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Reform: Neue (alte) Strenge in den Schulen

„Ich glaube an diesen Schultyp“, sagt Bildungsminister Heinz Faßmann über die (Neue) Mittelschule.
„Ich glaube an diesen Schultyp“, sagt Bildungsminister Heinz Faßmann über die (Neue) Mittelschule.(c) Georg Hochmuth / picturedesk.com

In den Volksschulen werden die Ziffernnoten und das Sitzenbleiben zurückkehren. In den (nicht mehr neuen) Mittelschulen kommen die Leistungsgruppen teilweise wieder.

Wien. Er sei, sagte Bildungsminister Heinz Faßmann, „kein Freund der Übertreibung“, aber es handle es sich bei dem Pädagogik-Paket um „einen bedeutsamen Meilenstein“. Damit soll offenbar wieder mehr Strenge in den Schulen kommen – die Ziffernnoten, das Sitzenbleiben und die Leistungsgruppen werden (zumindest teilweise) zurückkehren. Als „bildungspolitischen Revanchismus“ oder „zwangsweises Alles-Muss-Anders werden“ will der Minister das nicht verstanden wissen. Türkis-Blau wird in den Volks- und Neuen Mittelschulen dennoch einiges ändern.

 

Ziffernoten

In den Volksschulen wurde in den vergangenen Jahren vermehrt auf verbale Beurteilungen gesetzt. Ziffernnoten gab es in den Zeugnissen oft gar nicht mehr zu sehen. Nun erleben sie eine Renaissance. Ab dem nächsten Schuljahr sind Ziffernnoten spätestens im Jahreszeugnis der zweiten Klasse Pflicht. Bisher mussten diese erst in der vierten Klasse vergeben werden. Dass die Ziffernnote zurückkehrt, heißt allerdings nicht, dass die verbale Beurteilung abgeschafft wird. Ganz im Gegenteil. Denn „schriftliche Erläuterungen“ sind künftig ebenso (in allen vier Volksschuljahren) Pflicht. Zur Entlastung der Lehrer werden hierfür eigene Bewertungsraster entwickelt.

 

Sitzenbleiben

Beim Wiederholen von Schulstufen, beim sogenannten Sitzenbleiben, gibt es ebenso eine politische Wende. In den vergangenen Jahren schaffte der Gesetzgeber das (unfreiwillige) Sitzenbleiben immer weiter ab. Erst vor zwei Jahren wurde es in den ersten drei Volksschulklassen unmöglich gemacht. Nun kehrt es wieder. Schüler, die in einem Fach negativ beurteilt werden, können künftig in der dritten Volksschulklasse zur Wiederholung gezwungen werden.

 

Türschild

Umbauen will die türkis-blaue Regierung auch die Neue Mittelschule (NMS). Das einstige rote Prestigeprojekt, das die frühere Hauptschule ersetzte, wird einen Teil seines Namens, nämlich das Wort „neu“, verlieren. Der Schultyp wird nur noch „Mittelschule“ heißen. Mit den Türschildern soll sich das Image ändern. Die Mittelschule sei „keine bildungspolitische Sackgasse“. „Ich“, wie Faßmann sagte, „glaube an diesen Schultyp“. Er funktioniere im ländlichen Raum schon jetzt gut. Allerdings müsse man das „großstädtische Problem“ lösen – „und zwar nicht nur mit dem ritualhaften Ruf nach mehr Ressourcen“. Die Mittelschule soll „leistungsorientiert“ werden.

 

Notenskala

Für diese „Leistungsorientierung“ soll unter anderem ein neues Notensystem sorgen. In der Mittelschule wird es in den Hauptfächern künftig (ab der zweiten Klasse) zwei fünfteilige Notenskalen geben. Schüler werden entweder nach „Standard AHS“ (also wie im Gymnasium) oder nach „Standard“ (weniger anspruchsvoll) beurteilt. Die Notenskalen sind überlappend. Ein „Befriedigend“ in der „Standard AHS“-Skala entspricht einem „Sehr gut“ auf der „Standard“-Skala usw. Der Lehrer entscheidet, welcher Schüler in welchem Fach nach welcher Skala benotet wird. Dieses neue (immer noch komplizierte) Benotungssystem ersetzt die umstrittene siebenteilige Notenskala. Bisher wurde zwischen „vertiefender“ und „grundlegender Benotung“ unterschieden. Die „vertiefende“ Skala reichte von eins bis vier. Dann rutschen Schüler in die „grundlegende“. Sie reichte von drei bis fünf. Das neue Benotungssystem soll leichter verständlich sein. Die Unterschiede liegen allerdings in den Details.

 

Leistungsgruppen

Mit dem Pädagogik-Paket kehren in den Mittelschulen die Leistungsgruppen zurück – allerdings nur in einer sehr abgeschwächten Form. Denn die Entscheidung, ob in (Leistungs-)Gruppen unterrichtet wird, fällt am Schulstandort. Direktoren, die an das Teamteaching glauben, können auch weiterhin zwei Lehrer gleichzeitig in den Hauptfächern einsetzen. Direktoren, die hingegen die früheren Leistungsgruppen bevorzugen, können diese in Deutsch, Mathematik und Englisch einführen. Sie sind allerdings flexibler als damals. Schüler können nun nämlich auch während des Schuljahres wechseln.

Von einem „bedeutsamen Meilenstein“ sprach außer Bildungsminister Faßmann am gestrigen Montag niemand. Doch die Lehrergewerkschaft zeigte sich zumindest vorsichtig positiv („Meist liegt der Teufel aber im Detail“, wie es Lehrervertreter Paul Kimberger formulierte.) Heftige Kritik gab es von der Opposition. Die SPÖ sieht eine „Rückkehr in die Nachkriegszeit“, die Neos „ein Zurück in die 50er-Jahre“ und die Liste Pilz sprach vom „Rückschritt als neuem Fortschritt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2018)