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Teenager in der Psycho-Hölle

Der rücksichtsvolle Kristjan (Paul Forman, l.) öffnet dem von Angststörungen geplagten Jakob (Simon Frühwirth) ein Fenster zu einer anderen Wirklichkeit.
Der rücksichtsvolle Kristjan (Paul Forman, l.) öffnet dem von Angststörungen geplagten Jakob (Simon Frühwirth) ein Fenster zu einer anderen Wirklichkeit.(c) Filmladen

In Gregor Schmidingers Debütfilm „Nevrland“ überwindet ein Teenager mittels Halluzinogenen die Angst vor der eigenen Homosexualität.

Was ist, wenn Kunst der Ausdruck der Seele ist?“ So fragt Kristjan den schüchternen Jakob. Dieser tut sich schwer damit, Kunst zu verstehen. Ums Verstehen geht es gar nicht, meint Kristjan darauf: eher ums Erleben.

Ein Credo, das Gregor Schmidinger wohl unterschreiben würde. Sein Langspielfilmdebüt „Nevrland“ will kein Themenfilm sein, sondern Gefühlslagen vermitteln. Die Empfindungen eines jungen Mannes über Bilder, Töne und Stimmungen zugänglich machen. Empfindungen, die dem Filmemacher selbst nicht fremd sind.

„Nevrland“ (der Titel klingt jugendlich, wie eine Netzsprech-Verknappung des gelobten Nimmerlandes aus „Peter Pan“) handelt vom Teenager Jakob (Simon Frühwirth). Wie ein Alien in Gestalt eines verhuschten Skinheads schleicht er durch die Welt, in die man ihn geboren hat. Seine ist es nicht. Zuhause Kleinbürgermief, das flackernde Narrenkastl, ein dumpfer und einsamer Vater (Josef Hader). Die Gewaltroutine eines Schlachthof-Aushilfsjobs. Keine Freunde.

Nachts erleuchtet nur das Laptop-Viereck sein finsteres Zimmer. Auf Pornoseiten und beim Chat-Roulette sucht er zögerlich Nähe zu Männerkörpern. Und trifft zufällig auf Kristjan (Paul Forman). Ein englischsprachiger Künstler, selbstbewusst und rücksichtsvoll. Mit Humor kitzelt er Jakob aus seiner Schale hervor, bringt den Schweigsamen zum Reden. Das große Feuermal auf der Brust des Jüngeren schreckt ihn nicht ab, im Gegenteil. Da bahnt sich etwas an. Ein Funke, eine Begegnung, vielleicht sogar mehr: das Fenster zu einer anderen Wirklichkeit.

Im Zuge dieser Selbstfindung, eigentlich schon vorher, beginnt sich das Innenleben Jakobs nach außen zu stülpen. Die Angststörungen seiner Hauptfigur visualisiert Schmidinger mit zuckenden Schockmontagen: Plötzlich blitzen zersägte Schweinehälften in der U-Bahn auf. Aber auch Jakobs Freiheitsfantasien brechen sich Bahn: ein atemloser Sprint durch sattes Grün, ein zeitlupenzerdehnter Sprung ins kühle Nass. Am Anfang des Films steht ein Nietzsche-Zitat: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“

 

Lautstarke Ästhetik

Die lautstarke Ästhetik Schmidingers verrät die Zugehörigkeit des 1985 in Linz Geborenen zum heimischen Regienachwuchs. Wie Monja Art („Siebzehn“) und Katharina Mückstein („L'Animale“) setzt er lieber auf Affekt denn auf Distanz. Sein Handwerk eignete er sich autodidaktisch an – und über ein Online-Drehbuchstudium an der University of California. Geld für den ersten Kurzfilm wurde per Crowdfunding lukriert: „The Boy Next Door“ erreichte auf YouTube mehrere Millionen Klicks. 2012 folgte „Homophobia“, bereits professioneller produziert. An beiden Filmen auffällig ist die in hiesigen Kinogefilden nach wie vor ungewöhnliche Offenheit in Sachen Homosexualität.

Für „Nevrland“ (von Ulrich Gehmachers Orbrock-Filmproduktion gestemmt und sowohl beim Max-Ophüls-Festival als auch bei der Diagonale mit Preisen bedacht) schöpfte Schmidinger aus eigenen Erfahrungen. Als filmische Inspirationsquelle erkennbar ist indes der französische Bilderstürmer Gaspar Noé. Schon der rötlich flimmernde Vorspann gemahnt an dessen offensiven Stil. Wie Noé flirtet Schmidinger mit dem Horrorkino: dunkle Räume, hermetische Atmosphären (selbst ein Streifzug durch das KHM bleibt hier menschenleer). Schwarze Löcher schwummern auf dem Computerspielbildschirm. „Fragen Sie die Angst, warum sie so nahe kommt“, weist Jakobs Therapeut (Markus Schleinzer) ihn an. Um sie zu überwinden, muss der Patient erst durch die Psycho-Hölle gehen. Per Halluzinogen katapultiert in einen Albtraum zwischen Darkroom-Tauchgang und Billie-Eilish-Musikvideo: Hauptsache Stroboskop.

Im Kontext der heimischen Filmlandschaft wirkt diese pulsierende Direktheit druckvoll und erfrischend. Dennoch überzeugt sie nur bedingt. Zu tief greift Schmidinger bei seiner Typen- und Milieuschilderung in die Klischeekiste, zu abgenutzt wirken sein Symbolkatalog und sein Effekt-Arsenal (Masken, Rotlicht, Tierkadaver). Oft erscheint die surreale Künstlichkeit des Films arg angestrengt – oder nicht konsequent genug. Doch einem Debüt kann man solche Dinge leicht verzeihen. „Nevrland“ strotzt vor Ehrgeiz und Übermut. Allein das kann dem Ösi-Kino nicht schaden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2019)