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„Brüder“: Die dunklen Kinder der DDR

Autorin Jackie Thomae hält in der Identitätsfrage den Ball flach.
Autorin Jackie Thomae hält in der Identitätsfrage den Ball flach.(c) Urban Zintel

Jackie Thomae erzählt großartig nonchalant in einem zweigeteilten Roman von zwei ostdeutschen Brüdern, die nur den unbekannten senegalesischen Vater gemeinsam haben.

Kurz, nur ganz kurz ist man versucht zu denken: Und wieder ein Damals-war-Berlin-so-cool-Roman. „Wieso“, beginnt Jackie Thomae, „fragte Mick sich viele Jahre später, verschwammen die Neunziger in seiner Erinnerung zu einem konturlosen Nebel, obwohl es sein erstes Jahrzehnt als Erwachsener war? Wenn er sich hineinzoomte in diesen Nebel, der sich als Disconebel herausstellte, obwohl man schon lange nicht mehr Disco sagte, dann sah er, dass doch eigentlich viel Bemerkenswertes passiert war.“

Und dann zoomt Jackie Thomae hinein in diesen Nebel und richtet den Scheinwerfer auf Mick, einen unentschlossenen Tagträumer, der durch die Nächte mäandert, keine Entscheidung trifft und ganz nebenbei mit seinem Club gutes Geld macht. Und man liest gerne weiter. „Der Mitreisende“ betitelt Thomae diesen ersten Teil von „Brüder“. Mick, das war „der, dessen Gesicht auf den Klassenfotos nicht weiß, sondern einen Ton dunkler war, also hellgrau, denn die Fotos waren schwarzweiß“. Der glücklich ist, als er Desmond trifft, etwas älter, etwas dunkler und als Amerikaner „mit einem natürlichen Vorsprung an Coolness ausgestattet“. Mick ist der, der Vinyl aufkauft und Musikkritiken schreibt, der sich als Drogenkurier anheuern lässt, der aus allem irgendwie wieder herauskommt, der mit seiner Freundin aus Bequemlichkeit zusammen ist, der regelmäßig einfach untertaucht.

Star-Architekt. So zweigeteilt wie Berlin eben noch war, so zweigeteilt (mit einem kurzen Intermezzo) ist auch dieser Roman. Ab Seite 219 hüpft man in die Nullerjahre, hier geht es um Gabriel. Beherrscht und ehrgeizig, dabei mäßig sozial begabt, ist er das, was die Medien einen Star-Architekten nennen, und er hat hart dafür gearbeitet. Gabriel ist „der Fremde“, er lebt in London, wohnt in einem schicken Haus in einem schicken Stadtteil, hat eine schöne Frau und einen Sohn, der gerne trommelt, auch wenn Gabriel ihn lieber am Cello sähe – und schmeißt eines Tages vor laufender Überwachungskamera die Nerven weg. Wie es dazu kam, lässt Thomae abwechselnd ihn und seine Frau Fleur erzählen. Was man da freilich schon ahnt, ist, was Mick und Gabriel (zumindest) gemeinsam haben: den Vater. Idris, Medizinstudent aus dem Senegal, war einer der vielen jungen Afrikaner, die die DDR mit Stipendien zum Studium ins Land holte – natürlich nicht ohne Hintergedanken. Sie kamen aus Ländern, die gerade keine Kolonien mehr waren, „also junger Nationalstaat. Militärdiktatur, auch egal, Hauptsache, nicht mehr unter britischer, portugiesischer, belgischer oder französischer Fuchtel und damit ein Anwärter dafür, sich auf die sozialistische Seite zu schlagen“. Idris bedauert zwar, im ärmeren Deutschland gelandet zu sein, vergnügt sich aber nichtsdestotrotz. Um die Kinder, die er zeugt, sorgt er sich nicht. Zumal vor allem Monika, Micks Mutter, den Eindruck macht, „als käme sie bestens ohne ihn klar“.

Jackie Thomae, Jahrgang 1972, Schriftstellerin und Journalistin und selbst als Tochter eines afrikanischen Vaters und einer alleinerziehenden Mutter in der DDR aufgewachsen, schreibt exzellent. Sicher und flüssig, nonchalant und aus humorvoller Distanz erzählt sie von ihren beiden Protagonisten und davon, wie wir zu den Menschen werden, die wir in der Mitte unseres Lebens sind. Und natürlich spielen dabei Fragen der Herkunft, der Identität und Hautfarbe eine Rolle – auch wenn vor allem Gabriel großen Wert darauf legt, genau diese Fragen zu ignorieren. Aber auch das ist eine Entscheidung.

Party und Leistung. Gleichzeitig hält Thomae den Ball in Zeiten überhitzter Identitätsdebatten angenehm flach. Vielmehr zeichnet sie aus den zusammenmontierten Biografien ein Bild der Jahrzehnte seit der Wende, porträtiert Partyvolk und Leistungsgesellschaft gleichermaßen. Auf seine alten Tage will Idris, erfolgreicher Gesichtschirurg aus Dakar und Vater zweier Töchter, dann natürlich doch noch seine Söhne kennenlernen. Ein Roman, nicht nur für die „schwarzen Schafe“, denen er gewidmet ist.

(c) Hanser Verlag

Neu Erschienen

Jackie Thomae
„Brüder“
Hanser Verlag, 432 Seiten, 23,70 Euro

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2019)