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Die Neue Mittelschule wird leise zu Grabe getragen

Immer mehr Schüler drängen ins Gymnasium. Das hat viel mit dem schlechten Ruf der NMS zu tun. Der wird sich durch die jetzigen Reformen nicht ändern.

Wenn am heutigen Montag die Schulen in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland wieder ihre Pforten öffnen, dann dürften erneut mehr Schüler in die Gymnasien drängen. Denn immer öfter versuchen Eltern ihr Kind nach der Volksschule dort unterzubringen. Der Trend ist seit 1980 ungebrochen.

Damals lag der Anteil der Schüler, die nach der Volksschule in die Unterstufe des Gymnasiums wechselten, bei 22 Prozent. Zwanzig Jahre später waren es knapp unter 30. Mittlerweile ist die Quote österreichweit bei 37 Prozent angekommen. In der Hauptstadt ist sie noch deutlich höher. In Wien drängt bereits mehr als jedes zweite Kind in die AHS (dabei ist die Zahl schon leicht gesunken). Die Eltern setzen dafür vielfach alle Hebel in Bewegung. Das hat viel mit dem Prestige des Gymnasiums, aber wohl noch mehr mit dem Ruf der Neuen Mittelschule zu tun.

Über die Sinnhaftigkeit der praktizierten frühen Trennung der Kinder lässt sich, wie die immer gleiche politische Debatte darüber zeigt, trefflich streiten. Ebenso darüber, wie viele Kinder in welchen Topf sortiert werden sollen. Einig ist man sich nur im Urteil über die Neue Mittelschule. Sie hat trotz großer Finanzspritze das teilweise schlechte Image der Hauptschule nicht abstreifen können. Es sogar einzementiert. Die neue Bildungsministerin, Iris Rauskala, nennt das besorgniserregend (siehe Interview rechts). So laufe die Neue Mittelschule Gefahr, sagte schon ihr Vorgänger, Heinz Faßmann, zur „Restschule“ zu werden. In den Städten ist sie das für viele längst.

Tatsächlich wird das neue Schuljahr das letzte für die Neue Mittelschule sein. Sie wird ab nächstem Herbst das „neu“ im Namen verlieren, nur noch „Mittelschule“ heißen und der alten Hauptschule ähnlicher werden. Denn schon jetzt wird Abschied von einem ihrer Herzstücke genommen. Das Teamteaching galt 2012, als der Schultyp zur Regelschule wurde, als pädagogisches Allheilmittel.

Die Leistungsgruppen wurden abgeschafft und alle Kinder gemeinsam unterrichtet. Sie sollten voneinander lernen. Dafür durften fortan zwei Pädagogen im Unterricht sorgen. Ursprünglich sollte das ein früherer Hauptschullehrer und ein Lehrer aus der AHS oder BHS sein. Doch das hatte sich meist rasch erübrigt. Es war wenig praktikabel und unbeliebt.

Dem Teamteaching selbst wurde durch die erste große Evaluierung der Status des pädagogischen Allheilmittels aberkannt. Es hat nur vereinzelt funktioniert. Deshalb dürfen Direktoren, wenn sie das wünschen, nun erneut (weniger starre) Leistungsgruppen einführen. Sie werden sich spätestens nächstes Jahr auch von dem extra für die Neue Mittelschule geschaffenen Beurteilungssystem verabschieden müssen. An die Stelle der unübersichtlichen siebenteiligen Notenskala werden zwei einander überlappende, je fünfteilige Skalen treten.

Mit diesen Besonderheiten wird auch die Neue Mittelschule selbst zu Grabe getragen. Die roten Bildungsministerinnen führten den Schultyp eifrig ein. Der Bildungsminister der türkis-blauen Koalition baute ihn wieder zurück. Dieses Hin und Her hat wenig mit einer echten Schulentwicklung und schon gar nichts mit Problemlösung zu tun. Denn unbeeindruckt davon wird es weiterhin Jugendliche geben, die die Schule ohne die nötigen Lese-, Schreib- und Rechenfertigkeiten verlassen.


Man darf, wenn man diesen Schultyp attraktiver machen will, die Tatsachen nicht ausblenden. In den urbanen Neuen Mittelschulen nimmt eine andere Klientel als in den AHS Platz. Hier schlagen andere, oftmals soziale Probleme auf. Diese werden weder von den zwei Lehrern im Mathematikunterricht noch in den Leistungsgruppen gelöst werden können.

Deshalb wünscht sich Übergangsministerin Rauskala weniger Lehrer und mehr Unterstützungspersonal. „Es müsste möglich sein“, sagte sie, „hier umzuschichten“. Ist es aber nicht. Denn hier würden sich die finanziellen Belastungen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden, die alle in der Schule mitmischen, verschieben. Und das geht natürlich nicht. Man kann in Österreich zwar alle paar Jahre einen Schultyp zu Grabe tragen. Nicht aber den Föderalismus.

E-Mails an: julia.neuhauser@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2019)