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Ängstlicher Reisender der Liebe

Die Liebe stellt sich bei Andr´e Aciman als Kaleidoskop dar. Ein Mensch kann verschiedenen Partnern auf ganz unterschiedliche Weise zugetan sein.
Die Liebe stellt sich bei Andr´e Aciman als Kaleidoskop dar. Ein Mensch kann verschiedenen Partnern auf ganz unterschiedliche Weise zugetan sein.Sigrid Estrada

André Aciman beschreibt in „Fünf Lieben lang“ den emotionalen Lebensweg von Paul – von der ersten ungestümen Schwärmerei bis zur emotionalen Mutlosigkeit im Alter.

Glaubt man den Beziehungsratgebern, dann erlebt jeder Mensch im Leben drei große Lieben. Die erste, bei der alles neu ist und man selbst naiv. Die zweite, bei der man schon besser weiß, was man will und was nicht (und die genau aus diesem Grund scheitert). Und die dritte – wenn man schon nicht mehr daran glaubt. André Aciman macht sich nicht viel aus den schematischen Darstellungen der Ratgeber und hat in seinem neuen Roman über fünf Lieben geschrieben. Es waren nicht die einzigen im Leben seines Protagonisten – und womöglich nicht die letzten. Und anders als im Lehrbuch steuert sein Held Paul nicht auf den Olymp des amourösen Wissens zu. Im Gegenteil. Je älter er wird, desto weniger scheint er von den großen Gefühlen zu verstehen.

Die Leser lernen Acimans Helden vor allem im Spiegel seiner Liebhaber und Liebhaberinnen kennen. Fünf miteinander lose verbundene Kapitel erzählen Stationen des Liebeslebenslaufes von Paul, von dem man nur erfährt, dass er in Italien aufgewachsen ist und heute in New York lebt. Die Parallele zu Acimans Biografie ist augenfällig. Der 68-jährige Autor, dessen Romane „Mein Sommer mit Kalaschnikow“ und „Ruf mich bei deinem Namen“ ihn auch im deutschen Sprachraum bekannt gemacht haben, wurde in einer sephardischen Familie in Ägypten geboren, verbrachte seine Jugend in Italien und wanderte später in die USA aus.


Erste Schwärmerei, erster Schmerz.Details von Pauls Leben bleiben vage. Er verkehrt in großbürgerlichen Kreisen (Abendgesellschaften mit „Mehr-oder-weniger-Freunden“), spielt Tennis und ist einigermaßen belesen. Umso mehr konzentriert sich Aciman auf das Gefühlsleben seines in Liebesdingen gern zögerlichen Helden. Seine ersten Schwärmereien, geschildert in überbordender Sprache, treffen den um eineinhalb Jahrzehnte älteren Tischler Giovanni. „Paolos“ homoerotische Fantasien, noch unverstanden von ihm selbst, werden immer verzweifelter angesichts des Abgewiesenwerdens (das, wie er erst viel später versteht, damit zu tun hat, dass sein Vater und Giovanni ein heimliches Paar sind). Im zweiten Kapitel wird er zum eifersüchtigen Partner, der seine Freundin Maud der Untreue bezichtigt, wo er doch selbst von seinem Tennispartner träumt. Es werden zwei Jahre (und viele Seiten sehnsüchtiger Beschreibungen) vergehen, bis die Beziehung mit dem sportlichen Manfred zur Realität wird. Als sie dann da ist, scheinen sich Pauls Gedanken schon wieder um jemand anderen zu drehen.


Alle Farben und Formen.Aciman scheint uns mitgeben zu wollen: Die Lieben des Lebens sind unterschiedlich. Manchmal bestehen sie aus Vorfreude; manchmal sind sie intensiv, aber nicht haltbar; und manchmal – wie die alle vier Jahre als wilde Drei-Tages-Affäre ausgelebte Verbindung mit Pauls College-Freundin Claire, seiner sogenannten Sternenliebe – sind sie sporadisch. Die Kunst – die auch Paul erlernen will – besteht darin, sich mit diesem Umstand zu versöhnen.

Zugleich ist Paul eine schwer fassbare, auch mutlose Figur. Er fürchtet, sich zu blamieren; er fürchtet, den richtigen Moment zu verpassen; sich gefühlsmäßig auszuliefern. Seine Bisexualität, die Aciman wohltuend unthematisiert lässt, dient ihm zuweilen als Schutz, um sich nur nicht einer Person hingeben zu müssen. Als er und seine „Sternenliebe“ Claire viele Jahre später ihre College-Romanze rekapitulieren, gesteht er ihr, zeitgleich mit einem Studenten gewesen zu sein. „Am Ende hatte ich womöglich zwei Herren gedient – um nie einem wahrhaft gehorchen zu müssen.“

So wie Claire erst im fortgeschrittenen Alter, erfahren die Leser erst Stück um Stück die Geheimnisse in Pauls Biografie – und sicher nicht alle. Aciman erzählt unterhaltsam und strukturiert seinen Stoff meisterhaft. Und er erinnert uns daran, dass selbst Menschen, die uns sehr nahe sind, immer eine Welt für sich bleiben. ?

Neu Erschienen

André Aciman
Fünf Lieben lang


Übersetzt von
Christiane Buchner
dtv Verlag
352 Seiten
22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2019)