Die Furcht vorm langen Film, der Triumph der kurzen Serien

Kritiker brechen eine Lanze für halbstündige Folgen, wie in der Netflix-Serie "Maniac".
Kritiker brechen eine Lanze für halbstündige Folgen, wie in der Netflix-Serie "Maniac".(c) Netflix

Während in der Filmwelt (wieder) über Überlängen diskutiert wird, begeistern neue Serien die Kritiker gerade wegen ihrer Kürze.

In einem Festivalprogramm, das einige Filme mit auffälliger Überlänge versammelt – darunter etwa den chinesischen Fast-Neun-Stünder „Dead Souls“ und das vierzehn Stunden lange argentinische Epos „La Flor“ – fällt der Viennale-Beitrag des rumänischen Regisseurs Radu Jude eigentlich nicht wegen seiner Länge auf. Jude fühlte sich, wie „Der Standard“ online berichtet, trotzdem bemüßigt, sich vor der Vorstellung von „I Do Not Care If We Go Down in History as Barbarians“ (Originaltitel „?mi este indiferent dacă în istorie vom intra ca barbari“) vergangene Woche vorsorglich beim Publikum für 140 Minuten Laufzeit zu entschuldigen.

Dass Kinofilme immer länger werden, ist statistisch nicht belegt: Tatsächlich blieb die durchschnittliche Filmlänge seit den 1960er-Jahren ziemlich konstant, wie Auswertungen der Filmdatenbank IMDb zeigen. Große Klassiker überstiegen schon damals oft die Drei-Stunden-Marke, „Lawrence von Arabien“ dauerte etwa 216 Minuten. Und trotzdem mehren sich gerade jetzt wieder – anlässlich von Kinostarts wie „Aufbruch zum Mond“ (142 Minuten, ab heute) und „Suspiria“ (152 Minuten, ab 15. 11.) – in Branchenmedien und Onlineblogs die Diskussionen, ob es nicht an der Zeit sei, Filme auf ein leichter verdauliches und die Aufmerksamkeitsspanne nicht allzu dehnendes Maß zu kürzen.

 

Am besten 30 Minuten?

Im Serienbereich passiert das offenbar schon: „Finally Some Good News: TV Dramas Are Getting Shorter“, titelt der „Guardian“ und lobt jüngste, besonders knackige Produktionen: die Thrillerserie „Homecoming“ mit Julia Roberts (auf Amazon), das raffinierte Psychospiel „Maniac“ (Netflix) oder das Trauerdrama „Sorry for Your Loss“ (Facebook). „Das beste Fernsehen, das derzeit gemacht wird, ist 30 Minuten lang.“ Auch der TV-Kritiker der „New York Times“ bricht eine Lanze für halbstündige Folgen. Im Fernsehen habe sich die Formel durchgesetzt, dass Comedyserien kurz, ernste Stoffe aber lang sein sollten: „But since when does length equal seriousness?“ Sein Hauptargument: Kürzere Folgen brächten ein konzentrierteres, intensiveres Erlebnis – und sparten Zeit. Die kann man fürs „echte“ Leben verwenden. Oder für eine weitere Folge.