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Tabakfabrik: Linz plant Mega-Kulturzentrum

Tabakfabrik Linz plant MegaKulturzentrum
Tabakfabrik Linz(c) Stadtkommunikation Linz
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80.000 Quadratmeter: Plan für ein Zentrum nach Vorbild des Wiener Museumsquartiers. Ars Electronica Festival als erste Nutzung - ein „Highlight“, „um die Tabakfabrik als Marke in das öffentliche Bewusstsein zu bringen“.

LINZ. Die dunkelroten Klinkerfliesen aus den 1930er-Jahren sind unbeschädigt, die originalen Terrazzoböden mit ihren mäandernden Linoleinschlüssen glänzen matt, auch das Rohrpostsystem funktioniert und die Leitungen sind intakt.

Seit die Maschinen stillgelegt und die Fließbänder abmontiert wurden, erinnert nur noch der hartnäckige Geruch getrockneter Tabakblätter an die vergangene Geschäftigkeit und ehemalige Nutzung der nun leeren 250 Meter in der Länge messenden Produktionshalle der Austria Tabakwerke. Das gesamte Gelände dieser zum Teil denkmalgeschützten Industriebrache an der Unteren Donaulände in Linz soll nun wieder aktiviert werden: Als Vorbild der zukünftigen Nutzung dienen die Baumwollspinnerei Leipzig, wo auf dem ehemaligen Werksgelände Galerien und Ateliers untergebracht sind, oder die als Konzert- und Freizeitpark etablierte Manufaktura im polnischen Lodz.

 

Mischung aus Kunst, Gastronomie, Shops

Auch Teilkonzepte aus dem Wiener Museumsquartier mit ihrer Melange aus Kunst, Gastronomie und Shops sollen in Linz angewendet werden, allerdings ist das zu bespielende Areal in Linz mit seinen knapp 80.000 Quadratmetern reiner Nutzfläche noch einmal 20.000 Quadratmeter größer als sein Wiener Vorbild.

Eine Studie vom Institut für Organisation der Johannes Kepler Universität, die im vorigen Jahr präsentiert wurde, sieht drei mögliche Szenarien für das Areal vor – am wahrscheinlichsten, das ließ Reinhard Niedermayr, Geschäftsführer der nun gegründeten Entwicklungsgesellschaft bereits wissen, ist jedoch eine Mischung dieser Nutzungsmöglichkeiten: Das erste Szenario „Kreativstadt“ basiert auf einer breit angelegten Kulturoffensive, die Linz zu einer „web city“ machen solle, wie Studienautor Peter Bauer erklärte. In der Tabakfabrik könnten demnach kreativwirtschaftliche Unternehmen untergebracht werden. Im zweiten Ansatz „Exzellenz“ liegen die Schwerpunkte ebenfalls auf einem technologisch orientierten Zugang zu Kunst und Kultur, darüber hinaus ist die Ansiedlung einer Uni vorgesehen. Der dritte Vorschlag „Jugend, Toleranz und Material“ ergänzt das zukünftige Angebot um Bildungs- und Kultureinrichtungen für die Jugend.

Zwei bis drei Jahre wird die Entwicklungsgesellschaft aufwenden, um die Möglichkeiten des Areals zu prüfen und seine endgültige Nutzung zu planen, sagt Niedermayr zur „Presse“. Bis dahin wird die Tabakfabrik für Zwischenspiele genützt: Derzeit laufen etwa die Vorbereitungen für das Festival Ars Electronica, das vom 2. bis 7. September erstmalig und, wie die Veranstalter versichern, auch einmalig, in den Hallen der in Linz als „Tschickbude“ bekannten Tabakfabrik stattfinden wird. Das diesjährige Thema des Festivals für Kunst, Technologie und Gesellschaft: „Repair. Sind wir noch zu retten?“. Alle Bereiche des bisher auf mehrere Häuser (Ars Electronica Center, OK Offenes Kulturhaus, etc.) aufgeteilten Festivals übersiedeln mit Mitarbeitern und Ressourcen in die Tabakfabrik. Auch die Klangwolke soll das neu zur Verfügung stehende Gelände einbeziehen, Konzerte unter der Leitung des Bruckner-Orchester-Chefs Dennis Russell Davies sollen trotz großer akustischer Probleme stattfinden.

 

Architekt Behrens: Meister der Meister

Mit der Nutzung als Spielstätte des Ars Electronica Festivals sei ein erstes „Highlight“ gesetzt, „um die Tabakfabrik als Marke in das öffentliche Bewusstsein zu bringen“, meint Geschäftsführer Niedermayr. „Auch die Marke Peter Behrens“ will Niedermayr stärken. Der Architekt der Tabakwerke, des ersten großen Stahlskelettbaus in Österreich, gilt nicht nur als Begründer der sachlichen Architektur und des Corporate Design, in seinem Büro waren auch Großmeister internationaler Architekturhistorie wie Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier beschäftigt. Der Einfluss Behrens als „Meister der Meister“ wurde vor Kurzem in Mailand, Turin und Venedig beim Architektur-Symosium „Peter Behrens – Maestro di Maestri“ gewürdigt.

Seinem wichtigsten Bau in Österreich widmen sich Kunstmuseum Lentos und Stadtmuseum Nordico in einer Ausstellung vom 24. September diesen Jahres bis zum 9.Jänner 2011. Ihr Titel: „Die Tabakfabrik in Linz an der Donau“.

AUF EINEN BLICK

Die Linzer Tabakfabrik hat mit Jahresende 2009 den Betrieb eingestellt. Die Stadt erwarb daraufhin die 80.000 Quadratmeter große, teils denkmalgeschützte Industrieimmobilie und plant nun die Nachnutzung des Areals nach internationalen Vorbildern großer Kunst- und Kulturareale. Die erste Zwischennutzung steht bereits fest: das Ars Electronica Festival 2010 mit dem Titel „Repair. Sind wir noch zu retten?“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2010)