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Hausbesuch

Wohnen in der Buckligen Welt: Ein Leben wie in Bullerbü

Mit viel Vintage haben sich Verena Wondrak und Mirkus Hahn in ihrer Villa "Henri" in der Buckligen Welt eingerichtet.
Mit viel Vintage haben sich Verena Wondrak und Mirkus Hahn in ihrer Villa "Henri" in der Buckligen Welt eingerichtet.Hilda.Henri
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In der Idylle der Buckligen Welt haben sich Verena Wondrak und Mirkus Hahn mit viel Vintage eingerichtet.

Schon die Fahrt ins Dorf ist ein Erlebnis: Auf einer schmalen Straße zwischen Weingärten und Sonnenblumenfeldern, vorbei an den Ruinen einer ehemaligen Munitionsfabrik, taucht – scheinbar aus dem Nichts – hinter einem Wäldchen, nach einer engen Brücke über einen Fluss, ein verwunschen wirkender Ort auf. Das Dorf mit vielen historischen Bauten und einem weitverzweigten Bachkanalsystem strahlt den ganz speziellen Charme einer ehemaligen Garnison aus und ist umgeben von ausgedehnter, schier endloser Landschaft. Am Horizont erblickt man den Schneeberg und andere markante Gipfel der Wiener Alpen und die Hügel der Buckligen Welt.

 

Unterschlupf für kleine Gäste

In einer Sackgasse am Rand des Örtchens, nicht leicht zu finden, liegt das 120 Jahre alte Haus – eine wunderschöne Villa mit Patina und zwei Türmen: das Zuhause von Verena Wondrak und Mirkus Hahn, Gründer des Kindermodelabels Hilda.Henri.

Henri heißt auch die Villa, sie diente früher Generälen und ihren Familien als Zuhause. Idyllisch ist es hier: Vor dem Haus plätschert ein kleiner Bach, an seinem Ufer wuchern üppiges Grün und Holunderbüsche, sogar einen Kuckuck hört man rufen. „Wir haben lange nach einer Möglichkeit gesucht, Leben auf dem Land und Arbeit in der Stadt zu verbinden“, erzählt Mirkus Hahn, „dieser Ort ermöglicht uns das.“ Der Reichtum und die Wildheit der Natur und die gleichzeitige Nähe zur Metropole Wien, seinen Kaffeehäusern, Museen und Theatern mache diesen Platz für die Familie so wertvoll. „Die Weite und Großzügigkeit der Umgebung verändert uns auch im Inneren. Sie inspiriert uns in unserem kreativen Schaffen und stärkt unser Lebensgefühl“, schwärmt Hahn. „Unsere Tochter findet hier ihr Bullerbü, den Ort aus Astrid Lindgrens geliebtem Kinderbuch.“

Auf der ehemaligen Werkbank einer Traktorwerkstatt wird gegessen, gefeiert und gearbeitet.
Auf der ehemaligen Werkbank einer Traktorwerkstatt wird gegessen, gefeiert und gearbeitet.Hilda.Henri

Die 180 Quadratmeter große Wohnung des Duos, das sich für seine Kreationen sowohl von alpenländischen Traditionen als auch von zeitgenössischem Design und Kunst inspirieren lässt, liegt auf einer Etage im Mezzanin und besitzt insgesamt fünf Zimmer, Küche und Bad. Zwei Wanddurchbrüche zwischen Küche, Wohnzimmer und Esszimmer schaffen einen sehr offenen, loftähnlichen Charakter, ein großzügiger Erker im Schlafzimmer und viele große Kastenfenster ermöglichen die Nähe zur Natur.

Auf Schritt und Tritt

Vom Esszimmer gelangt man über eine verwachsene Holztreppe in den 1000 Quadratmeter großen Garten. Alter Baumbestand mit Kastanien und Eschen umsäumt das Grundstück – und hält den frischen, manchmal rauen Wind aus den Bergen vom Haus fern. „Wir wohnen seit zwei Jahren hier und haben bis jetzt keine größeren Umbauten vorgenommen. Wir genießen nach vielen Jahren in der Stadt die Natur und versuchen soviel Zeit wie möglich im Garten zu verbringen“, sagt Mirkus Hahn.

„Dort haben wir bis jetzt am meisten verändert, gepflanzt und angelegt: einen Steingarten mit mediterranen Kräutern, Oleander- und Olivenbäume in Töpfen, eine Feuerstelle – bei Schönwetter ist das zusätzlicher Wohnraum.“ Manches haben die beiden auch gezielt sich selbst überlassen, um seltenen Tieren Unterschlupf und Versteck zu bieten: „Im Winter kommen Fasane von den Feldern zum Fressen auf unser Grundstück und nicht selten erspäht man vom Wohnzimmer aus Hasen oder Rehe.“

 

Selbst Hand anlegen

Die Natur ist auch im Interieur omnipräsent: Die Wände wurden in Natur-, beziehungsweise hellen und sehr dunklen Grautönen gestaltet – als Kontrast zum satten, üppigen Grün des Gartens. Die bunt gemixten Möbelstücke sind vor allem Vintage- oder Industriemöbel, auch sie stehen in interessantem Gegensatz zur üppigen Natur. Fast jedes dieser Teile verfügt über eine besondere Geschichte. Manche Stücke wurden von den Besitzern selbst restauriert, vor allem jene, mit denen sie eine spezielle Geschichte verbinden. Der lange Tisch im Esszimmer diente jahrzehntelang in einer Traktorwerkstatt als Werkbank, der Kleiderschrank stand in der Sakristei einer Dorfkirche in Süddeutschland, der Schubladenkasten aus Eisen in einer zum Theater umgebauten Autowerkstatt.

Ein alter Kachelofen im Esszimmer schafft Gemütlichkeit.
Ein alter Kachelofen im Esszimmer schafft Gemütlichkeit.Hilda.Henri

Vereinzelte Bauernmöbel aus der eigenen Kindheit erinnern an die bayrischen Wurzeln der dreiköpfigen Familie. Gemütlichkeit wird trotz stilistischer Perfektion großgeschrieben, das eine schließt das andere nicht aus: In der kalten Jahreszeit schaffen ein alter Kachelofen im Esszimmer, der bis unter die Decke reicht, sowie ein Kaminofen im Wohnzimmer behagliche Wärme. Zentraler Ort und Treffpunkt der Familie ist der massive Holztisch im Esszimmer. Er dient dem geselligen Zusammensein, zum Hausübung machen als Schreibtisch, genauso wie fürs Entwerfen der Skizzen für die Kollektionen. In diesem Raum steht auch das Klavier, auf dem die Tochter spielt. Die vielen kleinen Bildtafeln – Vorlage für einen Stoffdruck der letzten Winterkollektion – wurden von Mirkus Hahn mit Acrylfarben gestaltet.

In den warmen Monaten schätzt die Familie es auch, abends draußen auf der ehemaligen Heurigenbank unter dem Blauregen zu sitzen oder dort, wo sich das Grundstück zu den Feldern hin öffnet, und den Blick über die Felder, die Steppe zum Schneeberg schweifen zu lassen. „Unsere Tochter liebt die Schaukel in der haushohen Esche. Gerade bauen wir an einem Baumhaus im Kirschbaum. Und die vorgelagerte Veranda verspricht, ein Lieblingsplatz zu werden, um den Sonnenuntergang zu beobachten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2019)