Amanshausers Album 88: Inseldasein

Der Komfort für den Gast geht oft zu Lasten der Inselbewohner. NEU: Martin Amanshauser: „Es ist unangenehm im Sonnensystem“, Kremayr & Scheriau 2019.
Der Komfort für den Gast geht oft zu Lasten der Inselbewohner. NEU: Martin Amanshauser: „Es ist unangenehm im Sonnensystem“, Kremayr & Scheriau 2019.Paddy/Pixabay

Was man beim Inselurlaub wissen sollte. Teil 3: Eine traurige und eine großartige Insel.

Inseln haben etwas Langweiliges an sich, besonders wenn die Bevölkerung dem Tourismus unterworfen ist – oft einzige Einnahmequelle – und schwindlige Preise vorherrschen. Trotzdem fühle ich mich auf Inseln wohl, zumindest auf kleineren, weil sie die Illusion vermitteln, man könne sich einen kompletten Überblick verschaffen. Jeder würde daran scheitern, sich vorzustellen, wie chaotische Gebilde wie Madagaskar, Malta oder Sansibar funktionieren – Fehmarn, Nauru oder Ägina sind dagegen einigermaßen begreifbar.

Der Nachteil kleiner und winziger Inseln ist, dass sie sozusagen behördlich einem einzigen Zweck untergeordnet werden. Die traurigste Insel, die ich sah, war jene der Malediven, auf der ein schallend ­ratternder Generator lief, damit auf der nahen Luxushotelinsel zahlungskräftige Besucher zu jeder Tages- und Nachtzeit ihr Importsteak pfeffern konnten. Vor meinen Augen stapften jene Aussortierten oder niemals Einsortierten rum, die keinen Hoteljob hatten, die nicht jungen, nicht anpassungsfähigen, psychisch auffälligen. Sie trugen keine Schuhe – unnötig, eh überall nur Sand – und probierten diverse Strategien zur Ausblendung des Generatorengeräuschs, eine davon: der Alkohol.
Die großartigste Kleinstinsel, die ich vorgeführt kriegte, lag in der Lagune bei Grado. Wir saßen an einem Frühlingstag im Freien.

In einem improvisierten Gebäude bereitete jemand ein unglaubliches Essen zu, Fisch und Wein. Die Gruppe von Journalisten war branchen-unangemessen beeindruckt. Bei Sonnenuntergang reichte man uns ein Gästebuch. Als ich „Amanshauser“ signieren wollte, winkte der Gastgeber entsetzt ab. Das Buch sei nur zum Ansehen! Beim Blättern betrachtete er mich mit Luchsaugen – fürchtete, ich würde gierig meinen Namen hineinschmieren –, während er stolz angab, wer hier gespeist hatte. Fürst Rainier von Monaco, Franz Beckenbauer, einige Prinzessinnen und Schauspielerinnen mit mir ungeläufigen Namen. Beide Inseln, die auf den Malediven, die bei Grado, führten mir auf verschiedene Arten exemplarisch vor, dass meine Anwesenheit das reinste Missverständnis war.

Inseldasein, Teil 1

Inseldasein, Teil 2