Tausende Migranten in Libyen könnten zu Flüchtlingen werden

Migranten in einem Internierungslager in Tripolis.
Migranten in einem Internierungslager in Tripolis.REUTERS

"Bei Krieg hätten wir nicht Migranten, sondern Flüchtlinge vor den Toren“, warnt die italienische Verteidigungsministerin. Libyens Regierungschef Sarraj warnt gar vor einer „Invasion“ und hofft damit auf Hilfe aus Europa.

Italien befürchtet eine Eskalation der Gewalt in Libyen. "Im Fall eines neuen Kriegs in Libyen hätten wir nicht Migranten, sondern Flüchtlinge vor den Toren Italiens. Und Flüchtlinge muss man aufnehmen. Die Folge einer Destabilisierung Libyens würde vor allem Italien belasten", sagte die italienische Verteidigungsministerin, Elisabetta Trenta, in einem Radiointerview am Montag.

Die Gefahr eines Zuwachs der Migrantenabfahrten von Libyen nach Italien sei sehr groß. "Es ist besonders wichtig, dass wir Europa auf unsere Seite bringen. Wir müssen verstärkt auf eine europäische Lösung drängen", betonte Trenta.

Auch der italienische Vizepremier und Chef der Regierungspartei "Fünf Sterne", Luigi Di Maio, zeigte sich wegen des Konflikt in Libyen besorgt. "Die Schließung der italienischen Häfen ist eine provisorische Maßnahme, die sich bei Fällen erfolgreich erwiesen hat, in denen wir die EU wachrütteln mussten. Es handelt sich jedoch um eine provisorische Maßnahme. Sie funktioniert jetzt, doch bei einer Verschärfung der Krise würde sie nicht genügen", so Di Maio im Interview mit der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" (Montagsausgabe).

"Bei eine Verschärfung der Lage müssten wir auf europäischer Ebene auf strukturierte Weise und im Einklang mit dem internationalen Recht vorgehen", so Di Maio.

Libysche Regierung hofft auf militärische Unterstützung

Der libysche Ministerpräsident Fayez al-Sarraj, dessen Regierung von den Vereinten Nationen unterstützt wird, warnt vor einer Migranteninvasion in Richtung Europa. Die Verschlechterung der Lage in Libyen könnte bis zu 800.000 Migranten und Libyer "zur Invasion von Italien und Europa bewegen", so Sarraj im Interview mit der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" (Onlineausgabe von Montag).

Unter den Migranten in Richtung Europa könnten sich Kriminelle und vor allem IS-Terroristen mischen. Der libysche Ministerpräsident rief den Westen zu Friedensinitiativen auf. Dabei dankte er Italien für seine Vermittlungsrolle. Er äußerte die Hoffnung, dass die internationale Gemeinschaft so rasch wie möglich zum Schutz der Zivilisten eingreife.

"Ein wahrer Krieg ist gegen uns im Gange. Ein Krieg, der uns auferzwungen worden ist. Wir sind eine friedliche Bevölkerung. Unsere Streitkräfte und unsere Bevölkerung verteidigen sich. Unsere Kämpfer sind im Einsatz. Wir werden unsere Städte verteidigen. Der Krieg ist noch offen und die Kämpfe halten an", so Sarraj.

Sarraj beschuldigte seinen Gegner, General Khalifa Haftar, zivile Strukturen, wie Straßen, Schulen, Häuser, den Flughafen und Krankenhäuser anzugreifen. "General Haftar behauptet, er attackiert Terroristen, doch hier gibt es nur Zivilisten. Am Sonntag hätte Libyens nationale Konferenz beginnen sollen, doch Haftar hat das Treffen verhindert", so Sarraj.

Migranten in libyschen Lagern zu Überfahrt bereit

Der italienische Geheimdienst AISE geht angesichts des eskalierenden Konflikts in dem nordafrikanischen Krisenland davon aus, das bis zu 6000 Migranten versuchen würden, von Libyen nach Italien zu gelangen. Das Dossier liegt dem italienischen Premier Giuseppe Conte vor. Zur Flucht nach Italien bereit seien tausende Menschen, die sich derzeit in Libyens Internierungslagern befinden, darunter unzählige Frauen und Kinder.

Der parteilose italienische Regierungschef trifft am heutigen Montag in Rom den katarischen Außenminister und Vizepremier Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani. Thema des bilateralen Treffens wird Libyen sein, verlautete aus Regierungskreisen in Rom. Al-Thani macht Druck, damit Italien eine Schlüsselrolle bei den Friedensgesprächen in seiner früheren Kolonie Libyen übernimmt.