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„Man muss die Zigeuner wie Kinder behandeln“

Imre Hompoth hat zum Thema Roma so seine ganz eigenen Ansichten: „Man muss die Zigeuner wie Kinder behandeln. Ohne Strenge halten sie einen zum Narren. Man muss sie dressieren“, behauptet der 63-jährige pausbäckige Bürgermeister der nordostungarischen Ortschaft Gesztely. Er hat eine „rechte Gesinnung“, wurde aber als unabhängiger Kandidat in sein Amt gewählt. Nun lenkt er seit sieben Jahren die Geschicke der 3000-Seelen-Gemeinde unweit der Stadt Miskolc. „An meinem ersten Arbeitstag war im Gemeindehaus alles schwarz, weil sich so viele Zigeuner dort getummelt haben.“ Was sie wollten? „Natürlich finanzielle Unterstützung, was sonst!“

Sein Vorgänger habe die Zügel schleifen lassen, sagt Hompoth: „Er hat dafür auch die Zeche zahlen müssen. Vielen Bittstellern gab er aus der eigenen Tasche Geld, nur um endlich Ruhe zu haben. „Wenn die Kinder einer Zigeunerfamilie nicht in die Schule gehen, gibt es von mir kein Almosen. So einfach ist das!“, wettert der Bürgermeister.

Der Anteil der Romakinder im örtlichen Kindergarten liegt bei mehr als 50 Prozent. In der Schule ist die Situation ähnlich. Der Gesamtanteil der Roma an der Bevölkerung von Gesztely beträgt mehr als 20 Prozent. Die Ortschaft ist damit ein gutes Abbild der gesamten nordostungarischen Region.

 

„Jobbik redet dem Volk nach dem Mund“

Der Nordosten gilt als ärmste und rückständigste Region Ungarns. Die Arbeitslosigkeit beträgt hier offiziell knapp 20 Prozent, die Dunkelziffer liegt aber weit darüber. In diesem Teil des Landes ist auch der Romaanteil besonders hoch. Die Arbeitslosigkeit unter den Roma liegt in einzelnen Gemeinden bei bis zu 90 Prozent. Einbrüche, Hühner- und Ladendiebstähle gehören in diesen Dörfern zum Alltag. Ein guter Nährboden für rassistische Slogans und radikale politische Ideen, wie sie von der rechtsextremen Partei Jobbik vertreten werden.

Bei den Europawahlen im Juni erhielt der rechtskonservative „Fidesz“ in Gesztely 321 Stimmen, Jobbik wurde mit 151 Stimmen zweitstärkste Kraft. Die Sozialisten wählten nur 118 Dorfbewohner. Diese Tendenz wird sich noch verstärken, meint Hompoth. „Der Stimmenanteil der Sozialisten bei den Parlamentswahlen wird sich halbieren.“

Wohin wandern diese Stimmen? „Wahrscheinlich zu Jobbik. Die reden dem Volk nach dem Mund.“ Jobbik komme bei den Menschen gut an, weil die Partei in Zeiten der Krise, wachsender gesellschaftlicher Zerrüttung und Aussichtslosigkeit einfache Lösungen parat habe. Dafür sind die Gesztelyer wohl besonders empfänglich. Denn rund ein Drittel von ihnen ist arbeitslos, unter den örtlichen Roma liegt die Arbeitslosigkeit sogar bei mehr als fünfzig Prozent.

Seit drei Jahren führt eine vierspurige Autostraße bis nach Gesztely. Die Dorfbewohner hatten große Erwartungen an die Schnellstraße geknüpft, hofften auf einen Zuzug von Firmen und Investoren. Allerdings: „Kein einziger Unternehmer hat sich bei uns niedergelassen“, meint der Bürgermeister verbittert. „Wozu zum Teufel brauchen wir dann diese Straße?“

Früher gab es in Gesztely kein Arbeitslosenproblem. Es gab mehrere Fabriken im Umkreis von zehn Kilometern. Viele im Ort bauten Zuckerrüben für eine nahe gelegene Zuckerfabrik und Gerste für eine große Bierbrauerei (Borsodi Sörgyár) an. Die Zuckerfabrik wurde nach der Wende 1989 ebenso dichtgemacht wie die anderen Fabriken in der Umgebung. Die Brauerei kaufte ein belgischer Bierproduzent. Seither wird die Gerste aus Belgien herangeschafft.

 

„Österreicher sollen Öl hier produzieren“

Die Menschen in Gesztely leben fast ausschließlich von der Landwirtschaft, viele sind Selbstversorger. Größter Arbeitgeber ist die Lokalverwaltung. Jahr für Jahr werden im Gemeindebudget rund 60 Millionen Forint (knapp 230.000 Euro) veranschlagt, um rund 100Personen zu entlohnen, die im Dorf gemeinnützige Arbeit verrichten.

Der Landwirt László Szekeres erzählt stolz, dass der Ackerboden im Umland von Gesztely besonders gut sei. Sein Blick schweift über die weiten, welligen Felder, wo sich Streifen tiefbrauner Erde mit saftigem Grün abwechseln. Trotz der guten landwirtschaftlichen Voraussetzungen habe sich eine verarbeitende Industrie hier dennoch nicht angesiedelt, beklagt er. Große Mengen an Raps und Sonnenblumen von den Feldern um Gesztely werden von einer österreichischen Firma nach Österreich exportiert, um dort Öl daraus zu machen. „Warum wollen die Österreicher das verdammte Öl nicht hier bei uns herstellen?“

Bei der Fahrt mit dem Auto durch die teils unasphaltierten und löchrigen Straßen seines Dorfes hebt der Bürgermeister immer wieder die Hand zum Gruß. Da winkt eine alte, gebückte Frau mit Kopftuch, die mit der Harke ihren Gemüsegarten bearbeitet. Dort hat sich am Straßenrand eine vielköpfige Romafamilie zum Tratsch versammelt, vom Säugling bis zur Großmutter ist jede Generation vertreten.

Stolz zeigt Hompoth die neue Schule, die 2007 eröffnet und zum Großteil mit EU-Geldern finanziert wurde. Dahinter steht das leere Gebäude einer ehemaligen Sonderschule, die vor drei Jahren noch in Betrieb war und vor allem von Romakindern besucht wurde. „Die sind dort vor wenigen Jahren noch auf das Plumpsklo gegangen, weil es nichts anderes gab. Als die Schule ein Spülklosett bekam, hatten die Kinder keinen Schimmer, wie man es benutzt.“

 

Applaus für simple Antworten

Im realsozialistischen Festsaal des Gemeinschaftshauses von Gesztely hält die rechtsradikale Partei Jobbik ein „Bürgerforum“ ab. Die 30 bis 40 Zuschauer hören von Jobbik-Politiker Zsolt Egyed simple Antworten auf komplexe Fragen: Die „Zigeunerkriminalität“ müsse durch Law-and-Order-Politik eingedämmt, allgemeiner Waffenbesitz nach US-Vorbild erlaubt, die Todesstrafe eingeführt werden.

In Anspielung auf die hohe Geburtenrate der Roma warnt Egyed davor, Ungarn könnte „das Schicksal des Kosovo“ ereilen, wo angeblich „die Minderheit (Albaner) zur Mehrheit wurde“. Beifall brandet auf. Nach Ende des Forums stehen zwei kahl geschorene Jugendliche vor dem Gemeinschaftshaus. Was an Jobbik so anziehend ist? „Die zeigen endlich, wo es langgeht!“

AUF EINEN BLICK

Imre Hompoth
(Foto) ist seit sieben Jahren Bürgermeister der nordostungarischen 3000-Seelen-Gemeinde Gesztely nahe Miskolc. Gesztely liegt im Nordosten Ungarns und leidet unter denselben Problemen wie unzählige andere Orte dieser ärmsten Region des Landes. Ein Drittel der Einwohner des Dorfes hat keinen Job, unter der Romabevölkerung liegt die Arbeitslosigkeit sogar bei über 50 Prozent.

Die rechtsextreme Partei Jobbik erfreut sich in Gesztely großen Zuspruchs – wegen der einfachen Antworten, die sie auf komplexe Fragen gibt. [Peter Bognar]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2010)