Akademie

Die Bildhauer waren noch nie so nah am Schillerplatz

Material der Bildhauerschulen-Recherche verwandelte Pille-Riin Jaik zu exotischen Gewächsen.
Material der Bildhauerschulen-Recherche verwandelte Pille-Riin Jaik zu exotischen Gewächsen.Lisa Rastl

Ein tolles Buch und eine Ausstellung erzählen historische und heutige Legenden aus der Bildhauerschule.

„Spukschloss“ steht seit heuer in Leuchtschrift über dem Eingang zu den Bildhauerateliers der Akademie. Stefanie Seibold hat die aus dem nahen Prater gerettete Werbeschrift dort angebracht, an diesem der Welt immer so enthoben wirkenden Ort. Verbirgt doch die bürgerliche Cottage-Villen-Architektur so besonders schön den Zweck, für den sie 1913 errichtet wurde: um den beiden „Spezialschulen“ für Bildhauerei, die im Hauptgebäude am Schillerplatz nie Platz hatten, endlich fix einen zu geben.

Bis heute scheint dieses von Eduard Zotter gebaute Steinschloss eine gewisse Ruhe, vielleicht auch Narrenfreiheit zu bieten. In der Böcklinstraße regierten immer schon die Regeln und Ränke anderer, legendärer Lehrender wie Fritz Wotruba, Joannis Avramidis oder Bruno Gironcoli, die zum Teil dort auch wohnten. Es ist fast besagter Spuk, dass die Bildhauerschule gerade jetzt, mit der neuen Ausstellung im Akademie-Showroom in der Eschenbachgasse, so nah an den Schillerplatz rückt wie noch nie. Denn die dortige Akademie ist leer, wegen Renovierung geschlossen. Was übrigens auch länger als gedacht noch so bleiben wird: Zur Ausstellungseröffnung am Mittwoch gab der neue Rektor, Johan F. Hartle, bekannt, dass sich die Fertigstellung um ein halbes Jahr verzögere. Der Lehrbetrieb kann am Schillerplatz erst im Wintersemester 2020/2021 wieder aufgenommen werden.

 

Wagner wollte Akademie auf Schmelz

Da sind die Bildhauer längst wieder dort, wo sie hingehören, hinterm Efeuschleier in der Peripherie. Nur einmal gab es den Plan, alle Akademie-Institute zu vereinen: Otto Wagner entwarf dafür ein riesiges Pavillonsystem auf der Schmelz. Es wurde ad acta gelegt, nachzulesen im extrem informativen Band zur Geschichte der Bildhauerschule, die seit einer Lehrveranstaltung von Simone Bader und Jakob Krameritsch 2015 aufgearbeitet wurde und der jetzt herausgekommen ist. Sie liefert das Hintergrundrauschen zur Gruppenausstellung, in der 25 Arbeiten heutiger Professoren, Lehrender, Studierender und Absolventen den aktuellen Spirit wiedergeben, zeigen, dass in der Bildhauerschule schon lang nicht mehr vormittags modelliert und nachmittags gemeißelt wird, wie einer der ersten Professoren, Edmund Hellmer, es verlangte.

Einige legendäre Arbeiten sind zu sehen: das Video über das 1,2 km lange Stromkabel, das Leopold Kessler 2004 von der Böcklinstraße in seine Wohnung legte. Ein Karton, auf den Josef Dabernig seinen täglichen Zigarettenkonsum während seines Studiums 1979/80 notierte. Teile des Regals, das Lone Haugaard Madsen 2002 durch alle Geschoße, vom Keller bis in den Dachboden, baute. Der wenig heroische Abguss, den Franz Pichler 1988 von einer Jüngling-Statue des in der NS-Zeit lehrenden Bildhauerprofessors Josef Müllner anfertigte (Leihgabe aus der Sammlung des Gironcoli-Assistenten und Chronisten Werner Würtinger). Zentral steht auch die fragile Papierrollen-Säule, die Michelangelo Pistoletto bei seinem Antreten 1992 in seiner Klasse aufstellen ließ: Sie stammte von Heimo Zobernig, der Pistoletto 2000 selbst als Bildhauer-Professor nachfolgte. Ein Jahr später übrigens erst bekam die erste Frau eine Bildhauereiprofessur, Angela Bulloch. Gefolgt von Monica Bonvicini, deren Professur noch immer nicht nachbesetzt ist. Nächste Woche gibt es acht Hearings dazu.

Bis 14.12., Eschenbachg. 11, Di.–Fr. 11–18 h, Sa. 11–15 h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2019)