Mit dem Camper durch Österreich – so nah, so wild, so schön

Beim Camping geht's nicht direttissima von einem Platz zum nächsten, sondern gemächlich: mit Stopps für Wanderungen, Passstraßen, Aussichtspunkten.
Beim Camping geht's nicht direttissima von einem Platz zum nächsten, sondern gemächlich: mit Stopps für Wanderungen, Passstraßen, Aussichtspunkten.Imago

Viel Abwechslung, wilde Natur, herrliche Seen, spannende Architektur – für all das muss man nicht einmal das Land verlassen. Es braucht nur einen Camper, Ausdauer für rund 2000 Kilometer und etwas Zeit.

In den Nenzinger Himmel kommt nicht jeder. Erstens liegt die idyllische Alpsiedlung bei Nenzing (Vorarlberg) versteckt am Ende des Gamperdona-Tals. Und zweitens kommt man nur mit Bus oder Taxi hin. Seit 40 Jahren ist das schon so. „Desholb isch es a so ruhig und naturbelassen im Himmel“, schwärmt Josef Morik, Seniorchef des Alpencamping Nenzing. Der Bergführer und Skilehrer kennt dort jeden Stein, Baum und Hirsch, so oft war er in dem Seitental des Rätikon schon unterwegs. Trotzdem bleibt er immer an einer Stelle neben dem Flüsschen Meng stehen, kurbelt das Autofenster herunter und lauscht. „Isch wunderbar, oder?“ Einen Moment innehalten, bitte! Das ist Josefs Art, dem Betrieb auf dem Campingplatz zu entfliehen.

Die Gäste tun es ihm gleich oder genießen die für einen Campingplatz überragend moderne und mehrfach ausgezeichnete Ausstattung mit Wellness, Spa und traumhafter Küche. Da braucht man kein Hotel, und wer keinen Campingbus hat und das Zelt wiederum zu einfach ist, der kann ab Mai eines der zehn hübschen kleinen Himmel-Chalets mieten, die allesamt im Kleinwalsertal hergestellt werden. Und das Holz stammt woher? Aus dem Nenzinger Himmel. Natürlich.

Outback am Zeinissee

Auf der Weiterfahrt startet der Tag mit einem Bergfrühstück. Hinein ins Montafon und ab nach Gargellen. Im Schafberg Hüsli auf 2130 Metern sind die Frühstücksplätze heiß begehrt – unbedingt reservieren! Mit der Bergkulisse der Silvretta und des Rätikons im Blick und Köstlichkeiten wie Sura Kees (Sauerkäse) auf dem Teller verlässt hier niemand hungrig den Berg. Dann geht es wieder in die Wildnis auf mehr als 2000 Meter. Die Silvretta-Hochalpenstraße führt kurvenreich hinauf zum türkisfarbenen Stausee und das satte Grün der Bielerhöhe, die Vorarlberg mit dem Paznaun verbindet.

Gut, die Reisebusse auf dem Stausee-Parkplatz haben nicht viel mit Wildnis zu tun, der Campingplatz am Zeinissee ein Stückerl weiter aber schon. Alaska, Neuseeland, Kanada? Angesichts der Bergwelt rundherum würden viele nicht auf Österreich tippen. Das sind die Überraschungen, die nur der erlebt, der neugierig und mit wachem Blick durchs eigene Land reist. Die Einsamkeit entschleunigt fast automatisch, die Stille kehrt auch in den Reisenden ein.

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Ötztal – Zillertal – Pinzgau

Und dann wieder ein Kontrast: Es geht ins Ötztal nach Sölden. Viel Infrastruktur, grandiose Aussichten und imposante Gipfel rundherum. Die extreme Landschaft hat Filmprodzenten als James-Bond-Drehort für „Spectre“ beeindruckt (siehe auch Bericht untenstehend). Schon bei der Auffahrt auf den 3048 Meter hohen Gaislachkogel imponiert die Kulisse. Im vergangenen Sommer eröffnete „007 Elements“, eine fesselnde, multimediale Ausstellung auf 1200 Quadratmetern, 80 Prozent davon in den Berg hineingebaut. Eine warme Jacke sollte man nicht vergessen, wenn man in die kalte (nicht beheizte) Welt aus Glas, Beton und Stahl von 007 eintaucht. „007 Elements“ ist die einzige James-Bond-Erlebniswelt dieser Art weltweit.

Nun muss die Österreich-Karte ein großes Stück weiter Richtung Osten aufgefaltet werden: Mit einem großen Sprung durch das Inntal, das Zillertal über den wilden Gerlos-Pass, vorbei an den tosenden Krimmler Wasserfällen und weiter durch den Pinzgau. Eine Pause auf halber Strecke lohnt sich in den Nationalparkwelten in Mittersill. Im Nationalparkzentrum Hohe Tauern gibt es allerlei von dem zu erleben, was zum Beispiel sonst nur die Adler sehen, und im Nationalparkrestaurant Almaa gibt es Köstliches zur Stärkung auf dieser langen Etappe bis nach Schladming.

Über allem der Dachstein

Und da thront er schon im Norden: der Dachstein. Alleinstehend und alles überragend. Die Dachsteinstraße führt von Ramsau, dem nördlich von Schladming gelegenen Plateau, bis zur Talstation der Gletscherbahn, den höchsten Berg der Steiermark immer vor Augen. Nach sechs Minuten ist man schon 1000 Meter höher, und Attraktionen sind nicht weit: zum Beispiel eine Hängebrücke mit einer „Treppe ins Nichts“ mit Aus- und Tiefblick oder ein Skywalk mit Glasboden, von dem man auf die 250 Meter abfallende Wand des Hunerkogels blickt.

Durch Ramsau, im Winter als schneesicheres Langlaufgebiet bekannt, sollte man im Sommer nicht einfach nur durchfahren. Der Ramsauer Spaziergang, ein fast eben verlaufender Rundwanderweg, ist nicht nur wunderschön. Er führt auch Zur Gruberstube, derren Einkehr sich empfiehlt. Der Gruberhof, mehr als 500 Jahre alt, ist ein Drehort der TV-Serie „Bergretter“ und hieß im Fernsehen Marthalerhof. Nicht nur das Essen ist bei Familie Prugger eine Rast im Biergarten wert. Jedes Jahr wird beim „Sommertheater im Grubertenn“ ein neues Theaterstück inszeniert. Satt, müde und glücklich sinkt man am Abend in den Schlafsack, und sollte auf dem Campingplatz Dachstein ein Platz direkt am Wasser frei sein, begleitet einen das Plätschern in die Träume.

Dieses Plätschern bleibt auch in den kommenden Nächten: Es geht weiter das Ennstal entlang Richtung Osten. Hinter Liezen und Admont wird es schlagartig ruhiger und einsam. Im Nationalpark Gesäuse hat die Natur das Sagen: die Berge so schroff, die Wälder so gemischt, dazu das satte Grün saftiger Wiesen. Jeder findet schnell sein eigenes Gesäuse: Für den einen ist es die Stille auf dem Gipfel, für den anderen sind es die tosenden oder beschaulichen Gewässer im Tal. Mehr brauchen Bergfreunde nicht. Kein Wunder, dass es in dem kleinen Dorf Johnsbach, in dem rund 150 Menschen leben, den „Bergsteigerhimmel“ gibt – symbolisch als Bergsteigerfriedhof. Seine Ausrichtung hin zum Großen Ödstein gewährt einen erhebenden Ausblick. Und der Friedhofsbesuch lässt sich wunderbar mit der Johnsbacher Almenrunde verbinden.

Gesäuse, im Sonnenuntergang

Vom Campingplatz Forstgarten sind es nur ein paar Schritte über die Enns, und schon beginnt der Wanderweg durch einen Buchenwald hinauf zum Buchsteinhaus (1546 m). Eine Hütte ist nur so gut wie ihr Wirt. Und Hüttenwirt Helmut Tschitschko machte das Buchsteinhaus zu der Legende, die es ist. Der Blick auf die Hochtorgruppe ist und bleibt einzigartig, vor allem, wenn sich eine kitschige Sonnenuntergangsstimmung über das Gesäuse legt. Für viele Einheimische und Zugereiste ist es vor allem die Küche, die das Buchsteinhaus so besonders macht. Hinterm Herd steht „Tschitschi“, der das Kochhandwerk in Wien gelernt hat und nun am Berg zelebriert. Himmlisch schläft man nach diesem Mix aus Bewegung, frischer Bergluft und guter Kost allemal.

Gleich um die Ecke, in einem Teil des Nationalparks Kalkalpen, haben sogar Urwälder überlebt. Sie werden als Unesco-Weltnaturerbe bewahrt. Auf weiten Waldflächen werden natürliche Abläufe zugelassen, es wird nicht eingegriffen. In Österreichs größtem Wald-Nationalpark können Fichten über 400 und Eiben über 1000 Jahre alt werden. Wildnis ist auf 75 Prozent der Fläche Normalzustand. Scheinbare Katastrophen wie Windwurf, Hochwasser oder Wildverbiss sind Bestandteil der natürlichen Dynamik. Wildnis verlangt von Menschen ein Nichttun. Das lernt auch der Urlauber schnell, wenn er mitten in der Natur übernachtet anstatt im Hotelbett.

Nach dem Ötscher zum See

Nach einer kompakten Rundwanderung am herrlichen Hengstpass geht die Reise durch den Nationalpark Steirische Eisenwurzen ins Ötscherland. Mit 1893 Metern ist der Ötscher der höchste Gipfel im Mostviertel – und mit seiner Pyramide einer der formschönsten in den Ostalpen. Das Wort „Ötscher“ ist slawischen Ursprungs und bedeutet „Vaterberg“. Ob deshalb eine heimlich auf dem Gipfel errichtete Holzskulptur vor einiger Zeit Berühmtheit erlangte? Aber zu spät: Das Kunstwerk in Phallus-Form verwandelte sich im vergangenen Jahr ähnlich geheimnisvoll und hat nun Ohren, Augen, große Tatzen und eine Nase – das Teil auf dem Gipfel hat sich in einen Ötscherbären verwandelt.

Mindestens genauso bekannt wie der markante Berg sind die Ötschergräben, die zu Recht als „Grand Canyon Österreichs“ gelten. Geformt haben sie die tiefen Taleinschnitte der Erlauf und der Ötscherbach. Das hört sich wieder nach Schlafen mit Bachgeplätscher an und ja, es ist diesmal die Ybbs, an deren Ufer wunderschön das Ötscherland-Camping liegt. Einen kurzen Spaziergang entfernt breitet sich der Lunzer See aus, er verzaubert mit smaragdgrünem Wasser. Rundherum faszinieren tiefgrüne Hügel, darüber graublauen Felsen. Weite Teile des Ufers sind unverbaut.

Wie fabelhaft sich der See in die Ybbstaler Alpen schmiegt, sieht man am besten vom Hausberg aus, dem Maiszinken. Eigentlich aber müsste man von drei Seen sprechen, denn der See hat drei Stockwerke, die eine Wanderung verbindet: vom Lunzer See zum Mittersee (mit Wasserfall) und weiter zum Obersee. Der Hotspot am ruhigen Lunzer See ist das Restaurant Seeterrasse. Wo könnte man den Tag besser ausklingen lassen, als mit einem Achterl auf alten Holzdielen über dem Wasser sitzend? Sommerfrische-Flair vom Feinsten. Man muss gar nicht ans andere Ende der Welt fliegen, um Wildnis, Natur und Modernes zu erleben. In Österreich gibt es reichlich davon und die wohltuende Gewissheit, dass all diese Wunder nur ein paar Autostunden entfernt sind.

>> Erlebnistipps auf Campertour

CAMPEN, CRUISEN, CAMPEN

Alpencamping Nenzing: Mehrfach ausgezeichnet: u. a. als ADAC-Superplatz 2018, Leading Campings.

Achtung: Bei Anfahrt mit großem Wohnmobil oder Wohnwagen Autobahnausfahrt Frastanz nehmen. www.alpencamping.at

Camping Zeinissee: Inklusive Silvrettacard für kostenlose Nutzung Silvretta-Hochalpenstraße, mit Reservierung bereits bei der Anreise. www.camping-galtuer.at

Camping Zirngast in Schladming: Zu Fuß in die Innenstadt dauert nur wenige Minuten. Spazier- und Radweg an der Enns gleich gegenüber. www.zirngast.at

Campingplatz Forstgarten, Nationalpark Gesäuse: Der moderne Nationalpark-Pavillon liegt verkehrsgünstig an der Ennstalbundesstraße, nur fünf Gehminuten vom Bahnhof Gstatterboden und dem nahe gelegenen, gut frequentierten Campingplatz Forstgarten entfernt. Ausgangspunkt für Wanderungen (Ennstalerhütte, Buchsteinhaus, Gesäuseberge) und geführte Touren und Ausgangspunkt der Mountainbikestrecke „Hochscheibe“ im Nationalpark. Mit Gastronomie, Sonnenterrasse und Shop. www.landesforste.at

Ötscherland-Camping, Lunz am See: Partnerbetrieb des Bergsteigerdorfs Lunz am See. Tipp für kulturell Interessierte: Die Lunzer Seebühne ist ein multifunktionelles Bauwerk direkt am Seeufer, und es gibt Festivals wie die „Wellenklänge“. Untertags können sich die Badegäste auf der rund 50 m2 großen Bühnenfläche sonnen. Am Abend wird die stufenförmige Sitzplatzabdeckung durch Wasserkraft gehoben, und eine überdachte Zuschauertribüne mit 250 Sitzplätzen entsteht. www.oetscherlandcamping.at

Servicetipp „wild“ campen: www.help.gv.at
Für ganz Österreich einheitlich geregelt ist das Campen bzw. Zelten im Wald: Der Wald darf zwar grundsätzlich zu Erholungszwecken betreten werden, eine „Benutzung“ durch zum Beispiel Lagern bei Dunkelheit oder Zelten ist aber verboten. Erlaubt ist das Zelten im Wald nur dann, wenn die Zustimmung des Waldeigentümers eingeholt wird. Das Campieren außerhalb des Waldbereichs ist in Österreich nicht einheitlich geregelt. Vorschriften etwa zum Campen außerhalb von Campingplätzen oder zum Abstellen von Wohnmobilen und Wohnwagen finden sich vor allem in einzelnen Landesgesetzen (jedoch nicht in allen Bundesländern). In diesen werden teilweise auch die Gemeindevertretungen ermächtigt, Verordnungen in Bezug auf das Campieren zu erlassen. So bestimmen viele dieser Verordnungen, an welchen Orten der jeweiligen Gemeinde das Campen außerhalb von Campingplätzen erlaubt beziehungsweise verboten ist.

Compliance-Hinweis: Diese Reise wurde teilweise von Tourismusverbänden unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2019)

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