Vienna Design Week

„Passionswege": Geformt für die Ewigkeit

Die „Passionswege" der Vienna Design Week führen diesmal auch in den neunten Bezirk. Dort betreiben zwei Manufakturen so etwas wie Vergänglichkeitsbewältigung.

Die Ewigkeit, dieses Zeitfenster scheint ein wenig zu groß für das Design. Man ist ja schon froh, wenn es bei manchen Produkten zu einem zweiten Leben reicht. Dabei könnte das Konzept „Verewigen“ doch ein so nachhaltiger Zugang sein. Zero Waste, ganz einfach, weil die Zeit der Dinge ohnehin nie abläuft. Doch schockgefrieren, das gelingt zurzeit noch am besten mit Gemüse und Momenten. Gut, dass man bei den ersten Kinderschritten das Smartphone dabeihatte, weil man es eh immer dabeihat. Früher nahm man zur Momentaufnahme eher Öl auf Leinwand. Oder auch Zinn statt Pixel: Vor allem bei großen Ereignissen, die dann doch mehr Menschen betrafen als den engsten Familienkreis. Da liefen die kleinen Öfen in den Zinnfiguren-Manufakturen heiß. Prinz Eugen, Rudolf von Habsburg, Jesus und vor allem auch Heerscharen von anonymen Soldaten wurden in Zinn gegossen, samt Gulaschkanone, Kutsche, Standarte, Krippe oder was die Ereignisse sonst so brauchten, um möglichst authentisch zu wirken.

Mikrobühne. Aus dem Katalog vors Makroobjektiv: Die Zinn­figuren der Offizin Kovar.
Mikrobühne. Aus dem Katalog vors Makroobjektiv: Die Zinn­figuren der Offizin Kovar.(c) Erli Grünzeweil/ Susanna Hofer

Passion fürs Zinn. Wien ist voller Parallelwelten. Doch selten stolpert man von der einen in die andere. Außer man verirrt sich in den Waldviertlerhof zum monatlichen Stammtisch des Vereins „1683“, der „Gesellschaft der Freunde und Sammler kulturhistorischer Figuren“. Oder man klopft in der Liechtensteinstraße 66. Wenn sie da ist, macht wahrscheinlich Brigitte Kovar auf, und schon steht man mittendrin – im Mikrouniversum. Hier brennen nicht nur regelmäßig die Zinnöfen, sondern auch die Herzen vor Leidenschaft. Höchst ansteckend scheint diese ohnehin zu sein. Der Ehemann Brigitte Kovars, der die Offizin heute führt, war selbst mit 17 schon entflammt worden. Ganz zufällig beim Strandurlaub, wie Kovar erzählt: „Im Hauptberuf war er aber Oboist für die Vereinigten Bühnen“. Die restliche Zeit nahm er’s ähnlich genau wie auf dem Notenblatt. Denn „so oder so ähnlich“ ist auch hier keine Kategorie: „Bei den Zinnfiguren sollte alles möglichst authentisch und historisch korrekt sein“, erzählt Kovar. Die Farben, die Uniformen, die Szenerien. Gelöscht wurde das Feuer für die Welt aus Zinn hier in der Werkstatt nie wirklich. Auch weil Kovar noch immer heißes Zinn in jene Formen gießt, die ihr Mann früher graviert hatte. Für auch längst vergangene Ausschnitte der Wirklichkeit – wie etwa aus der Kollektion „Römische Brandbekämpfung“. Dann zieht Kovar ihre Handschuhe und Lederschürze an, die richtige Form aus dem Regal im Archiv, macht den Zinnbarren auf ihrer Werkbank ein Stück kleiner und einen Sammler irgendwo auf der Welt ein Stück glücklicher.

Formenschatz. Brigitte Kovar pflegt in der Liechtensteinstraße 66 in Wien ein Formenarchiv von knapp 1000 Zinnfiguren und ­-objekten.
Formenschatz. Brigitte Kovar pflegt in der Liechtensteinstraße 66 in Wien ein Formenarchiv von knapp 1000 Zinnfiguren und ­-objekten.(c) Carolina M. Frank

Szenenwechsel. Die kleine Manufaktur samt angeschlossenem Mini-Geschäftslokal in der Liechtenstraße ist groß genug, um ein Mittelpunkt zu sein: jener des Wiener Zinnfiguren-Universums. Die Vienna Design Week hat nun auch ein Fotografenduo in diese Gravitation geschubst: Erli Grünzweil und Susanna Hofer studierten beide auf der Universität für angewandte Kunst Fotografie. Heute überblenden sie gern in gemeinsamen Foto-projekten ihre unterschiedlichen künstlerischen und fotografischen Zugänge, den „technischeren“ mit dem „chaotischen“, wie Hofer meint.

Traditionell fährt die Vienna Design Week frühzeitig im Fokusbezirk – diesmal ist es der neunte – die Antennen aus, um besondere Manufakturen und Produktionsstätten auf ihrer Festival-Landkarte zu verorten. Und so blätterten sich Grünzweil und Hofer bald durch Kataloge mit mehr als 1000  Figuren und Objekten, stöberten sich durch unbekannte Wort- und ungewohnte Formenschätze, wühlten sich durch historische Zusammenhänge und querten Mikro-welten, die Künstler akribisch genau in Diaramen hinter Glas inszeniert hatten. Für die Vienna Design Week setzen Grünzweil und Hofer ihr eigenes Set-Design in Szene, dreidimensional anmutende Bilder einer Miniaturwelt. Auch indem sie die Zinnfiguren aus Vitrinen und Katalogen in ganz neue Kontexte zwangsversetzten.

Heimspiel. Die Wiener ­Designerin Teresa Berger wohnt und arbeitet in ­Kopenhagen.
Heimspiel. Die Wiener ­Designerin Teresa Berger wohnt und arbeitet in ­Kopenhagen.(c) Beigestellt

„Wir wollten die Figurenensembles verwenden, um etwas anderes zu erzählen als das, wofür sie ursprünglich geschaffen wurden“, sagt Grünzweil.

Dazu gehört auch die Tänzerin Fanny Elßler, im 19. Jahrhundert soll sie eine Berühmtheit gewesen sein. Tanzen war ihr Talent, eine Vitrine bei Brigitte Kovar ihr Zuhause, als Zinnfigur noch lang nach ihrer Karriere. Grünzweil und Hofer beklebten die Figur mit Stickern, deuteten sie um zur Figur des Modebusiness, zum Model. Noch neun andere Konstellationen arrangierten beide zu aktuellen, gesellschaftsrelevanten Themenkreisen, denen sie sich mit dem Makroobjektiv näherten. Eine kleine Austellung während der Vienna Design Week zeigt die Sujets dort, wo Vergangenheit und Ewigkeit in Zinn verschmelzen. Genauso wie in Form einer Publikation, die gestalterische Anleihen nimmt am ­anachronistisch anmutenden Format des Zinnfiguren­katalogs.

Vergänglichkeitsbewältigung. Am neunten Bezirk rauscht nicht nur Donaukanal-Wasser vorbei. Sondern ganz und gar nicht spurlos: die Zeit. Dazu eine Menge Autos. Vor allem auf der Spittelauer Lände. Dort hat die Ewigkeit auch so etwas wie eine Außenstelle. Obwohl das Haus des Geschehens lediglich in die Ära Maria Theresias zurückdatiert. Damals war es eine Postkutschen­station, wie Helga Tauer erzählt. Sie ist das Einfrauen-Unternehmen Galvanik Austria. Im Keller baden Objekte in Wannen, durch die der Strom fließt. Und die Dinge wandeln sich dadurch. Sogar in ihrem Wesen, obwohl der Prozess der Galvanisierung doch nur die Oberfläche veredelt, mit Metall. Heute dürfen in den Keller nur Ausgewählte. Meist ist das Helga Tauer selbst, ihre Aushilfe. Und ausnahmsweise eine Wiener Designerin, die in Kopenhagen sich meist mit Zerbrechlichem beschäftigt, nicht mit Unvergänglichem: Teresa Berger. Das Format der „Passionswege“ der Vienna Design Week hat Tauer und Berger zusammengespannt. Die Designerin tauchte so ein in eine Welt, in der Objekte in Metallbäder tauchen. Um vernickelt, vergoldet, versilbert, verchromt, veredelt zu werden. Tauer pflegt mit „Galvanik Austria“ heute noch eine gestalterische Nische, für Sammler vor allem. Oder Restauratoren, die mit Teilen von Lustern vor der Tür stehen.

Aufwertung. Galvanisierung veredelt Ober­flächen und adelt ­Wegwerfprodukte.
Aufwertung. Galvanisierung veredelt Ober­flächen und adelt ­Wegwerfprodukte.(c) Beigestellt

Der Prozess der Galvanisierung wandelt nicht nur die Oberfläche und Anmutung der Objekte, er transformiert auch Wesentlicheres: das Banale ins Schmuckvolle, das Wertlose ins Bewahrenswerte. Dafür stehen in den Vitrinen im Büro schon einige Anschauungsobjekte. Auch jene, die früher natürlich, organisch waren. Vergoldete Blumen vor allem, die seien heute noch sehr beliebt bei Sammlern, erzählt Tauer. Verrotten, vergammeln, verfaulen – Vergänglichkeit hat viele Formen; den Lauf der Dinge gestalterisch anhalten, das hat auch die Designerin Teresa Berger besonders interessiert, erzählt sie. Ein Apfel ist ein fauler Apfel ist Kompost. Wenn er nicht rechtzeitig galvanisiert wird. „Ein Japaner hat sich mal von mir eine Blutwurst vergolden lassen“, erzählt Tauer.

Die Oberfläche, die das Wesen verändert. Ein Ansatz, mit dem sich der durchschnittliche Designer, der Tiefgang sucht, erst mal anfreunden muss. Teresa Berger hatte aber schnell ihren eigenen Zugang gefunden zu ihrem Projekt. Keramik ist das Material ihrer Wahl in Kopenhagen, doch Plastik beschäftigt das Design global noch mehr, auch weil es die Gesellschaft belastet statt bereichert. „Mir hat sofort dieser Konservierungsaspekt gefallen“, sagt Berger. Und diesen gleich auf Objekte und Produkte angewandt, die zu wertlos zum Konservieren scheinen. Wegwerf-Plastiklöffel etwa. Wattestäbchen auch. Oder Luftballons. „Ich wollte mithilfe des Prozesses Dingen, die keinen Wert zu haben scheinen, einen Wert verleihen.“ Wie auch Tauer schon emotionalen Werten wertloser Dinge metallenen Ausdruck verlieh: in Form von Baby-Schnullern. Oder einem Meerigel, denn man im Traumurlaub aufgeklaubt hatte – nichts ist zu banal, um es unvergänglich zu machen, mit Metall zu verewigen. „Ich wollte aus Massenprodukten ein Unikat machen“, beschreibt Berger ihr Projekt. Aber dabei auch die Region thematisieren, wo Wegwerfplastik normalerweise endet: das Meer. Aus veredelten Wegwerfprodukten und Keramikobjekten gestaltete Berger Mikroszenerien, die an die organischen Linien und Formen des Ozeans erinnern. 

Tipp

„Passionswege". Erli Grunzweil und Susanna Hofer zeigen ihre Fotos bei Zinnfigurenoffizin Kovar in der Liechtensteinstraße 66. Teresa Berger präsentiert ihre Objekte bei Galvanik Austria, Spittelauer Lände 29. Vom 27. bzw. 28.9. bis 5.10. Weitere Informationen finden Sie auf www.viennadesignweek.at

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