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Foxconn: Die dunkle Seite des Erfolges

Foxconn dunkle Seite Erfolges
(c) EPA (JULIEN TAN)
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Foxconn produziert in China mit schmalen Gewinnspannen, militärischer Präzision und der Hilfe des Regimes. Aber der Zorn der Arbeiter wächst. Seit Jänner dieses Jahres sind elf Mitarbeiter gestorben.

Peking.34 Stunden Arbeit ohne Pause waren zu viel: Yan Li, ein 27-jähriger Foxconn-Arbeiter, ist am 27. Mai tot zusammengebrochen. Es ist der elfte Tod eines Mitarbeiters seit Jänner dieses Jahres. Zehn Foxconn-Arbeiter sind aus ihren Heimen gesprungen oder haben sich ihre Pulsadern aufgeschnitten. Li starb an Erschöpfung. Er soll seit einem Monat nur Nachtschicht gearbeitet haben und jeden Tag zusätzlich Überstunden gemacht haben, teilte die US-Organisation China Labour Watch mit.

Foxconn ist die größte Elektronikmanufaktur der Welt und beliefert alle wichtigen Handy- und Computermarken – von Sony und Nokia bis zu Apple, Dell und Cisco. Bis vor Kurzem kannten dennoch nur Brancheninsider den taiwanischen Konzern Hon Hai und seine Tochter Foxconn. Erst die Selbstmordserie in den Foxconn-Werken warf ein grelles Licht auf den Konzern und die Arbeitsbedingungen, unter denen dort im Sekundentakt Telefone, iPads, Laptops oder Spielkonsolen produziert werden.

 

Paradekonzern Foxconn

Die Geschichte des Konzerns ist ein Musterbeispiel für die Bedingungen, die das chinesische Wirtschaftswunder möglich gemacht haben. Sein Gründer Terry Gou errichtete 1974 mit 7500 Dollar auf der Insel Taiwan seine erste Werkstatt. Bald konnte er sich Aufträge großer US-Firmen sichern. Als die KP-Führung in den 1980er-Jahren ausländische Investoren holte und ihnen günstige Steuern, billige Arbeitskräfte und zahnlose Gewerkschaften versprach, begann der Siegeszug.

Terry Gou, dessen Vermögen zuletzt auf rund sechs Milliarden Dollar geschätzt wurde, baute in Shenzhen und anderen Gebieten seine Fabrikstädte auf. Dort arbeiten Frauen und Männer Anfang 20, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben ihre Dörfer verlassen haben.

Die Arbeit ist in winzige Einheiten zerlegt, Ungelernte können schnell eingesetzt und neue Aufträge der Kundschaft besonders schnell erledigt werden. Während der zwölfstündigen Schichten ist es, wie Angestellte berichten, in vielen Werkhallen verboten zu sprechen. 682.000 Menschen beschäftigt der Konzern inzwischen.

Mit hauchdünnen Gewinnspannen gelang es Foxconn, sich an die Weltspitze zu setzen: Branchenexperten erwarten, dass der Konzern 2011 allein die Produktion von Notebooks von zehn auf 20 Millionen Stück verdoppeln dürfte. Das Unternehmen stellt bislang auch den Löwenanteil der iPads, iPhones und iPod Nanos für Apple her.

 

Der Zorn in China wächst

Der größte Konkurrent von Foxconn, der singapurische Konzern Flextronics, machte im Vorjahr mit 31 Milliarden US-Dollar etwa halb so viel Umsatz wie Foxconn, dessen Gewinne 2009 rund 2,4 Milliarden Dollar betrugen. Beinhart senkt Foxconn die Kosten. Medienberichten zufolge verdienten die Arbeiter in Südchina bisher im Schnitt ein Grundgehalt von 1200 Yuan (142 Euro) pro Monat, an anderen Standorten nur zwei Drittel davon. Das ist mehr als der gesetzliche Mindestlohn, angesichts rasant steigender Lebenshaltungskosten aber wenig. So gut wie alle Foxconn-Beschäftigten machen regelmäßig Überstunden, Zwölf-Stunden-Schichten sind gang und gäbe, um auf das Doppelte des Grundlohns zu kommen.

Die Selbstmorde bei Foxconn nähren in China den Zorn über die soziale Ungerechtigkeit, die das Wirtschaftswunder des Landes begründet. In Zeitungen und im Internet wird darüber debattiert, wie es möglich sei, dass sich die neue wohlhabende Mittelschicht und eine kleine, steinreiche Elite teure iPhones und Autos leisten können, während die Löhne von Millionen Wanderarbeitern in den vergangenen zwei Jahrzehnten kaum gestiegen sind.

 

Höherer Mindestlohn ab Juli

Foxconn ließ inzwischen Netze aufspannen, um weitere Selbstmorde zu verhindern und richtete eine Suizidhotline ein. Außerdem kündigte die Firma eine allgemeine Lohnerhöhung von 20 Prozent an.

Der Ärger über die niedrigen Löhne in Zeiten großer Teuerungen beschränkt sich nicht auf Foxconn. In derselben Provinz streiken hunderte Arbeiter in einer Fabrik, die Zubehör für Honda produziert, um eine Erhöhung des Einstiegslohns von 1544 Yuan auf rund 2500 Yuan (295 Euro). Die Regierung ließ angesichts der Proteste nun die Gehälter anheben: In rund 30 Provinzen und Städten soll der monatliche Mindestlohn ab Juli um 20 Prozent auf 960 Yuan (115 Euro) steigen, berichtet die staatliche Zeitung „Global Times“.

Die Proteste beunruhigen die Behörden. Am Montag forderte die Pekinger „Volkszeitung“, ein trockenes Parteiblatt, die staatliche Gewerkschaft auf, sich für „Arbeit in Würde“ einzusetzen. Für die 420.000 Foxconn-Mitarbeiter in Shenzhen sind den Berichten zufolge 15 amtlich anerkannte Vollzeitgewerkschafter zuständig, die sich um Fragen wie die Qualität des Kantinenessens und der Wohnheime kümmern dürfen.

AUF EINEN BLICK

Elf Tote seit Jahresbeginn –zehn Selbstmorde und der Tod eines Arbeiters durch Erschöpfung haben den chinesischen Elektronikhersteller Foxconn international ins Scheinwerferlicht gerückt. In China wächst der Protest der Arbeiter, die mit geringen Löhnen und unzähligen Überstunden das chinesische Wirtschaftswunder erst möglich gemacht haben. Die Regierung reagiert nun und hebt den Mindestlohn ab Juli an. Auch die Konzerne wollen ihren Arbeitern mehr zahlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2010)