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Die letzte Etappe auf der langen Reise ins Glück

Am Samstag konnte Thiem jubeln. Am Sonntag wartet der beste Sandplatzspieler aller Zeiten auf ihn.
Am Samstag konnte Thiem jubeln. Am Sonntag wartet der beste Sandplatzspieler aller Zeiten auf ihn.APA/AFP/MARTIN BUREAU
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Dominic Thiem bestreitet zum zweiten Mal das Finale der French Open in Paris. Gegen den elfmaligen Champion Rafael Nadal ist er Außenseiter, "aber ich will unbedingt den letzten Schritt gehen."

Dominic Thiem hat am Samstag für einen weiteren Meilenstein in seiner Karriere gesorgt. Der Niederösterreicher zog durch einen 6:2, 3:6, 7:5, 5:7, 7:5-Erfolg gegen den Weltranglistenersten Novak Djoković wie schon im Vorjahr ins Finale der French Open, des wichtigsten Sandplatzturniers der Welt, ein. In diesem trifft der 25-Jährige, ebenfalls wie 2018, Sonntagnachmittag (15 Uhr, live ORF1, Eurosport) auf den Spanier Rafael Nadal. Thiem könnte als zweiter Österreicher nach Thomas Muster 1995 triumphieren.

Das Halbfinale gegen Djoković entpuppte sich als Geduldsspiel. Freitagabend beim Stand von 6:2, 3:6, 3:1 aus der Sicht Thiems wegen Regens, Wind und schlechter Wetterprognose unterbrochen, wurde es Samstagmittag fortgesetzt. Doch erst um 16.03 Uhr, mehr als 24 Stunden nach Nadal, war der zweite Finalist letztlich ermittelt.
Eine weitere Regenunterbrechung im fünften Satz hatte die Fortsetzung des Spiels abermals verzögert, all das konnte Thiems Freude über das Erreichte nach 4:13 Stunden Spielzeit aber nicht trüben. „Das ist vielleicht sogar mein größter Sieg“, erklärte der Weltranglistenvierte, nachdem er seinen dritten Matchball verwertet und Djoković die erste Niederlage bei einem Grand-Slam-Turnier nach 26 Siegen en suite zugefügt hatte.

Der dritte Sieg im neunten Vergleich mit Djoković war nicht bloß ein Resultat spielerischer Klasse, der Schützling des Chilenen Nicolás Massú hatte auch große mentale Reife bewiesen. „Aufgrund der Unterbrechungen war es schwierig, das eigene System immer wieder voll hochzufahren und in der Umkleide auf null runterzufahren. Aber das ist ein Halbfinale eines Grand Slams, da gibt es keine Müdigkeit“, sagte der Lichtenwörther, der zunächst bei 5:3 im fünften Satz noch zwei Matchbälle vergeben hatte, in der finalen Phase aber den Fokus wiederfand und die nötige Ruhe ausstrahlte.

Vorteil Nadal. Während sich Thiem und Djoković am Court Philippe-Chatrier unermüdlich die Bälle um die Ohren schlugen, absolvierte Rafael Nadal mit Coach Carlos Moyá am frühen Samstagnachmittag eine Trainingseinheit auf dem nahe gelegenen Court 4. Dass Thiem allein in der Fortsetzung seines Halbfinals 2:45 Stunden auf dem Platz verbrachte, ist gewiss kein Vorteil für das Finale. Zunächst machte im Pressezentrum noch das Gerücht die Runde, Turnierdirektor Guy Forget könnte das Endspiel auf Montag verschieben lassen, die Veranstalter schlossen diese Option dann allerdings doch rasch aus.

Thiem ging mit der Situation professionell um, sich über eine etwaige Wettbewerbsverzerrung zu beschweren hätte ohnehin nur zu einem weiteren Verschleiß geführt. „Ich versuche bis zum Finale zu 100 Prozent zu regenerieren“, sagte Thiem, der Donnerstag (Viertelfinale gegen Karen Chatschanow), Freitag und Samstag (Djoković) auf dem Platz stand, während Nadal seine jüngsten Spiele am Dienstag (Kei Nishikori) und Freitag (Roger Federer) bestritt. Thiem: „Auch wenn es gegen Djoković hart war: Ich glaube, ich werde für das Finale voll bereit sein.“

Das Duell Thiem gegen Nadal hat sich in den vergangenen Jahren schon zu einem regelrechten Sandplatzklassiker entwickelt. Nur ein einziges der zwölf Matches fand nicht auf roter Asche statt (US–Open-Viertelfinale 2018, Fünfsatzsieg Nadal), im direkten Vergleich führt der 17-fache Grand-Slam-Champion mit 8:4-Siegen. Allein in Paris trafen die beiden drei Mal aufeinander, zuletzt im Finale 2018 – Nadal blieb dabei stets ohne Satzverlust.

Thiem allerdings macht sich berechtigte Hoffnungen, nur Djoković (7 Mal) hat Nadal auf dessen Lieblingsbelag öfters besiegt. Das bislang letzte Aufeinandertreffen gewann der Österreicher vor wenigen Wochen im Halbfinale von Barcelona mit 6:4, 6:4. „An diesem Spiel werde ich mich orientieren“, erklärte Thiem, der sich zur Vorbereitung auf die Begegnung am Sonntag noch Auszüge vom verlorenen Vorjahresfinale in Paris (4:6, 3:6, 2:6) ansehen wollte.

Der Glaube an sich selbst. Die Ausgangslage ist für Thiem dennoch klar. „Rafa ist der haushohe Favorit. Er steht hier zum zwölften Mal im Endspiel, hat noch keines davon verloren. Und für mich ist es mein zweites Finale.“ Allerdings sieht er seine Chancen im Vergleich zu 2018 definitiv gestiegen. Vor zwölf Monaten sei alles Neuland gewesen, „das ist diesmal nicht mehr so. Ich wollte mir unbedingt nochmals die Chance erarbeiten, hier den Titel zu holen. Und jetzt will ich unbedingt den letzten Schritt gehen.“

Auch Nadal ist sich der Schwierigkeit der finalen Aufgabe gegen den zweitbesten Sandplatzspieler der jüngeren Vergangenheit bewusst, er sagte: „Wenn ich nicht in der Lage sein sollte, meinen Plan durchzuziehen, dann wird es kompliziert. Aber wenn ich gut spiele, und das habe ich bis jetzt gemacht, dann habe ich alle Chancen.“

Rafael Nadal hat mehr Zeit zum Regenerieren.
Finalgegner Rafael Nadal hat mehr Zeit zum Regenerieren.APA/AFP/PHILIPPE LOPEZ

Mit Rafael Nadal trifft Thiem jedenfalls auf den besten Sandplatzspieler aller Zeiten, vor dem Österreicher baut sich die größtmögliche Herausforderung in der Geschichte des Tennissports auf. Roger Federer auf dem Rasen von Wimbledon zu schlagen ist schwierig. Nadal auf Pariser Sand zu bezwingen noch schwieriger. Seit seinem ersten Triumph 2005, also vor 14 Jahren, hat der Linkshänder in Roland Garros gerade einmal zwei Matches verloren. Am Pfingstsonntag 2009 wurde er nach 31 Siegen in Folge im Achtelfinale vom Schweden Robin Söderling, der Nummer 25 der Weltrangliste, überrumpelt. Sechs Jahre vergingen, ehe der Mallorquiner seine zweite und bislang letzte Niederlage am Bois de Bolougne hinnehmen musste. Novak Djoković entzauberte Nadal an dessen 29. Geburtstag in drei Sätzen. Und nun, 2019?

Einzigartig. Nadal fegte auf seinem Weg ins zwölfte Paris-Endspiel über all seine Gegner hinweg, einzig der Belgier David Goffin vermochte ihm in der dritten Runde einen Satz abzunehmen. Im Halbfinale musste selbst ein stark spielender Roger Federer die Klasse seines Dauerrivalen anerkennen. Der Schweizer erklärte nach dem 3:6, 4:6, 2:6 das Phänomen Nadal wie folgt: „Der Gegner fühlt sich unwohl, so wie er auf Sand spielt und den gesamten Platz verteidigt. Es gibt niemanden, der auch nur annähernd so spielt wie Rafa.“ Das sei letztlich auch ein Problem in der Vorbereitung auf ein Match gegen den 33-Jährigen. „Es gibt keine Möglichkeit, ein Spiel gegen ihn im Training zu simulieren.“

Dass er, Nadal, nach eineinhalb Jahrzehnten der Dominanz immer noch jener Mann ist, den es in Paris zu schlagen gilt, lässt sämtliche Beobachter und selbst den Spanier staunen. „Um ehrlich zu sein, ist es unglaublich. Es ist schwierig zu erklären, aber ja, hier bin ich, ich spiele um meinen zwölften Titel in Paris.“ Vor einigen Jahren habe er davon nicht einmal zu träumen gewagt.

Als Dominic Thiem am Samstag nach einem langen Arbeitstag in Paris kurz vor 18 Uhr den Pressekonferenzraum verlässt, wirkt er fest entschlossen. „Ich glaube daran.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2019)