USA: Der dritte Anlauf von „Uncle Joe“

Joe Biden fordert Donald Trump heraus. Zuvor muss er sich aber gegen seine internen Kontrahenten durchsetzen.
Joe Biden fordert Donald Trump heraus. Zuvor muss er sich aber gegen seine internen Kontrahenten durchsetzen.(c) APA/AFP (SAUL LOEB)

Joe Biden, einst Vizepräsident unter Barack Obama, will der älteste Präsident der USA werden. Er gilt als Favorit unter den Demokraten, doch seine Kandidatur ist nicht unumstritten.

New York/Wien. Das dreieinhalbminütige Video ist ein Frontalangriff auf den Präsidenten. „Wir befinden uns in einer Schlacht um die Seele dieser Nation“, sagt Joe Biden mit ernster Stimme. Der Demokrat spricht über das Chaos von Charlottesville im Sommer 2017, als weiße Rassisten auf Gegendemonstranten trafen und dabei die Ausschreitungen eskalierten. Von „feinen Menschen auf beiden Seiten“ habe Donald Trump damals gesprochen – diese Aussage habe Biden zur Präsidentschaftskandidatur bewogen.

Dass der 76-Jährige trotz des langen Ringens mit sich und seiner Familie ins Rennen um die Präsidentschaft einsteigen würde, galt zuletzt als sicher. „Run, Joe, run“, skandierten seine Anhänger. Der Vizepräsident Barack Obamas stellt das Feld der Demokraten, das so groß und vielfältig ist wie nie, mit einem Schlag auf den Kopf. Keiner der Mitbewerber hat die Erfahrung Bidens, keiner seiner Konkurrenten kennt das politische Geschäft wie er, und keiner hat einen so großen Bekanntheitsgrad.

 

Für den Irak-Krieg

Zweimal hat Biden es bereits mit einer Kandidatur versucht, zweimal ist er kläglich gescheitert. 1988 musste er seine Bewerbung zurückziehen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass eine seiner Reden zum Teil von Neil Kinnock, dem britischen Labour-Chef, abgekupfert war. 2008 ging er bei den Vorwahlen in Iowa unter und räumte das Feld. Obama kürte ihn schließlich zum Stellvertreter.

Acht Jahre amtierte er an der Seite des Präsidenten, der ihn anfangs als zu redselig verhöhnt hatte. Tatsächlich agierte Biden zuvor 36 Jahre im Senat, und als Chef des außenpolitischen Ausschusses erwarb er große Expertise in außen- und sicherheitspolitischen Fragen. Dass er sich 2003 für den Irak-Krieg aussprach, könnte ihm in der internen Debatte unter den Demokraten und am Ende womöglich gegen Trump zum Verhängnis werden.

Zugleich war „Uncle Joe“ stets ein Ass im politischen Nah- und Wahlkampf. Er rühmt sich seiner Abstammung aus der Arbeiterklasse und seiner irischen Wurzeln, jovial und hemdsärmelig geht er auf die Wähler zu und neigt mitunter zu sentimentalen Ausbrüchen. Biden könnte zumindest einen Teil der Trump-Wähler ansprechen und ins Lager der Demokraten zurückholen. Im von der Schwerindustrie geprägten „Rostgürtel“ im Nordosten und im Mittelwesten hat sein Name einen guten Klang.

Der Ex-Vizepräsident startet als Favorit vor Bernie Sanders ins Rennen. Für die Demokraten ist seine umfassende Erfahrung Fluch und Segen zugleich. Viele halten ihn für einen Vertreter des Establishments – für einen Politiker der alten Schule. Das mag viele Demokraten vom rechten Flügel und Moderate für ihn einnehmen. Auf sie zielt auch seine Wahlkampfstrategie ab, eine Strategie der Mitte.

Gleichzeitig steht die neue Garde am linken Flügel der Demokraten dem Veteranen skeptisch gegenüber. Dies könnte ihm im Vorwahlkampf, in den zahllosen TV-Debatten, auf den Kopf fallen. Freilich war er in der Obama-Ära mit einem Plädoyer für die Homosexuellen-Ehe vorgeprescht, worauf er sich noch heute etwas zugutehält. Er überrumpelte damals seinen zögerlichen Chef.

 

Richtungsstreit

Bidens Kontrahenten – von Bernie Sanders über Amy Klobuchar bis zu Beto O'Rourke – werden um die Gunst der jungen Social-Media-Stars, allen voran die New Yorkerin Alexandria Ocasio-Cortez, buhlen. Das braucht Biden gar nicht erst zu versuchen. Seine Kandidatur wird zwangsläufig auch den schwelenden Richtungsstreit unter den Demokraten befeuern. Ist die Partei nach links abgedriftet oder kann sich am Ende doch ein Mann der Mitte, dem auch die Wirtschaftselite wohlgesinnt ist, durchsetzen?

Dabei geht der Langzeit-Senator aus Delaware mit einem Startnachteil ins Rennen. Die Vorwürfe, wonach er mehreren Frauen zu nahe getreten sein soll, sind noch nicht vergessen. Im Zeitalter von #MeToo könnten sie sich als Stolperstein erweisen. Auch wenn sich Biden mittlerweile entschuldigt hat: Fotos und Videos, in denen er Frauen zu sich zieht, machen nach wie vor die Runde.

Die USA steuern auf einen beinharten Wahlkampf mit persönlichen Attacken zu – erst recht, wenn sich Trump und Biden gegenüberstehen sollten. Trump verspottete Biden als „Crazy Joe“ und als „schlafmützig“, Biden ließ sich wiederum zur Androhung einer „Schulhofprügelei“ mit Trump hinreißen. In seinem Antrittsvideo warnte Biden eindringlich vor einer zweiten Amtsperiode Trumps. Dies würde den Charakter der Nation verändern, die Demokratie und das Ansehen in der Welt aufs Spiel setzen. Von der Münchner Sicherheitskonferenz verabschiedete sich Biden im Februar vielsagend: „Wir kommen wieder.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2019)