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„Au poste!“

Alles so beige, alles so schräg

Marc Fraize als tollpatschiger Polizeibeamter in „Au Poste“ („Die Wache“).
Marc Fraize als tollpatschiger Polizeibeamter in „Au Poste“ („Die Wache“).Moviemento
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Der Kino-Surrealismus ist zurück! Das Verhörkammerspiel „Au poste!“ ist das jüngste Beispiel einer Strömung, deren Verfremdungseffekte an Buñuel und Ferreri anschließen.

Es soll ja Menschen geben, die der Ansicht sind, dass unseren Zeiten eine gewisse Seltsamkeit innewohnt. In Multiplex-Sälen und Programmkinos merkt man davon wenig: Dort rollt alles mit Volldampf in gewohnten Bahnen. Superhelden retten die Welt, animierte Tierchen tollen munter durch die Gegend, Madame Beatrice und Monsieur Philippe pflegen ihre Bücherläden und Orangengärten. Den abstruseren Aspekten der Gegenwart verleihen eher Internet-Erzeugnisse und TV-Spartensender Ausdruck – oder Multimedia-Künstler wie die diesjährigen Biennale-Teilnehmer Jon Rafman und Ed Atkins.

Doch in den vergangenen Jahren hat eine neue Riege von Filmsurrealisten den Sprung in den Arthouse-Mainstream geschafft. Wobei es ihnen nicht darum geht, die Untiefen des Unbewussten auszuloten und in somnambule Leinwandform zu gießen – wie David Lynch oder dem frühen Luis Buñuel. Vielmehr versuchen sie, Gesellschaftswidersprüche zuzuspitzen, Selbstverständlichkeiten querzudenken, dem Alltag einen Schluckauf zu verpassen – wie Marco Ferreri oder der späte Luis Buñuel. Dann schreckt man sich, dann lacht man auf. Und sieht vielleicht ein bisschen näher hin.

An vorderster Front steht der Grieche Yorgos Lanthimos, dessen verqueres Historiendrama „The Favourite“ kürzlich beim Europäischen Filmpreis abräumte. Seine Karriere begann er mit Arbeiten wie „Dogtooth“ und „Alps“, sie verfremdeten menschliches Verhalten zur grotesken Kenntlichkeit. Ähnlich verfährt auch seine Landsfrau Athina Rachel Tsangari („Attenberg“, „Chevalier“). Oder der aktuell in den österreichischen Kinos laufende Berlinale-Gewinner „Synonymes“.

 

Quentin Dupieux begann als DJ Mr. Oizo

Da lässt Regisseur Nadav Lapid seine Figuren punktgenau über die Stränge des Gewohnten schlagen, bis innere Motive deutlich durchscheinen. In den USA lieferte der Hip-Hop-Musiker Flying Lotus mit seinem Regiedebüt „Kuso“ einen besonders verstörenden Beitrag zur Surrealistenbewegung – und mit etwas gutem Willen kann man ihr sogar heimische Filmemacher wie Daniel Hoesl und Lukas Valenta Rinner zuordnen.

Doch ihr produktivster Vertreter stammt aus André Bretons Geburtsland Frankreich – und heißt Quentin Dupieux. Kinder der 1990er kennen ihn vielleicht als Mr. Oizo: DJ und French-House-Sensation dank seines Hits „Flat Beat“ (mit knuffigem gelben Stoffmaskottchen im von Dupieux selbst gedrehten Musikvideo). Seit 2010 steigt sein Regie-Stern rasant. Der Durchbruch, „Rubber“, war eine Art Manifest. Dessen Eröffnungsrede beschwört die Kraft der Grundlosigkeit, des „No Reason“-Stils. Es folgt: Die „Geschichte“ eines Autoreifens, der per Telekinese Köpfe zum Bersten bringt.

Seither dreht Dupieux unermüdlich kleinbudgetierte Nonsensstückerln, die manchmal wie zerdehnte Monty-Python-Sketches wirken – und nur selten die 90-Minuten-Marke überschreiten. Stammbesuchern des Wiener Slash-Filmfestivals sind sie längst vertraut, neuerdings horcht auch die Prestige-Liga auf: In Cannes eröffnete Dupieux' Wildlederwahnsinn „Le daim“ heuer eine renommierte Nebenschiene. Ab Freitag regulär bei uns zu sehen ist hingegen – passend unpassend – sein voriger Film: Das vergleichsweise fast schon bodenständige Kammerspiel „Au poste!“.

Der belgische Starkomiker Benoît Poelvoorde gibt darin einen Kommissar, der im muffigen Revier (Einheitsfarbe: Beige) einen Verdächtigen (Grégoire Ludig) verhört. Was als Routine beginnt, eskaliert nach und nach zu einem Katz-und-Maus-Spiel ohne ersichtliche Regeln, in dem es plötzlich aus Brustkörben raucht, Austern mit Schale verspeist werden – und Randfiguren ungefragt in Rückblenden stolpern. Das Ganze wird mit konsequentem Pokerface serviert, was alles freilich umso schräger wirken lässt. Und letztlich in einen Twist mündet, den man ganz, ganz, ganz bestimmt nicht kommen sieht. Am besten genießt das geneigte Publikum diesen Film, ohne sich allzu viele Fragen zu stellen. Warum? No Reason.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2019)