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Die Gastfreundschaft der Türkei ist strapaziert

Fast täglich nehmen türkische Behörden afghanische Flüchtlinge fest, die nach Griechenland und damit in die EU übersetzen wollen.
Fast täglich nehmen türkische Behörden afghanische Flüchtlinge fest, die nach Griechenland und damit in die EU übersetzen wollen.imago images / Depo Photos
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Sie waren in der Masse von syrischen Flüchtlingen untergetaucht: Nun werden Afghanen in der Türkei immer öfter aufgegriffen und in ihr Land zurückgeschoben. Um dem zu entgehen, drängen sie Richtung EU.

Istanbul. Sie wollten nach Europa, aber ihr Weg endete in einem Wald an der türkischen Küste: Am Wochenende nahm die türkische Polizei in der Nähe der Stadt Mugla fast 50 afghanische Flüchtlinge fest, die von Schleppern zu Booten an der Ägäisküste gebracht werden sollten. Ihr Bus war mit einer Panne liegen geblieben, und die Schlepper hatten sich mit ihrem Geld – rund 50.000 US-Dollar – aus dem Staub gemacht.

Fast täglich nehmen türkische Behörden afghanische Flüchtlinge fest, die nach Griechenland und damit in die EU übersetzen wollen. Laut dem UN-Flüchtlingshochkommissariat sind seit Jahresbeginn knapp 10.000 Afghanen auf den griechischen Inseln angekommen – das sind fast 40 Prozent aller Neuankömmlinge. Damit kommen in Griechenland derzeit doppelt so viele Afghanen wie Syrer an.

Bisher standen in der Türkei die syrischen Flüchtlinge im Mittelpunkt der Debatte. Mehr als dreieinhalb Millionen Syrer leben bereits im Land, das ist die größte Flüchtlingsbevölkerung der Welt – und an der syrischen Grenze staut sich die nächste Fluchtwelle auf. Bis zu eine Million Menschen sind auf der Flucht vor den Kämpfen in der Provinz Idlib und könnten die Grenze stürmen, wenn die Einschläge näher rücken.

Eine große Sorge ist das für die Türkei, aber nicht die einzige, wie Innenminister Süleyman Soylu kürzlich in einem Fernsehinterview sagte. Allein im vergangenen Jahr griffen die Behörden rund 270.000 illegale afghanische Flüchtlinge auf, und in diesem Jahr dürften es noch mehr werden. „32.000 Afghanen haben wir schon deportiert, mehr als im gesamten Vorjahr“, sagte der Minister. Anders als syrische Flüchtlinge genießen Afghanen in der Türkei keinen Abschiebeschutz: Sie können deportiert werden, wenn die Polizei sie aufgreift. Lange hatten sie in der Masse der syrischen Flüchtlinge untertauchen können, doch das wird in letzter Zeit schwieriger.

 

Regierung steht unter Druck

Die Gastfreundschaft der Türken ist strapaziert, die Regierung steht unter Druck der Wähler und versucht, die syrischen Flüchtlinge zumindest etwas gleichmäßiger im Land zu verteilen. Mit großen Razzien sucht die Polizei seit zwei Monaten in den Großstädten nach Syrern, die nicht dort gemeldet sind. Afghanen, die dabei mit ins Netz gehen, werden abgeschoben. Für sie steigt der Druck, die Türkei zu verlassen und weiter zu fliehen nach Europa. Für viele Syrer sei das Leben in der Türkei trotz aller Probleme auszuhalten, sagt Murat Erdogan, Professor an der türkisch-deutschen Universität in Istanbul und der führende Migrationsforscher der Türkei. „Dagegen haben die Afghanen große Schwierigkeiten.“ Deshalb seien sie nun eher als die Syrer bereit, die teure und gefährliche Reise nach Griechenland anzutreten.

Innenminister Soylu befürchtet, dass die Zahl der afghanischen Flüchtlinge, die über den östlichen Nachbarn Iran in die Türkei kommen, weiter steigen wird. „Derzeit sind zwei Millionen afghanische Flüchtlinge im Iran. Dort gibt es jetzt eine Wirtschaftskrise, wo werden diese Menschen hingehen?“ fragte er im türkischen Sender Habertürk. Die iranische Regierung droht damit, die Afghanen nach Westen zu schicken, wenn der Druck der US-Sanktionen auf Teheran zunehmen sollte. Das werde auch die EU betreffen, sagte Soylu. Nur gemeinsam könnten Lösungen gefunden werden, signalisiert die türkische Regierung Richtung EU.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2019)