Amanshausers Album: Verdrängung

Exklusive Tropenziele hadern mit der
Exklusive Tropenziele hadern mit der Demokratisierung des Reisens. Niemand will Minderqualitätstourismus wirklich – doch viele leben davon.(c) Yulia Agnis/Unsplash

81 - Touristen mit schlechtem Benehmen: Bali wehrt sich gegen selbst gerufene Geister.

Destinationen, die etwas auf sich ­halten, bemühen sich seit jeher um finanzkräftige Touristen mit Lust an Diskretion und Distinktion. Der Investor sei ein „scheues Reh", meinte ja ein früherer konservativer österreichischer Kanzler – und analog dazu ist auch der Qualitätstourist recht rehhaft. Wo jene auftauchen, die seinen Standards nicht entsprechen, bleibt er aus.

Doch der Tourismus mit seinen weltweit hohen Wachstumsraten elitarisiert sich durchaus nicht. Im Gegenteil, nie zuvor zeigte die Reisebranche sich so demokratisch wie in der Ära von Billigfliegern, Pauschalschnäppchen und Airbnb.

Rund ein Zehntel der Weltbevölkerung ist heutzutage zumindest theoretisch in der Lage, eine Fernreise zu unternehmen – am passagierreichsten Tag des Vorjahrs waren immerhin über 200.000 Flugzeuge gleichzeitig in der Luft. Wir können davon ausgehen, dass nicht sämtliche Insassen zur Qualitätsspezies gehörten. Angesichts des weltweiten Ansturms schwindet die Mondänität. Proletarier aller Länder haben Saint Tropez, Las Vegas oder die Malediven längst im Griff, ganz zu schweigen von der hartzvierigen Kreuzfahrt­branche.

Vom guten Namen lebende Reiseziele haben kein gesteigertes Interesse an dieser Demokratisierung – nehmen wir Bali, Indonesien. Die hinduistische Insel im bevölkerungsreichsten muslimischen Land stand für Exklusivität. Inzwischen kommen aufgrund der niedrigen Flugpreise fünf Millionen Besucher jährlich. Sie bleiben nicht an den Stränden, sie verteilen sich bis in die Bergdörfer.

Jüngst beklagten lokale Behörden den „Verfall der Touristenqualität", nachdem sich Reisende beim Tempel Puhur Lutur Batukaru auf einen den Gottheiten vorbehaltenen Schrein-Thron setzten. Die dazugehörigen Blasphemie-Bilder verbreiteten sich viral. Nun debattiert Bali über Besuchsbeschränkungen von Tempeln und ein Yogaposen-Verbot für Leichtbekleidete. Dass Besucher Qualität, Erziehung und Hausverstand vermissen lassen, wird an Orten augenscheinlich, wo sie eng aneinander kleben. Bali will nun das Rad zurückdrehen. Die umkämpften Qualitätsrehe sind indes längst geflüchtet.

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