Amanshausers Album: Sehnsuchtsland Schweiz?

Zürich. Für Sibylle Berg ist die Schweiz ein Sehnsuchtsland, Zürich eine Oase der Zivilisation und Ruhe. Ob das die Zürcher auch so sehen?
Zürich. Für Sibylle Berg ist die Schweiz ein Sehnsuchtsland, Zürich eine Oase der Zivilisation und Ruhe. Ob das die Zürcher auch so sehen?(c) Christian Beutler/Zürich Tourismus

83 - Beide sind wir klein und neutral – aber wir nur immerwährend. Die Schweizer tatsächlich.

Als ich vor einigen Jahren Sibylle Berg in einem Züricher Café bei ihrer Wohnung interviewte, wunderte ich mich, wie sanftmütig diese wohl scharfsinnigste Provokateurin der deutschsprachigen Literatur auftrat. Die Meisterin der Brüskierung, als die ich sie schätzte, war im persönlichen Umgang ein Schäfchen ohne Wolfspelz. Als gebürtige Thüringerin erzählte sie, wie sie jahrelang darauf hingearbeitet und es schließlich geschafft hatte, Schweizerin zu werden. Für Berg ist die Schweiz ein Sehnsuchtsland, Zürich eine Oase der Zivilisation und Ruhe.

Unser westlicher Nachbar mag schrullige Seiten haben, doch viele der Klischees treffen einfach nicht zu. So gilt die Schweiz als stockkonservativ. Klar hat sie ihre altmodischen Seiten (unter anderem spätes Frauenwahlrecht) und betreibt auf Regierungsebene mit ihrer Quasi-Oppositionslosigkeit eine seltsame Halbdemokratie – doch ich kenne keine auch nur annähernd so ausgeprägte Diskussionskultur. Die offiziellen Informationen, die Schweizer Staatsbürger vor Volksbefragungen und -abstimmungen erhalten, sind in ihrer Objektivität so in etwa das Gegenteil der immer auf beschämende Art vorgefasst wirkenden Umfragetexte, die die Stadt Wien als Basis mancher lokalpolitischen Entscheidungen hernimmt.

Ich habe zudem noch keinen Schweizer getroffen, der mir nicht irgendwie bemerkenswert erschien. Allein schon die Sprache der Deutschschweizer gehört zum Tollsten, was die Natur auf linguistischem Gebiet leistete. Schade finde ich nur, dass uns dieser Nachbar ein Rätsel geblieben ist, auch, dass Wien so wenig Querverbindungen in den Westen hat. Die Schweiz ist den meisten Österreichern, vor allem den östlichen, ein Buch mit sieben Siegeln. Daran hat auch die gemeinsame Fußball-EM nichts geändert.

Dabei sind uns die Schweizer insofern ähnlich, als wir uns beide mit manischer Besessenheit auf den großen Nachbarn im Norden konzentrieren. Während wir in Österreich aber sogar die Gesetze gelegentlich abschreiben, konnte sich die sture Schweiz eine Eigenständigkeit bewahren. Ich glaube, genau das fasziniert Sibylle Berg.

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