Nachhaltigkeit in allen Dimensionen

Nur in einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft könne echte Nachhaltigkeit erreicht werden, sagt Botaniker Ulrich Schurr.
Nur in einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft könne echte Nachhaltigkeit erreicht werden, sagt Botaniker Ulrich Schurr.Daniel Novotny

Wie man wirtschaftet, ohne die Lebensgrundlage der Menschen zu zerstören, und welche Innovationen dafür nötig sind, zeigte der Botaniker Ulrich Schurr beim Forum Alpbach auf.

Die Presse: Klimawandel, Umweltzerstörung, Artensterben – um den Problemen des Anthropozäns zu begegnen, braucht es tief greifende Veränderungen unserer Wirtschaftsweise. Reicht es, fossile Rohstoffe durch nachwachsende zu ersetzen?

Ulrich Schurr: Nein, das wäre zu kurz gegriffen. Wir müssen eine echte Kreislaufwirtschaft entwickeln, nur dann kann man wirklich von Nachhaltigkeit sprechen. Denn das Einzige, das gefährlicher ist als eine nicht nachhaltige fossile Wirtschaft, ist eine nicht nachhaltige Bioökonomie – diese würde die Lebensgrundlagen auf der Erde so massiv einschränken, dass wir sie nicht mehr wiedergewinnen können.

Was meinen Sie mit „nicht nachhaltiger Bioökonomie“?

Nicht jede biologische Ressource ist auch nachhaltig – denken Sie nur an die Palmöl-Monokulturen in Südostasien. Wir verstehen unter Bioökonomie daher eine generelle Nutzung biologischer Systeme und biologischen Know-hows, mit dem wir Kreisläufe schließen können. Dazu reichen keine Lösungen für einzelne Probleme, es muss ein systemischer Ansatz her, ein generelles Umdenken: Wie produziere ich, wie konsumiere ich, wie verwerte ich? Um das zu ermöglichen, braucht es natürlich einerseits technische Innovationen, aber andererseits auch gesellschaftliche Veränderungen, um diese Innovationen zu implementieren.

Was wären die wichtigsten Stellschrauben, um eine solche Bioökonomie umzusetzen?

Ein ganz wichtiger Bereich ist die Digitalisierung, mit ihr könnte etwa die Landwirtschaft viel nachhaltiger betrieben werden. Auf Englisch nennt man das Precision Farming: Über verschiedene Überwachungssysteme, per Satellit oder Drohne, können Felder überwacht und zum Beispiel nur dort gedüngt werden, wo es auch unbedingt nötig ist. Oder ein Schädlingsbefall sofort erkannt und dann ganz gezielt bekämpft werden, anstatt großflächig zu spritzen. Einen weiteren Ansatz stellt das sogenannte New Manufacturing dar, hier werden Bauteile im 3-D-Druck mit nachwachsenden, biologischen Materialien hergestellt.

Wie wird dann aber sichergestellt, dass die benötigten Rohstoffe nicht die Ernährungssicherheit gefährden?

Das wäre leicht machbar – man muss sich nur einmal die Zahlen ansehen: Weltweit leiden derzeit rund 795 Millionen Menschen Hunger. Gleichzeitig sind 1,6 Milliarden Menschen übergewichtig. Es ist also zum einen ein Verteilungsproblem. Zum anderen wird der überwiegende Anteil der angebauten Biomasse für die Tierzucht verwendet, was energetisch extrem ineffizient ist – nur circa zehn Prozent der Kalorien, die man für die Aufzucht braucht, stecken dann in den Tieren. Also an Anbaufläche würde es nicht mangeln, wenn man sie nachhaltig nutzen würde. Außerdem muss nicht jeder Wirtschaftszweig auf biologische Rohstoffe umstellen. Die Energiegewinnung aus Wind- und Wasserkraft oder mit Fotovoltaik ist natürlich auch eine nachhaltige Lösung, die man in einer Art Hybridwirtschaft mit bioökonomischen Ansätzen vereinen kann.

Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen sind meist teurer und daher oft unwirtschaftlich. Wie könnte man das ändern?

Das Problem ist hier, dass die ökologischen Kosten der fossilen Rohstoffe, seien diese nun Erdöl, Kohle oder Gas, nicht eingepreist werden. Gemeinsame natürliche Ressourcen wie Wasser, Luft oder Biodiversität werden für ihre Nutzung kostenlos verbraucht. Es herrscht also eine ökonomische Disbalance, die man durch wirtschaftliche Innovationen, wie etwa eine CO2-Steuer, ausgleichen könnte. Dann könnten sich nachwachsende Rohstoffe auch besser auf dem Markt behaupten.

Glauben Sie also, dass sich eine Bioökonomie in die derzeit bestehenden Wirtschaftssysteme integrieren lässt?

Es gibt viele Staaten weltweit, die bereits eine Bioökonomie-Strategie verfolgen und Bereitschaft zeigen, in eine nachhaltige Richtung zu gehen. Das stimmt mich durchaus optimistisch. Aber ob der Wandel schnell genug gehen wird, ist eine ganz andere Frage.

ZUR PERSON

Ulrich Schurr studierte Biologie an der Universität Bayreuth, wo er sich während seiner Promotion mit dem Nährstoff- und Wassertransport in Pflanzen beschäftigte. Er habilitierte sich im Fach Botanik an der Universität Heidelberg und befasste sich dort auch mit Fragen zum pflanzlichen Wachstum. Seit 2001 leitet er das Institut für Pflanzenwissenschaften (IGB-2) am Forschungszentrum Jülich. Schurr ist Mitglied in zahlreichen Expertengremien.