterordnet, den Geschwindigkeitsrekord konnte Currentzis nicht brechen, obwohl er sogar das berühmte Instrumentalrezitativ vor der Exposition des „Freude“-Themas in einem Affenzahn, und daher weniger artikuliert als gestottert, herunterspielen ließ.

Mangel an gliedernder Strukturierung und der für den Riesenraum viel zu dezente „Originalklang“ ließen schon Kopfsatz und Scherzo wie Miniaturausgaben großer Szenen klingen, fein gedrechselt in viele Passagen, gewiss, aber weit weg von Ohr und Sinn des Publikums.

Wie weit, ließ Michael Nagy hören, der sein „Freunde, nicht diese Töne“ nobel und wohlklingend sang und doch klang, als hätte die Tonregie die Lautstärke plötzlich radikal angehoben. Dank dieses Missverhältnisses zwischen Orchester und Singstimmen war dann auch Sebastian Kohlhepps lyrischer Tenor auch in den martialischen Szenen durchwegs hörbar und Janai Bruggers Sopran schwebte ungestört und samtweich über dem Finaljubel. Elisabeth Kulmans Alt ergänzte luxuriös das Quartett – und weil Festspiele sind, agierten auch die Chöre aus Perm und Salzburg (Bachchor) mit seltener Wortdeutlichkeit. Das hatte schon Methode!

Was das orchestrale Gezirpe anlangt, sei immerhin noch angemerkt: Die berühmte Ces-Dur-Stelle im Adagio wurde schon bei der Uraufführung vom stolzen Besitzer eines Ventilhorns geblasen. Dass Beethoven sich bei dieser Passage ein solch experimentelles Happening aus gestopften und offenen Naturhorntönen vorgestellt haben könnte, wie man es diesmal serviert bekam – dergleichen hätte John Cage nicht zu notieren vermocht! –, ist eine der Legenden, die uns die Originalklangbewegung auftischt.

Zur vibrato- und charmelosen Spielweise dieses Satzes à la Currentzis passt es freilich gut. Apropos Charme: Zur letzten Variation in diesem langsamen Satz hätte man Walzer tanzen können – das wiederum wirft weniger die Frage auf, welchen Charakter Beethoven dieser Stelle gern zugedacht hätte, sondern eher die nach der metrischen Struktur eines Zwölfachteltakts, also eine nach der Schnittstelle zwischen dirigentischem Handwerk und Scharlatanerie . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2018)