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Auszeichnung

Ein Mahner und Ermutiger

Arik Brauer und seine Frau Naomi (Mitte) im Kreise der Gratulanten im Jüdischen Museum.
Arik Brauer und seine Frau Naomi (Mitte) im Kreise der Gratulanten im Jüdischen Museum.(c) Katharina F.-Roßboth

Arik Brauer wurde als Erster mit dem neuen Fritz-Csoklich-Demokratiepreis von Styria, „Kleiner Zeitung“ und „Presse“ geehrt.

Wer sich je gefragt haben mag, wie viel Energie in Arik Brauer steckt – der Sprung des Neunzigjährigen auf die Bühne lieferte die Antwort. Dort oben, auf dem Podium im Jüdischen Museum, nahm Brauer am Montagabend einen Preis entgegen, den es so noch nie gegeben hat: Einen Demokratiepreis, vergeben an einen Künstler, benannt nach einem Journalisten: nach Fritz Csoklich, dem legendären Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“.

Das Datum war nicht zufällig gewählt: Es war der Vorabend von Fritz Csoklichs Todestag vor zehn Jahren; auch er wäre heuer 90 Jahre alt geworden, seinem Andenken ist der neue, von Styria Media Group, „Kleiner Zeitung“ und „Presse“ gestiftete Preis gewidmet. Sein Sohn Michael, auch er ist Journalist geworden, saß in der Jury. Zunächst, berichtete Styria-Vorstandsvorsitzender Markus Mair, sei die Idee tatsächlich gewesen, einen Journalistenpreis zu stiften. „Aber es gibt schon so viele“, und: Ein Demokratiepreis würde Csoklichs Wirken sogar noch eher gerecht. So war er 1964 einer der Proponenten des Rundfunk-Volksbegehrens – gemeinsam mit Hugo Portisch, der an diesem Abend auch dabei war. Wie überhaupt viele, die man sowohl zu Csoklichs als auch zu Arik Brauers Wegbegleitern zählen kann.

Das Jüdische Museum war dabei ein höchst passender Ort für die Preisverleihung: Gerade eben ist hier Arik Brauers Ausstellung „Alle meine Künste“ zu Ende gegangen. Es war die dritte Schau Brauers in dem Haus – und die erfolgreichste in dessen Geschichte, ex aequo mit jener über die Ringstraße. Direktorin Danielle Spera fehlte – sie war in New York, um sich um „eine der wichtigsten Kuratoren-Aufgaben“, das Fundraising, zu kümmern, entschuldigte sie ihr kaufmännischer Leiter, Markus Roboch.

Arik Brauer sei „ein begnadeter Erzähler“, so formulierte es dann Salzburgs Festspiel-Präsidentin und Jury-Mitglied Helga Rabl-Stadler. „Aus allem kann er eine Geschichte machen und tut es auch – ob mit Worten in seinen Liedern, ob in Bildern mit seiner Kunst.“ Das Schönste sei: „Das ist eine Laudatio, bei der nichts übertrieben ist“, bei der man nicht das kleinste bisschen schwindeln müsse. Brauers Bilder seien „fabelhafte Welten“, dann wieder „realistisch, schön und schrecklich, immer wieder auch bedroht“. Er singe „von Einbeinigen, die auf der Kellerstiege Spiritus trinken, und von der zahnlosen Spinnerin, die den NS-Terror überlebt. Er malt den Brudermord, den Marsch der Juden aus der Wüste. Und seinen Vater, der allein im Schnee steht, eine blaue Decke um die Schulter gewickelt, die ihm damals ein österreichischer SS-Mann reichte.“

 

Heinz Fischer, Fanklub-Präsident

Die eigentliche Laudatio hielt dann Heinz Fischer, Alt-Bundespräsident und amtierender „Präsident des Arik-Brauer-Fanklubs“ (Rabl-Stadler). Der Preis, so Fischer, sei eine Win-win-Situation in dreifacher Hinsicht: „Eine verdiente Würdigung für einen großartigen Journalisten, eine große Ehre für meinen lieben Freund Arik Brauer und ein gezieltes Bekenntnis zu Demokratie und offener Gesellschaft.“

Auch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka bedankte sich dafür, „dass dieser Preis ausgelobt wurde“. Als Jugendlicher habe er Brauers Bilder verehrt, die „eine andere als die tägliche Welt“ erschlossen. Bald sei Brauer auch als Musiker, Interpret und Universalkünstler in aller Munde gewesen, erst später als „Mahner, Zeitzeuge, Ermutiger“. Angesichts der heutigen Neukonstituierung des Parlaments werde er zum Dialog aufrufen, und ja, er wisse, dass das ein wiederkehrender Wunsch am Beginn jeder Legislaturperiode sei. Gleichzeitig sei Demokratie etwas, das nicht nur die Politik, sondern „alle Österreicher angehen sollte“.

Zumal, wie Preisträger Arik Brauer am Ende betonte, die Demokratie ja überhaupt erst eine Erfindung des Menschen sei. „Es gibt sie nicht in der Natur.“ Der Mensch sei das einzige Wesen, das Machtposition freiwillig wieder abzugeben in der Lage sei. Das, immerhin, unterscheide ihn vom Ziegenbock: „Der wird vom Jüngeren, Stärkeren dazu gezwungen.“

Vor uns, mahnte er, stünden „Probleme, die wir noch gar nicht abschätzen können“. Es gehe darum, „eine Weltdemokratie“ zu schaffen. „Aber Europa ist eine Entwicklung in diese Richtung, und wehe uns, wenn dieses Experiment scheitert. Was auf uns zukommt, wird schwer sein, die Tragödien des 20. Jahrhunderts sind nichts im Vergleich zu dem, was uns erwartet. Mit den Patenten und Ideen der Vergangenheit können wir diese in keiner Weise konfrontieren.“ Doch Brauer bleibt hoffnungsvoll, zumindest in der Auswahl der Lieder. Sein Wunsch zum Abschluss: „We Shall Overcome“ – und viele sangen mit.

AUF EINEN BLICK

Der Fritz-Csoklich-Demokratiepreis richtet sich an in- und ausländische Personen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion und Publizistik. Die Preisträger müssen „vor dem Hintergrund der wachsenden gesellschaftlichen Polarisierung, der loser werdenden gesellschaftlichen Klammern (...) dazu beitragen, diese Entwicklungen ins Positive zu verändern“. Der Preis ist nach dem ehemaligen Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ benannt. Arik Brauer im Gespräch:

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2019)