Thüringen

Martin Amanshauser

Wie eine Mischung aus der weiten Landschaft des Mittelwestens und dem herben Charme Ostösterreichs. Geschichte mit Swimmingpool-Tipp.

Verlässt man Weimar in Richtung Süden, breiten sich Thüringens ockergelbe Felder nach allen Richtungen hin aus – unter einer hellblauen Himmelsglocke, die den Eindruck erweckt, man befände sich in den unendlichen Weiten des amerikanischen Mittelwestens. Über Bad Berka nach Rudolstadt weichen die Felder den Wäldern. Die Straßen werden zu schmalen Alleen, bei denen gelegentlich jeder einzelne Baum in ostdeutscher Gründlichkeit eine kleine private Leitplanke erhalten hat. Via Bad Blankenburg erreicht man den Thüringer Wald das Tal des Flusses Schwarza, laut Goethe „ein fürtrefflicher Weeg der Schwarze nach, durch ein tiefes Thal zwischen Fels und Wald Wänden“, und somit auch Schwarzburg. Nahe des gleichnamigen Schlosses. Im Hotel „Zum Weißen Hirschen“, hat Reichspräsident Ebert 1919 die Verfassung der Weimarer Republik unterfertigt. Im Schloss, erstmals im 12. Jahrhundert gebaut, heute teilweise ruinenhaft, wurden noch bis 1820 Fasane gezüchtet. Es gab sogar einen Fasanenwärter.

Von den steilen Bergrücken, vom Schloss, sieht man ins Schwarzatal und auf ein violettes Swimmingpool. Leicht versteckt in der Waldlandschaft ist das Schwimmbad Schwarzburg, Adresse „An der Hirschwiese“, wunderbar eingebettet zwischen unebenen Wiesen, einem FKK-Bereich und dem Pool mit dem auffälligen Schild „Um das Schwimmbecken ist das Rauchen nicht erlaubt“. Um 16 Uhr haben die meisten Badegäste das Bad schon verlassen, das offiziell um 18 Uhr schließt.
„Wollen Sie wirklich noch schwimmen?“, fragt ein älterer Herr mit rundem Gesicht, offenbar der Schwimmmeister – so nennt man in Thüringen die Bademeister – „gerade wollte ich heimgehen!“ Schon, sage ich, ist es denn nicht möglich? „Doch“, antwortet er, „machen Sie nur. Wir schließen um fünf. Aber wir hätten heute nie aufsperren sollen. Bei derart schlechtem Wetter kommt ja keiner.“ (Offensichtlich bezieht er sich auf ein paar Wolken am Himmel eines guten Badetags.) Ich entschuldige mich mehrfach und lasse meine Solidarität erkennen. „Heute waren höchstens drei Gäste im Wasser“, erklärt er weiter, „ich bin 71. Nächstes Jahr werde ich 72. Es ist mein letztes Jahr. Mit Ende der Saison mach ich Schluss, das sag ich Ihnen!“ Ich bin ja nur gekommen, rede ich mich heraus, weil mir von oben, vom Schloss aus, das Schwimmbecken auffiel. „Da hätten Sie eben nicht runterschauen sollen“, antwortet er. Ich empfehle ihm, zur Tarnung seines Beckens ein paar Bäume zu pflanzen. „Nee, Bäume pflanz ich keine mehr, ganz sicher nicht.“ Und dann wendet er sich konzentriert der Poolreinigung zu.

NEU: Martin Amanshauser, Es ist unangenehm im Sonnensystem, Kremayr & Scheriau 2019, www.amanshauser.com