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Ruth Klüger: "Die jüdische Religion ist frauenfeindlich"

Ruth Klueger juedische Religion
Ruth Klüger(c) Michaela Bruckberger
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Die Autorin liest am Dienstagabend in der Alten Schmiede aus ihrem Buch "weiter leben". Der "Presse am Sonntag" erzählt sie, warum es lebensrettend sein kann, sich die Zeit mit Gedichten zu vertreiben.

In Ihrem Buch „weiter leben“ über Ihre Kindheit und Jugend schreiben Sie, Lyrik habe Ihnen geholfen, in Auschwitz die Appelle, die Hitze, den Durst und den Hunger zu überstehen. Sie haben Verse memoriert.

Ruth Klüger: Lyrik ist wunderbar, wenn Zeit vergehen muss. Wenn man Zeit überwinden muss, irgendwie durch sie durchleben muss. Das ist natürlich Eskapismus, wobei mich immer stört, dass dieser Begriff so abwertend gebraucht wird. Dabei kann die Möglichkeit zu fliehen lebensrettend sein! Ich habe beides erlebt: Dass man sich die Zeit vertreibt, indem man sich etwas aufsagt. Und dass man davonläuft.

 

An welche Gedichte aus dieser Zeit erinnern Sie sich noch?

An viele! Zum Beispiel an die Balladen von Schiller. Obwohl ich ihnen heute kritischer gegenüberstehe als damals, kann ich sie noch immer auswendig. Das ist so mit dem Alter: Wenn ich mir drei Sachen merken will, die ich mitbringen soll, vergesse ich mindestens eine. Aber die Balladen Schillers haben sich eingebrannt. Und nicht nur die. Es gab in meiner Wiener Kindheit eine Werbung in der Straßenbahn: „Der Sonne Kraft den Apfel schafft, drum trinke Obis Apfelsaft“. Das würde ich ganz gerne loswerden. Aber das kann man nicht wegwerfen wie ein altes Stück Papier.

 

Wie kam es, dass Sie als Zwölfjährige so viele Gedichte auswendig wussten?

Ich durfte ja in Wien nicht mehr in die Schule gehen, ich war eingesperrt! In die Parks durfte ich nicht, ins Kino nicht, gar nicht hinaus – und mit den Erwachsenen war nichts anzufangen, die waren alle wahnsinnig nervös. Es gab nichts zu tun. Die Bücher waren eben da.

 

Eine sehr schöne Passage widmet sich dem Thema „freier Wille“. Er wird ja von der modernen Wissenschaft immer wieder in Frage gestellt.

Das ist etwas, was mich auch sonst umtreibt: das Thema freier Wille und Zufall. Man hat nicht oft in seinem Leben Gelegenheit, etwas zu tun, das die Existenz eines freien Willens bestätigt – aber man hat ihn. Man muss nur die Tiere beobachten: Je höher entwickelt ein Tier ist, desto weniger kann man voraussagen, was es als Nächstes tun wird. Bei einzelligen Wesen weiß man das ziemlich genau – ob aber etwa ein Dackel kommen wird oder nicht, wenn man ihn ruft, kann man schon nicht mehr sagen. Und beim Menschen überhaupt. Der Nachteil ist: Man kann auch nicht vorhersehen, wozu die Menschen fähig sind. Wer hätte denn damals geglaubt, dass die Österreicher und Deutschen imstande sein werden, einen Teil ihrer Zivilbevölkerung umzubringen! Das waren doch Menschen, deren Erziehung im Humanismus oder in der Kirche wurzelte. Es war ihnen von daher verboten, das zu tun, was sie dann taten. Man kann alles, was passiert, im Nachhinein auf eine Ursache zurückführen. Aber man kann es nicht voraussagen. Das Unvoraussagbare ist für mich der freie Wille.

 

Sie nennen aber ein positives Beispiel. Eine jüdische Schreiberin hat Ihnen zugeflüstert, Sie sollen bei der Selektion angeben, Sie seien schon 15.

Ja, sie hat mir das Leben gerettet. Ein anderes positives Beispiel: Meine Mutter, meine Pflegeschwester und ich haben beschlossen zu fliehen.

 

Sie schreiben sehr offen über die ambivalente Beziehung zu Ihrer Mutter.

Ich habe immer wieder Briefe erhalten, in denen Frauen schreiben: „Ich habe ganz andere Erfahrungen gemacht als Sie – aber das Verhältnis zu Ihrer Mutter kann ich nachvollziehen.“ Meine Mutter war sehr neurotisch. Was heißt neurotisch. Paranoid. Aber sie hat im Lager oft die richtige Entscheidung getroffen – gerade weil sie so paranoid war. Das hat sich dort bewährt. Sie hat nie wie andere geglaubt: Das gibt es nicht – wir leben doch in Mitteleuropa!

 

Ihre Mutter hat Ihnen unmittelbar nach Ihrer Ankunft in Auschwitz vorgeschlagen, sich in den Elektrozaun zu werfen.

Ich fand das damals ganz unmöglich. Ich war mir nicht einmal sicher, ob sie es ernst meinte. Es war so verrückt. Mit zwölf Jahren möchte man nur leben! Seit ich selbst Kinder habe, kann ich das verstehen. Aber wir haben nie wieder darüber gesprochen.

 

Haben Sie mit Ihren Kindern darüber gesprochen? Zwei Freundinnen haben neulich von ihren Vätern erzählt: Der eine war bei der Wehrmacht in Russland, der andere im KZ – aber beide haben mit ihren Kindern nicht über diese Zeit reden können.

In der Nachkriegszeit herrschte eine Kultur der Verschwiegenheit. Wenn das Erlebte zu dramatisch war, hat man es eben weggedrängt. Weil man es nicht ertragen konnte. Der Nachteil ist, dass es eben nicht wirklich weg ist – es bleibt stecken und holt einen später ein.

Sind Sie religiös erzogen?

Nein. Ich habe eine Zeit lang noch an einen Gott geglaubt – aber der hat sich zunehmend vergeistigt, und irgendwann war er ganz weg. Die jüdische Religion ist ja wie alle biblischen Religionen frauenfeindlich. Auch wenn es heute weibliche Rabbis gibt, ich weiß: Sie werden sich nur die Köpfe blutig schlagen. Im Judentum sind zehn Männer eine Gemeinde. Keine Frauen. Männer. Und ich habe spät erfahren, dass es ein Morgengebet gibt, in dem sich die Männer beim Herrgott dafür bedanken, dass er sie nicht als Frau erschaffen hat.

 

Der Protestantismus ist in diesem Punkt am weitesten.

Da lohnt sich ein genauerer Blick. Warum gibt es etwa so wenige protestantische Autorinnen? Die Klöster haben auch mit sich gebracht, dass Frauen am geistigen Leben teilnehmen durften. Man denke nur an die Nonnenlyrik. Bei den Protestanten war eine nicht verheiratete Frau eine alte Jungfer. Oft verkehrt sich ein Nachteil so in einen Vorteil.

 

Sie bringen im Juli bei Zsolnay einen Band über Literatur von Frauen heraus. Er heißt „Was Frauen schreiben“. Schreiben Frauen anders?

Nein. Sonst würde man annehmen müssen, dass es tatsächlich Unterschiede gibt zwischen dem Verstand von Männern und dem von Frauen. Natürlich kann man Tendenzen feststellen: dass es etwa mehr Heldinnen gibt, dass dem Thema der weiblichen Körperlichkeit mehr Platz eingeräumt wird, dass die Nebenfiguren oft sensibler beschrieben werden. Aber man kann einem Text nicht ansehen, ob er von einer Frau oder einem Mann geschrieben wurde.

 

Wobei die Männer oft so tun, als ob.

Männer lesen nicht gern Bücher von Frauen. Der Autorin von Harry Potter wurde sogar geraten, Initialen zu verwenden – weil Buben nicht so gerne Bücher von Frauen in die Hand nehmen. Aber das war natürlich vor ihrem großen Erfolg.

 

Sie haben erklärt, dass Frauen anders lesen: weil sie von früh auf lernen, sich mit männlichen Helden zu identifizieren.

Natürlich nimmt man als Frau die Perspektive des Hamlet ein – und nicht jene der Ophelia. Das hängt nicht damit zusammen, dass Frauen negativ geschildert würden. Im Gegenteil: Sie sind oft einfühlsamer, liebevoller, alles Mögliche. Aber es bleibt meistens bei Stereotypen. Die Schurken und die Ambivalenten sind spannender – und sie sind fast durchwegs männlich.

Außer im Märchen. Alle interessanten Figuren dort sind weiblich – und am Ende kommt kurz der Prinz und darf die Braut küssen.

Die Brüder Grimm haben die Märchen ja nicht selbst geschrieben. Sie waren Ghostwriter! Erzählt haben die Frauen – und man darf mutmaßen, dass die Zuhörer vermehrt Mädchen waren. Wobei es auch typische Männermärchen gibt, in denen der Kerl mit dem Teufel ringt. Aber Märchen wie „Dornröschen“ oder „Aschenputtel“ sprechen tiefe weibliche Themen an. Das Thema der Pubertät. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Wobei ja immer nur von der Stiefmutter die Rede ist.

 

Die Mutter, die man hassen darf.

Ja. In der Originalfassung von „Hänsel und Gretel“ war es übrigens noch die wirkliche Mutter, die ihre Kinder aussetzt. Aber das war so scharf, dass es später aufgeweicht wurde.

 

Wo war der Vater?

Auf der Jagd? Auch wenn der Vater in Wahrheit die Macht hat, wird von den Kindern die Mutter als die mächtigste Instanz in der Familie erlebt. Das spiegeln die Märchen wider.

 

Ich möchte noch einmal zu Ihrem Buch „weiter leben“ zurück. Wenn man zu lange wartet, kommt der Tod, schreiben Sie dort.

Ich halte nichts von Geduld. Wenn man etwas tun will, soll man es jetzt tun. Sich hinsetzen und machen. Die Schuhe anziehen und gehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2010)