Intrigen um eine queere Queen

Darf auf einen Oscar hoffen: Emma Stone als Kammerzofe, die ohne moralische Bedenken um die Gunst der Königin buhlt.
Darf auf einen Oscar hoffen: Emma Stone als Kammerzofe, die ohne moralische Bedenken um die Gunst der Königin buhlt.(c) Twentieth Century Fox

Giorgos Lanthimos' zehnfach Oscar-nominierte Dramödie „The Favourite“ spinnt ein böses Kammerzofenspiel um Anne Stuart – weit entfernt von Kostümfilmkonfektion.

Gunst ist eine Brise, die ihre Richtung zu ändern pflegt“, meint der Earl zur Kammerzofe. Und schubst sie kurz darauf in den Graben, um seinen Punkt zu unterstreichen. Jetzt liegt Abigail (Emma Stone) verdutzt im Dreck. Doch sie ist weder auf den Mund noch auf den Kopf gefallen. Und wie sich herausstellt, ist auch sie imstande, anderen Unannehmlichkeiten zu bereiten.

In „The Favourite“ sind solche Eigenschaften dem persönlichen Fortkommen ausgesprochen zuträglich. Der ungewöhnliche Kostümfilm, in Venedig mit dem Großen Jury-Preis ausgezeichnet, für zehn Oscars nominiert und ab Freitag in heimischen Kinos zu sehen, spielt im frühen 18. Jahrhundert – genauer gesagt am Hof von Queen Anne. Die letzte Herrscherin der Stuart-Dynastie (launisch wie ein Kind: Olivia Colman) interessiert sich darin nicht für Staatsgeschäfte oder den Spanischen Erbfolgekrieg – ihre Sorge gilt vor allem ihrem Lidschatten und einer Schar süßer Haushäschen. Dennoch hat sie absolute Entscheidungsgewalt. Wovon hauptsächlich Annes engste Freundin und Vertraute profitiert: Lady Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz).

Bis deren Cousine Abigail aus einer Kutsche purzelt. Von guter Herkunft, aber tief gefallen, steckt man die Neue zunächst zum Gesinde, wo die Betten stinken und die Waschlauge brennt. Doch Abigail hat schnell herausgefunden, wer hier am Hof wirklich das Sagen hat. Mit selbst gemachtem Kräuterbalsam antichambriert sie bei der wehleidigen Königin – erfolgreich. Flugs wird sie von Lady Sarah zur Zofe befördert. Mit Gönnermiene vermittelt die Veteranin ihrem Protegé, dass eine gewisse moralische Fahrlässigkeit erforderlich sei, um es bei Hofe zu etwas zu bringen: „Ich mache schon noch eine Mörderin aus dir!“

 

Im Bett mit der Monarchin

Keine gute Idee: Was als harmlose Rivalität unter „Favoriten“ beginnt, eskaliert bald zum offenen Krieg. Dabei geht es auch um einen Platz im Bett der kränklichen Monarchin, die sich beim Scheine des Kaminfeuers gern die müden Beine streicheln lässt. In langen Gängen, zwischen vertäfelten Wänden, vor bunten Tapisserien und erbaulichen Gemälden (gedreht wurde in einem jakobinischen Herrenhaus in Sevenoaks, Kent) werden erst nur böse Spitzen abgefeuert – doch dabei bleibt es nicht.

Regie führte Giorgos Lanthimos – nicht der Erste, von dem man einen Historienfilm erwartet hätte. Bislang sorgte der Grieche in erster Linie mit tiefschwarzhumorigen, surreal verfremdeten Parabeln wie „Dogtooth“ und „The Lobster“ für Furore – dass er sich kaum um die gestelzten Konventionen des Genres schert, überrascht nicht. Von Pomp fehlt jede Spur: „The Favourite“ gemahnt eher an die kühle Nonchalance von Kubricks „Barry Lyndon“ als an das dramatische Getöse von „Elizabeth“ – nur das Tempo ist erheblich angezogen.

 

Realistisch trotz Fischaugenobjektiv

Auf historische Plausibilität legt Lanthimos nur wert, wenn er etwas lustig findet: Schon albern, diese eitlen Gecken mit ihren Allongeperücken! Ästhetisch schwebt „The Favourite“ ohnehin in eigenen Sphären. Die Kamera scheint stetig vorwärtszukriechen, bei jedem zweiten Wortwechsel setzt es einen schlagartigen Schwenk. Immer wieder schaut man durch Fischaugenobjektive aufs Geschehen. Eine verzerrte Perspektive – und trotzdem wirkt das alles realistischer als jeder klassische Kostümfilm. Weil die Figuren hier allesamt menschlich sind, verstrickt in Abhängigkeiten, getrieben von Impulsen und Gelüsten.
Eindeutige Sympathieträger gibt es nicht, nur wechselnde Machtverhältnisse, die immer auch emotional aufgeladen sind. Paul Verhoeven hätte den Stoff sicher ähnlich verfilmt, vielleicht mit Isabelle Huppert. Anheimelnd ist Lanthimos' Sittenbild keineswegs. Trotzdem stellt es seine bislang zugänglichste Arbeit dar. Das liegt einerseits am gepfefferten Drehbuch von Deborah Davis und Tony McNamara, das über weite Strecken den vergnüglichen Anschein einer „comedy of manners“ wahrt: Die hohe Kunst der Frotzelei wird reichlich zelebriert.

Fast noch wichtiger sind allerdings die Figuren und ihre Darstellerinnen. Bislang agierten Schauspieler bei Lanthimos bewusst wie unter Glas, Gefühle schienen kaum durch. Hier bricht die Distanzfassade öfters auf, und das berührt. Etwa, wenn sich herausstellt, dass die Hasen von Queen Anne symbolischen Wert besitzen: Jedes Fellknäuel steht für ein postnatal verstorbenes Kind (die echte Anne blieb tatsächlich kinderlos). Das Kinn Ihrer Hoheit zittert, plötzlich gerät die Karikatur zur möglichen Identifikationsfigur, wie eine Hofschranze wechselt man als Zuschauer seine Allianz. Stone und Weisz sind beide gut, doch Colman ragt heraus – ihre Performance bescherte ihr bereits einen Golden Globe. Oscar-Chancen haben alle drei Darstellerinnen, Colman für die weibliche Hauptrolle, Stone und Weisz für Nebenrollen.

Manchmal funkt es wirklich im unromantischen Dreieck. Empathie, sogar Liebe scheint möglich. Dass die Beziehungen scheitern, liegt letztlich an der sozialen Rangordnung, die zum Wettbewerb zwingt – und nie komplett ausgeblendet werden kann. So übt „The Favourite“ ganz automatisch Kritik an der britischen Klassengesellschaft. Auch seine feministische Schlagseite entbehrt jeglichen Sendungsbewusstseins: Wer am Ende oben bleibt, machen sich die Frauen hier weitgehend untereinander aus – völlig selbstverständlich.

Zehn Oscar-Chancen

Academy Awards. 14 Oscar-Nominierungen sind derzeit der Rekord, „The Favourite“ hat immerhin Chancen auf zehn Trophäen: Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin (Olivia Colman), Beste Nebendarstellerin (Emma Stone, Rachel Weisz), Bestes Drehbuch, Beste Kamera, Bestes Szenenbild, Bestes Kostümdesign, Bester Schnitt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2019)