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Theater/Kino in einem italienischen Sanatorium (2016); Thomas Windisch, Ilija Trojanow, Thomas Macho, „Wer hat hier gelebt?“, Brandstätter Verlag, 2019.
Theater/Kino in einem italienischen Sanatorium (2016); Thomas Windisch, Ilija Trojanow, Thomas Macho, „Wer hat hier gelebt?“, Brandstätter Verlag, 2019.(c) Beigestellt

Lost Places: Bröckelnder Putz begegnet literarischer Science-Fiction und Wissenschaft.

Mit zehn Jahren stürzte ich mitten in einem Wald in einen verlassenen Swimmingpool. Die Wasserfläche war mit einem gelbgrünen Algenteppich überwuchert. Dieser Anblick hatte mir aus irgendeinem Grund suggeriert, es handle sich um einen aufgelassenen Tennisplatz – ich hielt den Boden unter meinen Füßen für fest und hüpfte hi­nein. Das Platschen und das Auftauchen mit der Algenblüte aus Cyanobakterien im Haupthaar werde ich ebenso wenig vergessen wie, in der halben Sekunde davor, meine Faszination angesichts des heruntergekommenen „Tennisplatzes", die Mischung aus Entdeckungsfreude und Vergänglichkeitstrauer.

Ähnliche Gefühle überkommen wohl den Fotografen Thomas Windisch an den Hunderten „Lost Places" bei der Aufnahme seiner menschenleeren und doch so lebendigen Bilder. Versammelt sind sie im Bildband „Wer hat hier ge-lebt?", allesamt Orte jenseits der öffent­lichen Wahrnehmung, aufgelassene Fabrikshallen, Haft- und Heilanstalten, Speisesäle, Schulen, Glashäuser, Thermalhotels, Schrottplätze, Kraftwerke oder sonstige Überbleibsel der indus­triellen Revolution. Windisch, Meister seines gruseligen, herzbewegenden, todtraurigen Fachs, geht bei der Inventur untergegangener Schönheit exakt, jedoch nie klinisch vor. Pflanzen erobern sich die Zivilisation zurück, Moder trifft auf Staub und Verwesung, wir begegnen der Welt nach unserer Spezies.

Die Texte dazu sind mehr als bloße Bildband-Untermalung. Neben einem aufschlussreichen Dark-Tourism-Aufsatz des Kulturwissenschaftlers Thomas Macho belebt Ilija Trojanow mit sprachlicher Intensität das Genre literarisch anspruchsvoller Science-Fiction: „Auf Planet Erde herrscht noch die Zeit. Und schafft erstaunliche Kunstwerke." Trojanow liefert eine Erzählung aus der Sicht von Extraterrestriern, die den Planeten „explorieren", und er ringt dabei der Situation ein Maximum an Erkenntnis ab. Leider durfte sich ein Grafiker mit Schriftgrößenspleen an seinem Text abarbeiten, offenbar, um Text und Buch zu vercoffeetablen. „Keine Reise ohne Probleme", konstatiert der Außerirdische. Trotzdem ein Vergnügen!

www.amanshauser.at