Kritik

Skinheads: Wer aussteigt, riskiert sein Leben

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Drastisch zeigt der Film „Skin“, wie ein US-Rassist die Szene verlassen will – nach einer realen Geschichte.

Die Tätowierungen sind der Köder. Sie verlocken Teenager mit einem Hang zu rebellischer Düsternis. „Die erste Tätowierung ist gratis“, sagt die lässige ältere Gang-Leaderin Shareen wie nebenbei zu einem jungen Mädchen. Sie lässt sie rauchen und schenkt ihr das Ketterl, das in ihrem Auto hängt: „Das ist Freya, die Göttin der Liebe und des Todes. Weißt du, dass sie die Seelen der getöteten Krieger nach Walhalla gebracht hat, damit sie dort schlemmen können? So cool ist sie.“

Wikingerromantik und Germanenesoterik, Kampfhunde, Lagerfeuer und flächendeckend tätowierte Körper – und dazu eine unfassbare Brutalität: So porträtiert der Film „Skin“ das Alltagsleben im 2003 gegründeten Vinlanders Social Club im Bundesstaat Texas. Wobei das Wort „Alltag“ einem kaum über die Tastatur kommt. Zu diesem gehört es nämlich auch, Migranten anzuzünden oder auf andere Weise zu massakrieren. Der aus Israel stammende US-Filmemacher Guy Nattiv hat den Vinlanders Social Club freilich nicht erfunden, und auch die Geschichte beruht auf einer realen. Der 33-jährige Jamie Bell spielt sich dabei schonungslos ins Gedächtnis der Zuschauer: als Sohn des älteren Führerpaars, der aus der Szene aussteigen will und dabei fast umkommt. Seine Helfer: ein afroamerikanischer Menschenrechtsaktivist und Mitglied einer Organisation, die sich darauf spezialisiert hat, Rechtsextreme zum Ausstieg aus der Szene zu bewegen – und das FBI.

 

Kein Moralfilm für Unterstufler

Mit dem thematisch verwandten Kurzfilm „Skin“ hat Guy Nattiv heuer einen Oscar für den besten Action-Kurzfilm gewonnen. Der Langfilm kann einen nicht kaltlassen, man muss aber vor ihm warnen: Ein Aufklärungsfilm für 13-Jährige ist das nicht. Nattiv setzt vor allem auf den Schock der naturalistisch vorgeführten Gewalt. Der Zuschauer ist als Augenzeuge mittendrin. Diese „White Supremacists“ sind Mörder: Das ist die dringliche Botschaft. Wer sich mit ihnen einlässt, kommt nicht ungeschoren davon.

Man erlebt das an der Hauptfigur Bryon Widner. Seine Beziehung zu einer Aussteigerin aus der Szene und deren Töchtern weckt in ihm den Wunsch nach einem anderen Leben. Die Umkehr eines rassistischen Mörders wird nicht psychologisch glaubhaft gemacht. Aber es geht auch um anderes: darum, drastisch zu zeigen, wie gefährlich es ist, Angehörigen dieser (mit europäischen Rechtsextremen gut vernetzten) Szene auch nur den kleinsten Finger zu reichen. In leitmotivischen Zwischensequenzen sieht man aus nächster Nähe, wie ein stöhnender Bryon wieder von seinen Tätowierungen befreit wird: eine quälend langsame Folter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2019)