Benidorm: Liebe auf den zweiten Blick

Benidorms Skyline beeindruckt, ist aber nicht jedermanns Sache.
Benidorms Skyline beeindruckt, ist aber nicht jedermanns Sache.Benidorm Tourismus

Das im Sommer überbevölkerte Reiseziel an Spaniens Costa Blanca hat mehr zu bieten als seine gewaltige, an Manhattan erinnernde Skyline. Ein Besuch in der Nebensaison überrascht, die wahre Schönheit liegt im Hinterland.

Der allererste Blick auf Benidorm, von der Autobahn AP-7 im Süden kommend, macht noch nicht wirklich Lust auf mehr. Es sei denn, man hat als Bauunternehmer soeben einen lukrativen Auftrag an Land gezogen. Bettenburgen reihen sich nahtlos aneinander, Hochhäuser schießen wie anderswo Pilze aus dem Boden. Architektonisch ist das schwere Kost. Der Stadt an der spanischen Ostküste, 60 Kilometer vom Flughafen Alicante entfernt, eilt ein zweifelhafter Ruf voraus. Benidorm gilt als Synonym für Massentourismus, der Begriff der „Benidormisierung", also der ausartenden Verbauung einer Stadt, hat hier seinen Ursprung.

Anfang der 1950er-Jahre war Benidorm noch ein verträumtes Fischerdorf, der damalige Bürgermeister, Pedro Zaragoza Orts, verfolgte jedoch ganz andere Pläne. Señor Zaragoza Orts wollte sein Dorf um jeden Preis wachsen sehen – nicht horizontal, ausschließlich vertikal. Also ließ er zunächst Straßen asphaltieren, stattete das Dorf mit einem Wasserversorgungssystem aus und legte 1956 einen kühnen Bebauungsplan vor, der so ziemlich alles erlaubte. 1959, als noch Oliven- und Mandelbäume das Ortsbild prägten, entstand das erste große Hotel. 60 Jahre später haftet der Stadt das zweifelhafte Image an, die, bezogen auf die Einwohnerzahl, größte Hochhausdichte der Welt zu haben. Von den 200 höchsten Gebäuden Spaniens stehen allein 140 in Benidorm.

Über 300 Wolkenkratzer drängeln sich hier, auf der Suche nach der eigenen Bleibe kann der Besucher also schnell den Überblick verlieren. Überragt wird alles vom Gran Hotel Bali, das 52 Stockwerke zählt, 186 Meter in den Himmel ragt und damit das höchste Hotel Europas ist. „Benihattan" oder „Beniyork", wie Benidorm in Anlehnung an Manhattan oder New York scherzhaft auch genannt wird, bewegt sich in den Sommermonaten an der Grenze zur Unerträglichkeit. Nämlich dann, wenn die beiden an sich wirklich hübschen Strände Levante (zwei Kilometer Länge) und Poniente (drei Kilometer) von sonnenhungrigen Touristen (vor allem Engländern) geflutet werden.

Das gebirgige Hinterland lockt mit einer Vielzahl an Outdoor-Aktivitäten.
Das gebirgige Hinterland lockt mit einer Vielzahl an Outdoor-Aktivitäten.Benidorm Tourismus

Viele Outdoor-Möglichkeiten

Benidorm hat aber auch ein zweites, weitaus hübscheres Gesicht. In den Herbst- und Wintermonaten sind die Bettenburgen zwar nicht aus der Skyline verschwunden, sie sind aber längst nicht so überfüllt wie noch im Sommer. Strände und Restaurants lassen sich um vieles stressfreier besuchen. 300 Sonnentage zählt Benidorm im Jahr, dank seines Mikroklimas ist die 67.000-Einwohner-Stadt immer eine Reise wert. Die wahre Schönheit Benidorms versteckt sich abseits des Zentrums und fernab der Massen, im Hinterland. Eine mehrstündige Jeep-Tour in die nahe gelegene Bergwelt entpuppt sich als Volltreffer.

Der niederländische Guide Dennis führt uns zum Puig Campana (1408 m), auf dem Weg hinauf vermengt sich die frische Bergluft mit dem unverwechselbaren Geruch von Fenchel. Hier, vom Gipfel des Campanas, wirken Benidorms Wolkenkratzer wie ihre eigene Miniaturausgabe. Bei der Fahrt durch die Sierra de Aitana, ein Bergmassiv, das auf 1558 m den höchsten Punkt der Provinz Alicante erreicht, kommen Naturliebhaber voll auf ihre Kosten. Die steilen Hänge, die in den Kalkfelsen geschürften Bergkämme und die alten Olivenbäume verleihen der hiesigen Landschaft einen wilden, ungezähmten Charakter. Mit etwas Glück lassen sich Wildschweine, Füchse, Luchse oder Bergziegen erspähen. Romantiker buchen am besten die Moonlight-Safari.

Auch Sportskanonen werden rund um Benidorm fündig. 56 Routen in allen Schwierigkeitsgraden erfreuen leidenschaftliche Kletterer, idyllische Rad- und Wanderwege locken. Apropos: Auch die weltbesten Straßenradfahrer haben Benidorm und seine Umgebung in den vergangenen Jahren für sich entdeckt. Immer häufiger bereiten sich einige der besten Radfahrer der Welt in den Wintermonaten nicht mehr am Hotspot Mallorca, sondern hier, auf dem Festland, auf die neue Saison vor. Die Straßen, so heißt es, seien in einem noch besseren Zustand, der Verkehr weniger – und das Klima ohnehin perfekt.

Paella für zu Hause

Nach dem Sport schmecken die Tapas in Benidorms Altstadt noch besser. In der Calle Santo Domingo wird bei großem Angebot von Salteado de gambas (sautierten Garnelen) bis Pimientos de Padrón (in Olivenöl frittierten Paprikaschoten) der Gaumen verwöhnt. Oder aber man bereitet sich die Mahlzeit kurzerhand selbst zu.

Miriam und Jesus betreiben seit zweieinhalb eine Kochschule, die Idee kam dem Paar bei einem Kochkurs im Thailand-Urlaub. Schon der gemeinsame Einkauf auf dem Markt ist ein Erlebnis, Jesus wirft allerlei Gemüse in seine Tragetasche, die Meeresfrüchte hat er bereits vorbestellt. Wenig später finden wir uns in der schmucken Küche der beiden Gastgeber wieder, bereiten gemeinsam Gazpacho (kalte Gemüsesuppe), Chorizo cidre (Paprikawurst in Apfelwein) und eine köstliche Meeresfrüchte-Paella zu. Die Rezepte gibt es mit auf den Heimweg.

Unterwegs in Benidorm

Hin: Mit Level zwei Mal wöchentlich Wien–Alicante (60 km von Benidorm).

Übernachtung: Asia Gardens Hotel & Thai Spa. Eine grüne Oase abseits der Wolkenkratzer, eingebettet zwischen Bergkette und Küste.

Ausflüge: Marco Polo Expediciones. Jeep-Safaris (auch nachts), Kajak- und Fahrradverleih, Tauchen, Bootsausflüge.

Paella-Kochkurs mit Einheimischen: Benidorm Cooking Experience in der Altstadt, Gruppen bis zu zwölf Personen.

Infos: www.spain.info

Compliance: Die Reise erfolgte auf Einladung des spanischen FVA (Turespaña).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2019)