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Clinch im Supermarktregal

Wer bestimmt den Preis im Markt?
Wer bestimmt den Preis im Markt?(c) Bloomberg (Brendon Thorne)

Die Supermärkte und ihre Lieferanten werfen sich gegenseitig vor, die eigene Marktmacht zu missbrauchen – auf Kosten der Kunden.

Wien. Bei den Einkaufsverhandlungen zu Jahresende geht es nie zimperlich zu. Da feilschen die Lieferanten mit den Supermarktketten um die Preise, Aktionen und Mengen, die im neuen Jahr in ihre Regale kommen. Aber heuer ist der Druck größer, beide Seiten sind auf ihr Gegenüber schlecht zu sprechen.

Dabei war die Stimmung Ende November betont amikal. Da unterschrieben die dominanten Lebensmittelhändler wie Rewe, Spar und Hofer einen Fairnesskatalog. Sie verpflichteten sich darin medienwirksam, ihre Produzenten – und vor allem die kleinen Bauern, die ÖVP-Nachhaltigkeitsministerin Elisabeth Köstinger in ihrer EU-Ratspräsidentschaft besonders am Herz lagen – gut zu behandeln und ihre Macht nicht in den Verhandlungen zu missbrauchen.

Mediale PR-Aktion?

Jetzt bekommt der nach außen gefeierte Friede Risse. Katharina Koßdorff, Chefin des Lebensmittelfachverbands, spricht von einer „medialen Inszenierung“, die ihr Papier nicht wert sei. In der Praxis höre sie quer durch ihre Branche Klagen, dass die großen Ketten ihre Einkäufer mit denselben unerlaubten Forderungen in die Gespräche schickten. Da würden Verträge nachträglich einseitig zum Nachteil der Hersteller geändert. Oder die Einkäufer erklärten, dass bei einem Artikel über das Jahr hinweg nicht der erhoffte Umsatz erzielt werden konnte und fordern vom Lieferanten eine nachträgliche Aufzahlung. Für Koßdorff ist die Praxis der beste Beweis, dass auch große Markenhersteller vor dem Handel geschützt werden müssen.

„Das fällt für mich unter Lobbying“, antwortet Spar-Sprecherin Nicole Berkmann auf die Vorwürfe. „Es war immer die Aufgabe des Handels, den Preis zwischen Konsument und Hersteller zu verhandeln. Jeder würde sich wundern, wenn wir nur ihre Preise entgegennehmen würden.“ Genau darauf zielt in den Augen der österreichischen Supermärkte das EU-Gesetz ab, das am Mittwoch in Brüssel unter dem Vorsitz von Ministerin Köstinger abgesegnet wurde. Es soll unlauteren Handelspraktiken einen Riegel vorschieben. Allerdings wurden aus den schützenswerten Bauern mit einem Umsatz von bis zu 50 Mio. Euro im Ursprungsvorschlag schützenswerte Hersteller mit bis zu 350 Mio. Euro Einnahmen.

Der Handel sieht sich als Opfer. Ein Henkel oder Unilever sei nun einmal mächtiger als der kleine Landwirt – die Industrie habe bei ihren Warengruppen Anteile und Gewinnmargen aufgebaut, von denen die Supermärkte nur träumen könnten, heißt es von den Supermärkten. Daher greife man den Markenhersteller anders an als den Biobauern. „Es wird auf Kosten der Konsumenten gehen, wenn man den Industrieunternehmen so viel Macht einräumt“, warnt Berkmann.

Harte Zeit für Supermärkte

Tatsache ist aber, dass die Gespräche heuer mit härteren Bandagen geführt werden dürften. Hinter vorgehaltener Hand berichten die Supermärkte vom massiven Druck, der auf der Branche lastet – von Minimargen, irrsinnigen Personalkosten und Onlinekonkurrenz, die keine Steuern zahlt. Die Situation sei unangenehm, habe die Lohnverhandlungen mit der Gewerkschaft verkompliziert – und schlage sich jetzt auch in den Gesprächen mit den Lieferanten nieder.

Man spiele hart, aber fair mit den großen Produzenten, betonen Insider. „Jeder weiß genau, was er darf und was er nicht darf.“ „Missverständnisse“ und „Fehlverhalten von Einzelnen“ seien unter dem Druck aber nicht auszuschließen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2018)