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Umfrage

Gewalt im Spital: 85 Prozent betroffen

Symbolbild.
Symbolbild.(c) imago/snapshot (snapshot-photography/R.Price)

Der Krankenanstaltenverbund Wien hat seine rund 30.000 Mitarbeiter zum Thema „Gewalt am Arbeitsplatz“ befragt. Das Ergebnis wirft Fragen auf.

Wien. Gewalt ist ein gesellschaftliches Phänomen. Besonders betroffen ist Spitalspersonal, das immer wieder mit Patienten in Ausnahmesituationen konfrontiert ist. Deshalb hat der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) erhoben, wie sich die Situation in den Gemeindespitälern darstellt – die Daten hat das „Department Gesundheit“ der Fachhochschule Bern im Sommer unternehmensweit gesammelt.

1 Was ist das Ergebnis dieser Umfrage unter dem Spitalspersonal?

Die Zahlen sind alarmierend. 84,5 Prozent des Personals war bereits einmal Opfer von Aggression bzw. hat bereits Gewalterfahrungen gemacht. Der Bogen reicht von verbaler Gewalt (Beschimpfungen) bis zu körperlichen Angriffen. Wobei alleine in den vergangenen zwölf Monaten 61,6 Prozent Gewalterfahrungen machen mussten. Der überwiegende Teil betraf Beschimpfungen, die Hälfte wurde bedroht, eingeschüchtert und tätlich angegriffen.

2 Wie ist dieses Ergebnis nun zu interpretieren?

Die Werte liegen laut Sabine Hahn (FH Bern) im internationalen Durchschnitt. Wieso es zu Gewalt in Spitälern kommt? Menschen in Krisensituationen seien oft sehr emotional oder verunsichert, etwa wenn sie noch keine Diagnose hätten und nicht wüssten wie es weitergeht: Hahn: „Menschen suchen sich dann ein Ventil.“

3 Was war der Auslöser, dass diese Befragung durchgeführt wurde?

Am 10. Juli wurde ein Arzt im Kaiser-Franz-Josef-Spital von einem Patienten niedergestochen, der Mediziner überlebte nur knapp. Am Mittwoch startet der Prozess. Dieser tragische Vorfall hat eine Diskussion über die Sicherheit in Spitälern ausgelöst. Daher wollte der KAV wissen, wie die Situation in seinen Häusern ist – was auch Kritik innerhalb des KAV ausgelöst hat: „Wenn die Führung erst eine eigene Mitarbeiterbefragung machen muss, wie es mit Gewalt gegen die Belegschaft aussieht, ist das ein Armutszeugnis für die Führung“, meint ein KAV-Arzt zur „Presse“: „Dann hat die Führung den Kontakt zu den Mitarbeitern längst verloren. Denn es gab laufend Meldungen nach oben.“

4 Was sind die gefährdetsten Bereiche im Spitalswesen?

Die Brennpunkte sind die Notfallambulanzen und die Psychiatrie. Bei den Notfallambulanzen dürften die langen Wartezeiten für Patienten eine Rolle spielen, bei denen aus Sorge um ihre Gesundheit ohnehin die Nerven angespannt sind. So gab es vor Jahren beispielsweise tumultartige Szenen in der Kinderambulanz eines städtischen Krankenhauses – weil nach stundenlangen Wartezeiten die Nerven der Eltern derart blank lagen, dass sogar die Polizei einschreiten musste, um wieder für Ordnung zu sorgen. In der Psychiatrie liegt die Ursache darin, dass manchmal schwere Krankheitsformen auftreten, die (ohne entsprechende Medikamente) Aggressionen fördern.

5 Welche Lehren zieht der KAV aus dieser Umfrage?

Das ist noch völlig offen. Welche Maßnahmen der KAV setzt, soll erst Anfang 2020 diskutiert werden, wenn die Ergebnisse der aktuellen Sicherheitsüberprüfungen der Wiener Spitäler vorliegt.

Was die Experten vorschlagen? Hahn empfiehlt, die Wartebereiche in den Spitälern angenehmer zu gestalten und zusätzlich das Personal entsprechend zu schulen. Wobei Hahn erklärte, dass die Schulungsrate im Aggressionsmanagement „im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch“ sei. KAV-Chefin Evelyn Kölldorfer-Leitgeb erklärte, im Rahmen der Sicherheitsprüfung würde auch die räumliche Situation in den Häusern unter die Lupe genommen.

6 Welche Erkenntnisse gibt es noch? Wer hat die Umfrage finanziert?

Frauen sind von Gewalt ebenso oft betroffen wie Männer. Wobei Gewalt nicht nur von Patienten ausgeht. Acht Prozent der Befragten fühlten sich von Kollegen angegriffen, dazu vier Prozent von einem Vorgesetzten. Insgesamt hat ein Viertel der KAV-Mitarbeiter an der Umfrage teilgenommen. Das betrifft nicht nur Ärzte und Pfleger, sondern auch nicht-medizinisches Personal.

Die Umfrage wurde von der Personalvertretung finanziert. Diese hatte sich bereits in der Vergangenheit öfters über eine neue Form der Gewalt in den Wiener Spitälern beklagt. Deshalb haben einige Spitäler in den vergangenen Jahren auf Security-Dienste in den betroffenen Bereichen gesetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2019)